Der Krieg, die Kirche und die Kunst

Vor bald fünfhundert Jahren begann Niklaus Manuel mit seinem Totentanz. Die Berner Museen und Galerien greifen das Jubiläum auf.

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499 Jahre sind kein Jubiläum, sie kündigen aber eines an. Nächstes Jahr ist es 500 Jahre her, seit die Reformation begann. 500 Jahre werden dann auch vergangen sein, seit Niklaus Manuel, der die Reformation in Bern entscheidend vorwärts brachte, eines seiner letzten Kunstwerke in Angriff nahm: den Totentanz. Ist das Jahr 1517 also besonders geeignet, um sich Manuel zu nähern?

Es gibt interessantere, 1522 zum Beispiel. Da werden Bruchlinien einer Zeit sichtbar, für deren Berner Variante Niklaus Manuel selber fast sinnbildlich steht, denn 1522 war kein gutes Jahr für ihn. Die Schweizer Reisläufer erlitten am 27. April in Bicocca nahe Mailand eine fürchterliche Niederlage.

Manuel war einer von ihnen. Ungeduldig, weil sie von Frankreich nicht bezahlt wurden, und ungestüm, wie es ihrem Ruf entsprach, waren sie dem Gegner ins Messer gelaufen. Dreitausend Schweizer blieben liegen. Die siegreichen deutschen Landsknechte verhöhnten sie in einem Spottgesang, Manuel blaffte zurück und schrieb das wütende Bicocca-Lied: «Du Liedlidichter zart, / Ich scheiss dir ein Dreck uf din Nasen / Und drü in din Knebelbart!»

Ein gut gefülltes Auftragsbuch

Zu Hause empört man sich über das Söldnerwesen; 1513 ist es, von Köniz ausgehend, zu einem Aufstand junger Männer gekommen. Zu gross war der Einfluss Frankreichs, zu ungleich verteilt wurde das «fremde Geld». Nach dem lombardischen Höllenritt kehrt Manuel trotzdem mit leeren Händen heim zu Frau und Kindern, von denen er im Frühling 1522 wohl drei hat, drei weitere werden folgen. Wenigstens kommt er unversehrt aus Oberitalien zurück, am Körper jedenfalls; ob auch an der Seele, wer weiss. Der aus einer Einwandererfamilie stammende Manuel, Sohn eines Apothekers, ist vermutlich 38 Jahre alt und hat, jetzt wo der Krieg vorläufig zu Ende ist, keine Arbeit mehr.

Jedenfalls gibt er das vor. Er besitzt ein Haus an der Gerechtigkeitsgasse und ist, dank den Beziehungen des Vaters seiner Frau Katharina Frisching, Mitglied des Grossen Rats. Aber davon hat man nicht gelebt. Oder treibt der Ehrgeiz Manuel an? Noch aus dem Feldlager heraus hat er sich um die Stelle des Grossweibels in der Berner Stadtverwaltung beworben. Sein Beruf könne die Familie nicht mehr ernähren, schrieb er in die Heimat. Denn sein Beruf ist nicht das Reislaufen, sondern das Malen – auch wenn er als Maler seine Initialen mit einem Schweizerdolch schmückt. Doch der Soldatenkünstler bekommt den Posten nicht.

Dabei hatte er sich eine Zeit lang die wichtigsten Aufträge in Bern gesichert, so dass er eine eigene Werkstatt betreiben und «Knächte» beschäftigen konnte: Er fertigte mehrere Altarbilder, unter anderem 1515 den heiligen Eligius in seiner Goldschmiedewerkstatt und den heiligen Lukas, eine Madonna malend; zwei prestigeträchtige Werke für einen Altar, der im Auftrag der Lukas-und-Eligius-Bruderschaft entstand, in der sich die Maler und die Bildhauer versammelten.

1516 oder 1517 folgte der Grandson-Altar, der an die Siege in Laupen und Murten erinnert. 1517 – Martin Luther nagelte gerade seine legendären 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg – erhielten Manuel und seine Knechte 400 Pfund für die Bemalung des Chorgewölbes im Münster; zudem leitete Manuel wohl den Bau des Chorgestühls am selben Ort. 1520 entstand seine wahrscheinlich letzte grosse Auftragsarbeit: ein Tafelbild von «Paulus und Antonius in der Wüste» für die Antonierkirche.

Niemand kann alles wissen

Es gab also viel zu tun im Bern der Jahrhundertwende, und Geld war genug da. Aus Sold und Kriegsbeute wurde Kunst, und der damals schon hundert Jahre dauernde Bau des Münsters hatte Bern ohnehin zu einem Zentrum der oberrheinischen Kunstproduktion gemacht.

Doch die Malerei lebte von der Kirche als Auftraggeberin und von der Religion als Thema. Und von der Kirche wendet sich Manuel ab. Er arbeitet an der Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage, indem er scharfe kirchenkritische Fastnachtsspiele schreibt. «Vom Papst und Christi Gegensatz», «Vom Papst und seiner Priesterschaft» werden wohl 1523 und 1524 in Bern gespielt. Weitere satirische Dialogstücke folgen.

Ist es Überzeugung von der emanzipatorischen Sache der Reformation? Künstlerische Einsicht, dass die Malerei nicht das richtige Medium ist, um das naive Heilsversprechen der zeitgenössischen Frömmigkeit zu überwinden, wie der Berner Kunsthistoriker Norberto Gramaccini vermutet? Oder versucht Manuel mit politischem Kalkül, sein persönliches Vorwärtskommen zu erwirken? Auch Zwingli wettert damals schliesslich gegen den Solddienst, an dem er kurz zuvor noch selbst teilgenommen hat. «Niemand kan als wüssen», schreibt Manuel mehr zu seinen Zeichnungen.

Ein Label seiner Zeit

Als im Januar 1528 im Sinn der Reformation Statuen und Bilder aus den Kirchen entfernt werden, ist es endgültig vorbei mit der Auftragsmalerei. Noch sind die Berner nicht reif für Porträts oder Landschaften, die in den Hintergründen von Manuels Werken bereits angelegt sind. Themen also, die den immer unabhängigeren Künstlern neue Märkte eröffnen werden – und ihnen zu einem neuen Selbstbewusstsein verhelfen.

Die Künstlergeneration vor ihm hat ihre Bilder noch nicht mit eigenem Namen, sondern mit Nelken gekennzeichnet. Manuel setzt seine Initialen und gibt sich einen Künstlernamen. In seinem Ehebrief heisst er noch «Niclaus Alleman», später nimmt er den Vornamen seines Vaters als Familienname an und nennt sich «Niklaus Manuel», manchmal mit dem Zusatz «Deutsch», dem eingedeutschten ursprünglichen Familiennamen.

Und es gelingt: «Niklaus Manuel Deutsch» ist unter den Bernern Künstlern der Frühen Neuzeit der erkennbarste geblieben, vergleichbar seinen fast gleichaltrigen Künstler- und Söldnerkollegen Hans Leu in Zürich und Urs Graf in Basel. Ausdrücken können sie es vor allen in der Zeichnung, vielleicht der freiesten, persönlichsten Kunstform der Zeit. Manuel beschäftigt sich mit Tod und Schicksal, mit Frauen- und Männerbildern, oft erotisch aufgeladen, womöglich gedacht für das Kabinett eines privaten Sammlers. Die Zeichnung und ihre industrielle Schwester, die Grafik, stehen im Zentrum der damaligen Medienrevolution, die von der Drucktechnik ausgeht. Durch sie nimmt die Verbreitung von Bildern zu, Stil und Themen verändern sich, und es entsteht ein erhebliches Urheberrechtsproblem.

Der lebenslustige Tod

Als der etwas vor Manuel geborene Albrecht Dürer hört, dass der italienische Kupferstecher Marcantonio Raimondi seine Drucke und seine Signatur kopiert, fährt er nach Venedig, um ihn vor Gericht zu zerren. Dürer, dessen Vorlagen Manuel kennt und für seine Arbeit nutzt, operiert fortan als eigener Verleger und gibt seinem künstlerischen Humanismus eine wirtschaftliche Grundlage. So weit kann Manuel nicht gehen. Er reagiert auf seine Art und wendet sich dem geschriebenen Wort zu, das nicht nur ein weiteres seiner Talente ist, sondern natürlich auch der eigentliche Treiber der neuen Technologie.

Im wohl 1517 begonnenen Totentanz, der kurz vor seinem Solddienst von 1522 fertig geworden ist, verband Manuel Bild und Wort. Das etwa achtzig Meter lange Monumentalwerk befand sich auf der Friedhofsmauer des Dominikanerklosters in der Stadt Bern, von dem heute nur noch die Französische Kirche übrig ist. In 24 lebensgrossen Szenen führt Manuel 41 Vertreter aller Stände vor, deren letztes Stündlein soeben schlägt. Zuerst den Klerus, dann die Weltlichen – vom Papst bis zur Witwe, vom Bettler bis zur Kaiserin. Der auffallend lebenslustige Sensemann packt sie alle am Kragen oder am Scheitel, er tanzt und musiziert mit ihnen, greift ihnen in den Säckel und zwischen die Beine. Tod und Sterbende führen einen Dialog in Versen; auch der sich brav gebende Manuel muss sich verabschieden: «So mir der tod min Red wirt stellenn / so bhuet üch Gott, mine lieben Gsellen.»

Manuel stellte sich mit seinem Totentanz in eine populäre Tradition. In Basel gab es seit der Mitte des 15. Jahrhunderts einen berühmten Totentanz. Manuels Variante, vom Basler Tanz beeinflusst, legt das Geschehen mitten in die Gegenwart und gibt damit ein Bild der damaligen Gesellschaft Berns wieder, denn Manuels Gegenwart ist eine korrupte Danse macabre in sich. Zum Beispiel das Bild der Witwe, gestiftet von Dorothea von Erlach: Sie ist Frau des Ratsherrn Kaspar Hetzel. 1513 schreibt der seinem Sohn Hans Rudolf einen Brief und warnt ihn davor, dem französischen König Söldner zu liefern, das sei ohne behördliche Billigung illegal und könne Köpfe kosten. Und so kommt es: Im Nachgang des Könizer Aufstands wird Vater Hetzel in Olten von Bauern gelyncht und Dorothea von Erlach zur Witwe.

«Besinnend üch wol»

Gleich daneben die «Tochter», offenbar einem «jungen knaben verpflicht» – was den Tod nicht daran hindert, ihr ins Decolleté zu fassen. Das Stifterwappen zur Szene erinnert an Michel Glaser, den Wirt des Restaurants Löwen an der Gerechtigkeitsgasse und einen der Trauzeugen von Manuels Frau. Zu ihm ging, wer in französischen Kriegsdienst treten wollte. Der Werber und Kronenverteiler wurde ebenfalls 1513 zum Tode verurteilt, als Sündenbock. Vor Gericht sagte Glaser in aller Öffentlichkeit, jeder habe gewusst, was er tue – worauf ihn der urteilende Schultheiss hiess, den Mund zu halten, es sei schon genug Unruhe entstanden. Und was sagt der Tod bei Manuel zum Schultheiss? «Besinnend üch wol, was unnd wie / Vor Gott Jr denn zmal wöllend sagenn / Ob ettwar ueber üch wurde klagen.»

Aber auch das wird sich ändern. Der Solddienst wird über die nächsten drei Jahrhunderte vom Skandal zum Strukturmerkmal der Eidgenossenschaft, der Buchdruck wälzt die Welt um, die Künstler werden Unternehmer. Unterdessen sind Kirchenmöbel zu Brennholz geworden. Und jene Andachtsbilder, die den Sturm überlebt haben, von Gebrauchs- zu Kunstgegenständen.

Doch Manuel ist nach 1522 wohl kein Künstler mehr. 1523 tritt er in den Staatsdienst ein und wird Landvogt in Erlach. 1528 moderiert er die «Berner Disputation», die zur Einführung der Reformation in Bern führt. Im gleichen Jahr wird er in den Kleinen Rat aufgenommen und zum Venner ernannt. Damit ist er der zweitwichtigste Amtsträger der Stadt, für die er mehrere diplomatische Missionen übernimmt.

Das Kriegführen lässt er deswegen nicht sein. In den Oberländer Reformationsunruhen nimmt er an der Niederschlagung des Aufstands Altgläubiger in Interlaken teil. Sein Ruf als Künstler verblasst. Schon 150 Jahre nach seiner Entstehung fanden die Berner den Totentanz nicht mehr ausgesprochen bedeutend. Weniger bedeutend jedenfalls als die Aussicht auf eine breitere Zeughausgasse, die damals immerhin noch «Beim Totentanz» hiess – weshalb man 1660 die Mauer abriss, auf der sich Manuels Werk befand. Erhalten ist es nur noch in einer Abschrift des Schulmeisters Hans Kiener von 1576 und als Kopie des Maler Albrecht Kauw von 1649.

Kauw war allerdings kein so schlechter Maler, dass er die linke Hand des abgebildeten Manuel dermassen verzeichnet hätte. Das muss vorher, wohl noch auf dem Original, passiert sein, bei einer Restauration vielleicht, oder es war Vandalismus. Manuels Werk galt offenbar nicht mehr viel, nachdem ihm der Tod 1530 den Pinsel aus der Hand genommen hatte. Hätte, hätte er das irgendwann um 1522 nicht schon selber getan. (Der Bund)

Erstellt: 13.10.2016, 07:23 Uhr

Historisches Museum

«Söldner, Bilderstürmer, Totentänzer»

Die kulturhistorisch angelegte Ausstellung «Söldner, Bilderstürmer, Totentänzer» folgt Manuels Biografie, zeichnet aber dessen ganze Epoche nach.

Bern, damals grösster Stadtstaat nördlich der Alpen, wird als dynamische, aber vom Solddienst durchsetzte Gesellschaft gezeigt, auf die Gewalt und Tod ebenso einwirken wie Festfreude und Lebenslust – besonders sichtbar in den Zeichnungen Manuels und seiner Zeitgenossen.

Im Zentrum des Rundgangs steht der Totentanz, dem zwei Räume gewidmet sind. Mit der szenografischen Andeutung einer vor- und einer nachreformatorischen Kirche leistet die Ausstellung auch einen Beitrag zum kommenden Reformationsjahr, zu dem das Historische Museum sonst keine weiteren Projekte plant.

Im Vergleich zur gleichzeitig stattfindenden überblicksartigen Renaissanceausstellung im Zürcher Landesmuseum versteht das Haus seine Schau als «Tiefenbohrung».

Im Altbau werden ab dem 2. November Albrecht Kauws Kopien von Manuels Totentanz durch Kunst von heute ersetzt: durch Zeichnungen des Illustrators Jared Muralt und Texte des Autors Balts Nill. Die Begleitpublikation zur Ausstellung liefert lesenswerte Essays und einen ausführlichen Bildteil. Nicht gleichzeitig mit der Ausstellung erscheinen wird Manuels Werkkatalog des Schweizerischen Instituts für Kunstgeschichte. Nach zehnjähriger Arbeit soll er kommenden März vorliegen. (mb)

Bis 17. April 2017.

Museum für Kommunikation

«Danse macabre»

Während es seine Dauerausstellung neu aufbaut, öffnet das Museum für Kommunikation einen seiner Räume für eine von Carola Ertle zusammengestellte Auswahl zeitgenössischer Totentanzbearbeitungen.

Etwa die Hälfte der Kunstwerke stammt aus der Sammlung Ertles und ihres Manns Günther Ketterer. Zwei verschweisste silberne Tierschädel von Reto Leibundgut und eine die Sklavereigeschichte thematisierende Videoinstallation der Dänin Jeannette Ehlers sind die auffälligsten Arbeiten einer ziemlich naheliegenden, flachen Ausstellung.

Vor dem Museum ist der Container des Off-Space «fahrnisbau» gelandet, mit einem bewegten Stillleben von Pia Maria Martin. (mb)

15. Oktober bis 25. November.

Im Kunstmuseum

«Berns verlorener Altar»

Die kleine Sammlungspräsentation im Berner Kunstmuseum will zeigen, wie sich ?die Bedeutung gemalter Bilder im Lauf der Zeit gewandelt hat. Waren einige von ?Niklaus Manuels Arbeiten zur Zeit ihrer Entstehung Teil eines aufklappbaren Altars und damit eines sakralen Gebrauchsgegenstands, wurden sie später zu Werken der Kunst umgedeutet. Sie wurden getrennt, oft sogar zerteilt und aus ihrem liturgischen Kontext gerissen. Anhand des noch vor­handenen Materials wird versucht, den Hochaltar aus der Prediger- oder Domini­kaner­kirche, der heutigen Französischen Kirche, zu rekonstruieren. (mb)

Bis 17. April 2017

Versch. Galerien

Mehr als Skelette

Überzeugend aktualisiert die Stadtgalerie das Thema Totentanz, indem sie in der heutigen Kunst Memento-mori-Motive sucht. Obwohl Saskia Edens oder Renée Magaña geschickt mit Knochenfragmenten arbeiten, löst sich die Schau vom offensichtlichen Skelettmotiv. Auch der Bieler Maler Matthias Wyss, der bei Duflon Racz ausstellt, zeigt seine Leidensmenschen fleischig. Die Galerie Henze?&?Ketterer weist in Wichtrach und im Progr auf die Verbindung von Ernst Ludwig Kirchners «Totentanz» mit Mary Wigmans Tanzperformance «Totenmal» von 1930 hin. (mb)

Diverse Galerien: bis 5. November 2016. Stadtgalerie: bis 26. November. Filmreihe zum Thema Tod im Kino Rex: bis 21. November.Mehr als Skelette
in verschiedenen Galerien

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