Kultur

«2009 betrug mein Stundenlohn 27 Rappen»

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 29.12.2011 9 Kommentare

Mit der Band Filewile hat Andreas Ryser 2011 den internationalen Durchbruch geschafft. Gleichzeitig weilte er ein halbes Jahr im New Yorker Atelier der Stadt Bern. Heute erklärt er uns die Musikwelt.

«Wir kommen nur weiter, wenn wir noch einen draufsetzen»: Andreas Ryser, Programmierer der Gruppe Filewile.

«Wir kommen nur weiter, wenn wir noch einen draufsetzen»: Andreas Ryser, Programmierer der Gruppe Filewile.
Bild: Manu Friederich

Zur Person

Andreas Ryser, 39, ist in Bern aufgewachsen. Nach einer Lehre als Dekorationsgestalter begann er Musik zu machen und aufzulegen. Als DJ Dustbowl trat er mit dem Kontrabassisten Mich Gerber auf und gründete zusammen mit Kev‘ the Head die erfolgreiche Party-Serie Mouthwatering, Zusammen mit dem Programmierer Daniel Jakob rief er 2003 das Laptop-Duo Filewile ins Leben. 2007 erscheint auf dem 2005 gegründeten eigenen Label Mouthwatering Records das Debüt-Album «Nassau Massage». Mit dem Zuzug des Bassisten Mago Flück und der ghanaisch-schweizerischen Sängerin Joy Frempong wächst die Band zum Quartett. 2009 folgt das Parade-Album «Blueskywell» und überrascht mit ungewohnt groovendem Analog-Elektro-Avant-Pop mit Dub-Einschlag. Die 2010 erschienene Single «On the Run» mit dem südafrikanischen Sänger Pedro Da Silva Pinto wird in Frankreich zum Sommerhit. Demnächst erscheint das Remix-Album «Rewile». Filewile spielen am Freitag, 30. Dezember, in der Progr-Turnhalle Bern.

www.filewile.com

Filewile: «Number One Kid»

Filewile: «On The Run»

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Stichworte

Wir haben Sie beobachtet, Herr Ryser. Es gibt wohl keinen Berner Musiker, der 2011 mehr Reisekilometer zurückgelegt hat.
Es gibt wohl zwei, die noch viel weiter gereist sind als ich. Die beiden Herren von Round Table Knights, die sich gerade auf Australien-Tournee befinden. Aber es stimmt schon. Ich bin viel gereist, weil ich meine Basis für ein halbes Jahr nach New York verlegt habe.

Ihre Band Filewile hat den Durchbruch zur international anerkannten Elektro-Institution geschafft. Sie haben am Montreal Jazzfestival gespielt oder an der Sonar in Barcelona. Wars ein berauschendes Jahr?
Ja, das war es. Wenn man lange Zeit fast ausschliesslich in der Schweiz spielt, dreht man sich irgendwann ein bisschen im Kreis. Es ist schön zu erleben, dass da draussen eine Nachfrage nach uns besteht.

Welches war das prächtigste Erlebnis des Jahres?
Vom Eindruck auf der Bühne sind es natürlich die Festivals, an denen wir vor Tausenden von Leuten spielen konnten. Zum Beispiel der Auftritt am Montreal Jazzfestival. Dort hatten wir einen kata­strophalen Start: Kurz vor unserem Auftritt barst das Tonsystem und gab nur noch ein Knarzen von sich. Wir mussten das Konzert nach einigen Songs für Reparaturarbeiten unterbrechen, unsere Sängerin Joy begann, mit dem Publikum zu singen. Und irgendwie hat uns das dermassen angetrieben, dass daraus unser wohl bestes Konzert resultierte.

Und der grösste Rückschlag?
Das Festival Printemps de Bourges in Frankreich. Im Publikum standen ausschliesslich Veranstalter von wichtigen Clubs. Wir schafften es nicht, sie von uns zu überzeugen. Nach dem Konzert trudelten zehn Annullierungen von Veranstaltern ein, die uns zuvor gebucht hatten.

Ist euer Live-Konzept immer noch dermassen fragil?
Ja. Wir machen keine Musik, die jedem vorbehaltlos gefällt. Es ist anspruchsvolle Musik, die auch durchaus polarisiert. Es klappt meistens, aber es gibt keine Garantie dafür.

Speziell die Franzosen sind auf Filewile angesprungen. Wie erklären Sie sich das?
Das verdanken wir dem Umstand, dass wir einen Booker in Frankreich haben, der sehr gut gearbeitet hat. Wir sind überzeugt, dass das Gleiche auch in Deutschland oder England passieren könnte, würden wir dort jemanden finden, der an uns glaubt. Ich dachte lange, dass wir in der Schweiz fast schon fürstliche Bedingungen geniessen als Musiker, diese Meinung habe ich revidiert. Ich habe in diesem Jahr begriffen, dass uns andere Länder durchaus voraus sind, speziell was die Hilfe beim Export der Musik betrifft.

Haben Sie als Angestellte eines französischen Managers davon profitieren können?
Tatsächlich, ja. Weil wir in Frankreich Lohn beziehen, hatten wir Anspruch auf französische Kultursubventionen. Unsere Reise ans Montreal Jazzfestival hat beispielsweise Frankreich bezahlt.

Neben den Festivals haben Sie eher wenige Club-Konzerte in Frankreich gespielt. Warum das?
Weil unser Management Angst hatte, dass wir die Clubs nicht füllen. So weit sind wir noch nicht. Und eine Tour zu spielen, bei der alle Geld verlieren, ist schädlich für den weiteren Werdegang.

Was fehlt dafür noch?
Das ist schwierig zu sagen. Das geschieht hier ja auch. Es kommen grossartig hochgejubelte Bands in die Schweiz, die dann bloss vor sechzig Leuten spielen. Das ist ein Phänomen der Neuzeit. Das liegt aber nicht nur an den Bands, sondern auch an den Veranstaltern.

Was wäre die Lösung?
Es gilt, eine Marke zu etablieren. Mit unserer Disco-Serie Mouthwatering ist uns das ja über Jahre geglückt. Zuerst luden wir teure englische DJs und Live-Bands nach Bern, irgendwann merkten wir, dass das Label so etabliert ist, dass ich mit meinem Kollegen zu zweit auflegen konnte. Es gibt viele solcher Beispiele. Wenn ich Veranstalter wäre, würde ich hauptsächlich mit solchen Formaten arbeiten. Mit wiederkehrenden Themenabenden, an denen du ein Konzert mit einer stilistisch passenden Disco umrahmen kannst. Marken wie «World Women Voices», «Zuckerhut Parties», «Dubquest» oder die Clubnächte der Round Table Knights haben wunderbar funktioniert. Da sind die Veranstalter gefordert.

Nach dem Dauer-Airplay in vielen europäischen Radios, nach all diesen Touren sollte man meinen, es habe in diesem Jahr auch einiges an Geld in die Filewile-Taschen geflutet.
Ich habe kürzlich meinen Brutto-Stundenlohn der letzten sechs Jahre ausgerechnet. 2011 kam ich tatsächlich auf einen Stundenlohn von 20 Franken. Das ist schon fast astronomisch hoch. Im Jahr 2010 waren er 14 Franken, 2009 betrug er 27 Rappen. 2007 und 2008 war er bei etwa 7 Franken. Ohne Kultursubventionen hätten wir für jede Stunde etwa 10 Franken draufgelegt.

Wären Sie in einer anderen Kunstgattung tätig, würde das bedeutend besser aussehen.
Natürlich. Im Popmusik-Sektor läuft derzeit entsetzlich viel schief. Es kann finanziell gar nicht funktionieren. Vor 10 Jahren hätten wir bei gleichem Aufwand etwa 200'000 Franken mehr eingespielt durch die Verkäufe. Wäre die Musikindustrie noch dort, wo sie 2001 war, könnte die ganze Band gut davon leben.

Hat sich in die Freude über den Erfolg auch Frustration gemischt?
Man muss das akzeptieren. Ich habe gerade die neue Yello-Biografie gelesen. Da denkt man sich schon: Hätten wir doch bloss in den Achtzigern gewirkt . . .

2011 hat der Bundesrat entschieden, das Downloaden von Gratis-Musik soll in der Schweiz legal bleiben. Auch nicht gerade hilfreich, oder?
Dieser Entscheid hat keinen Einfluss auf die Verkäufe, total schwachsinnig ist die Begründung: Die Musiker könnten ihre Einnahmen an den Konzerten generieren. Das zeigt, dass da niemand auch nur einen Funken Ahnung hat. Für mich ist ohnehin schon längst sonnenklar, wie das mit dem Internet funktionieren müsste.

Sagen Sie es uns!
Das Internet muss für jeden gratis verfügbar sein, die Einnahmen sind über die Steuern einzuziehen. Einschliesslich der Urheberrechte.

Sie haben das New-York-Stipendium der Stadt Bern gewonnen und weilten diesen Sommer ein halbes Jahr im Berner Atelier. Was haben Sie dort getan?
Ich habe Konzerte besucht, Leute getroffen, Kontakte geknüpft. Und versucht aufzugleisen, dass wir mit Filewile oder einer anderen Band von unseren Labels Amerika in Angriff nehmen könnten.

Was ist das Fazit?
Ich wüsste nun, wo wir anklopfen müssten, wenn wir in den USA spielen wollten, welche Clubs infrage kämen, wer uns helfen könnte – es ist einiges vorgespurt.

Auch die Erkenntnis, dass es sich um ein Geldvernichtungs-Unterfangen handeln würde?
Das wäre es. Man müsste zuerst viel Geld investieren.

Was hat Sie in New York überrascht?
Die Clubs lassen pro Tag circa acht Bands auftreten, alle 45 Minuten ist eine neue dran, ohne Soundcheck, meist auf dem identischen Instrumentarium. Es ist verdammt schwierig, da herauszustechen. Und die Labels interessieren sich erst für dich, wenn du pro Konzert im Minimum 250 Leute anziehst und ein gewisses Mass an Social-Network-Aufmerksamkeit erreicht hast. Newcomer haben keine Chance mehr, so gut sie auch sind. Labels und Clubs wollen nur noch Bands, die selbst etwas aufgebaut haben. Deshalb kursieren zum Beispiel während der Konzerte stets Anmeldebögen für E-Mail-Newsletter durch die Lokalität.

Wird auch im Musik-Mekka USA mehr geträumt als Geld verdient?
Natürlich. Die Amerikaner wollen alle in Europa spielen.

Sind Sie auch Schweizer Bands in New York begegnet?
Ja, zum Beispiel Sophie Hunger. Ein Super-Konzert, der Laden war mit etwa 500 Zuschauern platschvoll, und die meisten der Zuhörer waren Schweizer.

Laut Businessplan müsste Anfang 2012 ein neues Filewile-Album in den Regalen stehen. Wie weit sind Sie?
Wir haben viele Ideen, sind aber noch weit von einem Album entfernt. Zuerst folgt ein Remix-Album, vielleicht noch eine Single.

Man munkelt, dass ihre Sängerin Joy Frempong künftig nicht mehr dabei sein wird.
Ja, sie wird ihr Soloprojekt vorantreiben, wir sind auf der Suche nach neuen Kooperationen. Zunächst gehen wir mal zu zweit als Soundsystem auf Tournee.

Dann schrumpft Filewile wieder aufs Kern-Duo zusammen. Ist das nicht beängstigend?
Natürlich sind wir an den Konzerten zusammengewachsen. Joy und unser Bassist Mago waren für unseren Erfolg mitentscheidend. Nun werkeln wir mal an einem neuen Sound-Layout und schauen dann, wie und mit wem wir das umsetzen werden.

Sie sind nicht reich geworden, die USA warten nicht auf Sie, die Band ist Ende Jahr auf die Hälfte dezimiert: Hat dieses erfolgreiche Jahr am Ende doch mehr Illusionen getötet als Schub gegeben?
Keinesfalls. Die Kurve zeigt nach oben. Wir sind, gerade in Frankreich, für unser nächstes Album derart gut platziert, dass wir sicher mit grösseren Labels verhandeln können. Aber wir haben gemerkt, dass wir nur weiterkommen, wenn wir noch einen draufsetzen.

Wie beenden Sie das Jahr?
Da wir am 30. Dezember unser letztes Konzert in dieser Formation im Progr geben, werde ich den Silvester wohl etwas ruhiger angehen. Zu Hause mit Familie, und ich werde nicht den Rausch, sondern die Berauschung ausschlafen. (Der Bund)

Erstellt: 28.12.2011, 07:34 Uhr

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9 Kommentare

Horst Gantenbein

28.12.2011, 16:49 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Einnahmen über Urheberrechte vom Staat bezahlt ! Wenn ich etwas anbiete wonach keine Nachfrage besteht -mein Musikgeschmack ist es nicht- kann ich doch nicht verlangen, dass die Allgemeinheit mich finanziert. Wofür halten sich dei "Künstler" ? Etwa für Bauern ? Antworten


James Lehmann

28.12.2011, 18:19 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Jeder soll eine Internetsteuer zahlen oder wie? Nicht jeder, der im Netz ist, lädt auch illegal Daten herunter. Und dann müssen da auch Leute mitzahlen, die nichts mit der Musik am Hut haben. Antworten



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