Kultur

Es ist gut, alt zu werden, bevor man stirbt

Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 14.11.2008

Marianne Faithfull hat der Welt gezeigt, wie man im Popzirkus mit Würde älter wird. Ihr neues Album «Easy Come, Easy Go» adelt auch ganz junge Songs.

Sie braucht keine neuen Songs, bloss ein Repertoire und ihre Stimme. Marianne Faithfull, 61 Jahre jung, kann getrost weitermachen.

Sie braucht keine neuen Songs, bloss ein Repertoire und ihre Stimme. Marianne Faithfull, 61 Jahre jung, kann getrost weitermachen.

Das Album

Marianne Faithfull: Easy Come, Easy Go (Naïve / Musikvertrieb).

Ihre Stimme macht sie zur Idealbesetzung für alles Verlebte. Wenn Marianne Faithfull auf ihrem neuen Album durch Duke Ellingtons «Solitude» geht, dann wie durch ein Zimmer, in dem vor langer Zeit jemand gestorben ist. Aschfahl spielt die Band, man denkt an weisse Tücher, die über die Möbel geworfen wurden. Es ist eine gespenstische Aufnahme – aber den Resten von perlmuttendem Glanz, die auf dem Gesang liegen, kann die Musik nichts anhaben. Nein: Keine kriegt einen Abgesang so würdevoll hin wie die Faithfull.

Marianne Faithfull ist 61, das Konzept ihres Auftritts 21 Jahre alt. Es war der Produzent Hal Willner, der 1987 die Geschäfte der Sängerin mit dem Album «Strange Weather» neu lancierte. Marianne Faithfull hatte in den 60ern aus der Entourage der Rolling Stones heraus erste Hits verbucht, dann 1979, nachdem sie jahrelang als Junkie auf der Strasse gelebt hatte, mit dem autobiografisch gefärbten «Broken English» ein eindrückliches Comeback geschafft. Doch es war Hal Willner, der Marianne Faithfull den Weg für die späte Karriere wies, von der sie heute noch lebt.

Neu positioniert fürs Alter

Für «Stormy Weather» stellte Willner zwölf Songs zusammen, die das Auf und Ab in Leben und Karriere von Marianne Faithfull zu kommentieren schienen und – mehr noch die ihre nun brüchige Stimme wie eine alte Freundin in sich aufnahmen. Ohne dass sie auch nur einen einzigen neuen Song geschrieben hätte, war Marianne Faithfull mit «Stormy Weather» auf dem Markt neu und dauerhaft positioniert. Sie war jetzt die vom Leben gebeutelte, aber standhafte Diseuse, deren stimmliche Autorität die Lieder fremder Leute adelt.

Die Kritik jubelte, das Publikum kaufte, und bald war die Sängerin unantastbar. Es existieren keine schlechten Kritiken über Marianne Faithfull.

Vermutlich ohne es zu beabsichtigen, haben Hal Willner und Marianne Faithfull damals den Standard dafür gesetzt, wie man in der Popmusik, in dieser der jugendlichen Spannkraft verpflichteten Kunst, älter und alt werden kann. Das war nicht mehr die Tina-Turner-Methode: Die Turner hatte ihr Comeback ein paar Jahre vor Faithfull mit kommerziellen Popsongs gefeiert, ganz auf virile Katzenhaftigkeit getrimmt. Das ging eine Weile gut, seit Jahren aber hangelt sie sich von Abschiedstournee zu Abschiedstournee.

Die Autorität des gelebten Lebens

Marianne Faithfull aber kann getrost immer weiter machen. Sie braucht keine neuen Songs, bloss ein Repertoire und ihre Stimme. Und wenn die mit dem Alter immer zerrütteter klingt, rundet sich der bittersüsse Gout ihrer Performance umso blumiger ab. Die Wirkung ist auch heute noch verblüffend, wie ihr hervorragendes neues Album zeigt, das wieder von Hal Willner produziert worden ist. «Easy Come, Easy Go» erscheint als Einzel-CD mit 10 Songs oder aber als Doppel-CD und -LP mit 18 Songs. Faithfull hat darauf nicht die geringste Mühe, auch bestens eingeführten Klassikern wie Duke Ellingtons «Solitude» oder Dolly Partons «Down From Dover» zu Gravität und Brillanz zu verhelfen.

Ganz leicht wickelt sie aber auch die Songs von jüngeren Bands wie Espers («Children of Stone»), den Decemberists («The Crane Wife 3») oder dem Black Rebel Motorcycle Club («Salvation») um ihren kleinen Finger. Wunderbar, wie sie sich Zeit lässt damit, wie sie diese unverbrauchten Songs von Zeile zu Zeile mit der Autorität ihres zerfurchten Rock- n -Roll-Lebens auflädt, wie souverän sie und ihre Band über alle Mittel der populären Musik verfügt – und wie sie en passant einem Morrissey zeigt, wie man auf Platte ein sexuelles Fluidum erzeugt («Dear God Please Help Me»). Das sind mehr als Coverversionen: Marianne Faithfull funktioniert als Doyenne, welche die Songs ihrer jungen Protégés ins grosse Songbuch einträgt, sie zu Klassikern macht.

Die Methode hat sich herumgesprochen. In den letzten Jahren wurden immer mehr Gesangsveteranen aufgebracht, deren Stimmen als nachrichtenlose Vermögen in der Popgeschichte ruhten. Sie sind ja auch gefragter denn je: Verschafft ihnen ihr langes, verzweigtes Leben doch eine Authentizität, die bei all den heutigen, aus Zitaten und Zitatzitaten gesampleten Popstars nicht mehr zu haben, die aber immer noch gefragt ist. Bemerkt haben dies jüngere, weisse Produzenten wie Jack White, Joe Henry oder T Bone Burnett, die für die Country-Querulantin Loretta Lynn, den Soulsänger Solomon Burke oder die Soulsängerin Bettye LaVette ein Repertoire und eine Band zusammenstellten und neue, in allen genannten Fällen exzellente Platten produzierten. Ihnen ist eines gemeinsam: Sie versuchen nicht mehr, jung zu klingen oder auf Trends aufzuspringen. Im Gegenteil, sie verwenden das Alter gegen den Mainstream und sind damit plötzlich cool.

Für niemanden gilt dies mehr als für Johnny Cash, dessen fünf CDs der «American Recordings»-Reihe ihn zur Galionsfigur des Alternative Country, ja, der späten Rockmusik überhaupt machten. Wie bei Marianne Faithfull oder Bettye LaVette stand am Anfang des Comebacks ein Auferstehungsmythos: die Rückkehr aus der Todeszone der Vergessenen, der Ausgelaugten und Abgestürzten. Cash war längst bedeutungslos, als der Hiphop- und Metal-Produzent Rick Rubin ihn 1994 ins Studio holte und ihm alles wegnahm ausser seine akustische Gitarre. Die 13 Songs von «American Recordings» waren, wie man heute weiss, der Auftakt zum ersten grossen Alterswerk der Popgeschichte.

Rick Rubin ging mit Cash genau gleich vor wie ein paar Jahre vor ihm Hal Willner mit Marianne Faithfull: Er suchte nach Spuren von Cashs schillerndem Lebenslauf in den Songs von Legenden wie Hank Williams oder Leonard Cohen, aber auch von jüngeren Songwritern wie Will Oldham oder Trent Reznor. Der Funke schlug: Songs und Sänger luden sich gegenseitig auf – zu einer grossen, amerikanischen Erzählung, die das Leben, die Songs und den Sänger bei weitem überragt. Und da störte es niemanden mehr, dass Rick Rubin bei den letzten «American Recordings» mit dem Mikrofon sehr nahe ranging, als die Kraft und das Leben aus Cashs Stimme entwichen, kurz bevor er 2003 starb.

Man könnte sagen, dass Johnny Cash den ersten Rock- n -Roll-Tod starb, der nicht jung war, nicht chemisch und nicht alkoholisch. Ja, in Zeiten, da Amy Winehouse oder Pete Doherty auf allen Kanälen mit dem Schnitter flirten und da sich kaum etwas Schäbigeres denken lässt als der einst so schillernde Rock- n -Roll-Lifestyle, sagt uns das Beispiel von Johnny Cash, aber auch von Marianne Faithfull: Es ist gut, alt zu werden, bevor man stirbt, die Songs werden nämlich besser. Die alte Zeile der Who aus «My Generation» («I hope I die before I get old») ist damit Makulatur. Nicht zuletzt aus wirtschaftlicher Sicht: Die Generationen, die bereit sind, für Musik zu bezahlen, werden bekanntlich auch immer älter.

Aufbruch in die «Modern Times»

So spricht einiges dafür, dass der Popmarkt dabei ist, das Alter zu entdecken. Noch sind es vor allem Produzenten wie Rick Rubin oder Hal Willner, welche die passenden Alterswerke kreieren; aber immerhin ist ja auch kein Geringerer als Bob Dylan dabei, in eigener Regie und mit eigenen Songs am herausragenden Spätwerk zu schreiben. Sein letztes Album «Modern Times» schaffte es 2006 sogar an die Spitze der amerikanischen Popcharts.

Es ist kaum ein Zufall, dass es die grossen Stimmen von Cash, Dylan und Faithfull sind, die am erfolgreichsten ihre Brüchigkeit kapitalisieren. Nicht umsonst langweilte Rick Rubin in den letzten Jahren mit seinen Produktionen für Veteranen aus den 60ern (Donovan, Neil Diamond), deren Leben und Stimme nicht annähernd die Gravität von Johnny Cash entwickeln. Andere, die das Format hätten, tingeln seit vielen Jahren als äusserst havarierte Legenden um den Erdball: Gerade waren Chuck Berry und Jerry Lee Lewis wieder in Zürich zu besichtigen, wie sie an Piano und Gitarre mit ihren 50 Jahre alten Hits herumfuchtelten.

In der gleichen Woche las Marianne Faithfull in Basel aus den Sonetten von William Shakespeare. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.11.2008, 19:51 Uhr

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