«Der Fischer, der spinnt doch»

Am 29. Februar hat Peter Fischer den letzten Arbeitstag als Direktor des Zentrums Paul Klee.

Über den Dächern des Kulturzentrums im Fruchtland. «Ich durfte im ZPK eine Reihe von Traumprojekten realisieren», sagt Direktor Peter Fischer.

Über den Dächern des Kulturzentrums im Fruchtland. «Ich durfte im ZPK eine Reihe von Traumprojekten realisieren», sagt Direktor Peter Fischer. Bild: Valérie Chételat

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Mit Ihrer Kündigung haben Sie der Pattsituation bezüglich Wahl des neuen Superdirektors für ZPK und Kunstmuseum ein Ende gemacht. Spielten Sie den Winkelried?
Man könnte die Kündigung so interpretieren, denn unmittelbar nach meinem Abgang am 29. Februar soll ja jetzt die neue Organisationsstruktur der Dachstiftung in Kraft treten. Aber das war nicht meine Motivation. Mir schien vielmehr der Zeitpunkt optimal für einen Abgang. Den Prozess des Zusammengehens von ZPK und Kunstmuseum wollte ich auf keinen Fall gefährden. Allerdings bin ich nicht sicher, ob das angeschlagene Tempo richtig ist.

Was stört Sie?
Die Grundsatzentscheide sind gefallen, aber jetzt will man die innere Organisationsstruktur festlegen, bevor die neue künstlerische Leitung für beide Häuser bekannt ist. Diese Übergangszeit ist der heikle Punkt. Ich habe vorgeschlagen, dass man diese Entscheide fällt und den Superdirektor sucht, aber bis zu dessen Antritt die beiden Häuser in den bisherigen Organisationsformen weiterlaufen lässt. Im aktuellen Vakuum eine neue Organisationsstruktur bereits festzulegen und Schlüsselpositionen schon zu besetzen, erachte ich als grosses Risiko.

Sie befürchten, dass die Weichen schon gestellt sind, wenn die neue Person in Bern anfangen wird?
Ich fürchte ja und hoffe nein. Die federführenden Stiftungsräte mögen Experten für Organisationsfragen im Wirtschaftsleben sein, in der Kultur, wo weiche Faktoren eine grössere Rolle spielen, geht ihnen die Erfahrung ab.

Sie haben nie einen Hehl daraus gemacht, dass Sie eine richtige Fusion favorisieren. Und nun sucht man eine Persönlichkeit mit genau Ihrem Profil. Hätten Sie die Gesamtleitung gerne übernommen?
Das habe ich mir natürlich überlegt – sogar noch nach der Kündigung. Viele Leute verstehen nicht, warum ich gehe, weil sie mich für die ideale Besetzung halten. Kurz nach meinem Amtsantritt vor vier Jahren habe ich in einer der Arbeitsgruppen alle vor den Kopf gestossen, weil ich das Konzept einer Fusion skizziert und deren Potenzial aufgezeigt habe. Vor dem Hintergrund der damaligen Verhältnisse war ich wohl ein wenig naiv.

Sie tappten direkt ins Fettnäpfchen?
Nein, es war die freie Sicht von einem, der von aussen kommt und all die Möglichkeiten sieht. Wäre der Weg heute frei für radikale Lösungen, hätte mich der neue Direktorenjob schon interessiert. .

Blick zurück auf Ihren Amtsantritt 2011: Die finanzielle Situation des ZPK war schlecht, Sie mussten als Sanierer übernehmen. Ist da nicht mit offenen Karten gespielt worden?
Oh doch, die Probleme waren auf dem Tisch, vielleicht war nicht ihr ganzes Ausmass bekannt. Alle meine Kollegen haben mir deshalb abgeraten, den Job anzunehmen. Es gab Altlasten, und zur Zeit meines Antrittes begann man zu Recht die Finanzen zu durchleuchten. Ich musste erst mithelfen, klare Verhältnisse zu schaffen.

Wegen der finanziellen Schieflage?
Nicht nur, sondern auch wegen der Situation in Bern, wo das ZPK noch nicht breit akzeptiert war. Es gibt selbst heute noch Vorurteile, die auf seine Entstehungsgeschichte zurückzuführen sind. Und dann ist Bern generell nicht als bequemes Pflaster im Kulturbereich bekannt.

Was war denn Ihr Bild von Bern?
Viele gute Kulturleute haben Bern vorzeitig verlassen. Aus unterschiedlichen Gründen.

Zählen Sie sich auch dazu?
Meine Arbeit müssen andere beurteilen. Ich will auch kein pauschales Psychogramm von Bern entwerfen. Nur so viel: Bern geht es gut, und viele Berner sagen: «Was wollen wir noch mehr?» Vielleicht ist es deshalb schwieriger, hier grosse Würfe umzusetzen. Bern ist weniger ambitioniert als andere Städte.

Aber das ZPK ist ein grosser Wurf . . .
. . . mit dem sich Bern sehr schwer tut! So schwer, dass es massgebliche Stimmen gab, die eine Schliessung forderten. Ich musste das ernst nehmen, wenn selbst Exponenten der Kulturszene sagen, man solle aus dem ZPK lieber eine Tennishalle machen. Man braucht für einen Wurf auch einen langen Atem und Vertrauen.

Mit Ausstellungen zur zeitgenössischen Kunst haben Sie programmatisch Pflöcke eingeschlagen – teils gegen Widerstand der Stifterfamilie. War das von Anfang an Ihr Plan?
Ja, ich war immer überzeugt vom Potenzial des Hauses, sonst hätte ich die Stelle nicht angetreten. Ich habe das ZPK stets als eine Gründung des 21. Jahrhunderts gepriesen, als ein genuin zeitgenössisches Haus. Nur einen finanziellen Turnaround anzustreben, ohne auch die Inhalte weiterzuentwickeln, wäre nicht sinnvoll gewesen. Ich habe versucht, die Schwellen tief zu halten und die Leute ernst zu nehmen. Und das schliesst ein künstlerisch anspruchsvolles Programm nicht aus.

Dem ZPK fehlte es chronisch an Geld. Was haben Sie bei der Sponsorensuche für Erfahrungen gemacht?
Ich bin nicht auf Granit gestossen, sondern relativ offen empfangen worden. Das hat auch damit zu tun, dass ich unbelastet von aussen kam. Ausserdem sind das ZPK und sein Standort unbestritten ein attraktiver Partner.

Kam da aber nicht auch Neid auf, wenn Sie an das Kunstmuseum und seinen Grosssponsor dachten?
Die Credit Suisse ist ein Ausnahmesponsor, allein schon dadurch, dass sie an jedem ihrer Standorte nur einen Kulturpartner unterstützt – diesen aber massiv. Ich habe neben anderen Partnern aber immerhin die Mobiliar für ein langfristiges Engagement gewinnen können. Zudem erhielt ich in meinen Entwicklungsbemühungen von vielen Stiftungen grosszügige Förderung.

Wo wäre sonst noch Geld zu holen?
Noch nicht eingespannt sind die ehemaligen Bundesregiebetriebe wie die Post, die Postfinance oder die Swisscom. Da hoffe ich schon, dass der neue Präsident der Dachstiftung, Jürg Bucher, mit seiner Vergangenheit als Postchef Türen aufstösst.

Man hat den Eindruck, dass Sie mit dem Wirtschaftsmann Jürg Bucher nicht warm geworden sind.
Grundsätzlich sind Leute aus der Wirtschaft nicht die falsche Besetzung für diese Posten, denn sie nehmen eine wichtige Scharnierfunktion zwischen Öffentlichkeit, Kultur und Wirtschaft ein. Wichtig finde ich, dass sie bereit sind, die Eigenheiten der Kultur anzuerkennen und zu schätzen sowie die Meinung der Kulturfachleute zu respektieren.

Bei der Dachstiftung hat uns die Grösse des Stiftungsrats überrascht. Braucht es fast 20 Leute?
Es sind aktuell 16. Damit habe ich schon ein Problem, nicht nur mit der Grösse, auch mit der Zusammensetzung. Es hiess immer, es gebe einen Generationenwechsel, also rechnete ich mit einer neuen Crew. Doch nun prägen vor allem die alten Interessenvertreter den neuen Stiftungsrat. Und nach den ersten Sitzungen habe ich mich besorgt fragen müssen, wer denn überhaupt noch die Interessen des ZPK wahrnimmt.

Das Kunstmuseum ist seit längerem intensiv mit dem Erbe Gurlitt beschäftigt. Hatte dies Auswirkungen auf das Zusammengehen der beiden Institutionen?
Seit 2014 ist man im Kunstmuseum vollkommen von der Gurlitt-Erbschaft absorbiert, und deshalb passierte kaum etwas, was das viel beschworene Wir-Gefühl hätte stärken können.

Wie schätzen Sie die Sammlung ein, ist sie ein Gewinn für Bern?
Als Sammlung wird sie sicher überschätzt, aber ihre Geschichte ist wichtig und spannend. Im besten Fall wird sie sich positiv aufs Image des Museums auswirken, wenn es sich als Zentrum für Provenienzforschung profilieren kann.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer künstlerischen Bilanz?
Extrem zufrieden. Das ist auch ein Grund, warum ich jetzt ruhig gehen kann. Ich durfte im ZPK eine Reihe von persönlichen Traumprojekten realisieren. Sie waren aber nicht nur für meine Selbstverwirklichung wichtig, sondern auch genau die richtigen für das ZPK und dessen Profilierung. Es wurde ja auch befürchtet, mit meinem Programm würde Klee in den Hintergrund treten, doch das Gegenteil ist eingetreten.

Wird zeitgenössische Kunst auch künftig eine wichtige Rolle im ZPK spielen?
Hoffentlich. Ich habe versucht, durch Künstlerpartnerschaften wie mit Lutz und Guggisberg oder Catherine Gfeller die zeitgenössische Kunst direkt ins Haus zu bringen. Diese Art, mit Künstlern auch ausserhalb des klassischen Ausstellungsformates zu arbeiten, hat viel gebracht. Lebendige Künstler sind plötzlich im Haus, die tolle Sachen machen, aber auch Forderungen stellen. Doch das hat die Arbeitskultur des Teams positiv beeinflusst.

Stichwort: Museum des 21.Jahrhunderts. Wie müssen sich Museen zwischen Labor und Kulturspeicher entwickeln und positionieren, um zeitgemäss ihre Funktion in der Gesellschaft halten zu können?
Was das Museum des 21. Jahrhunderts betrifft, so hat das ZPK als junge Institution mit einem ganzheitlichen Kulturbegriff einen Vorsprung. Der nächste Schritt ist es, das Publikum für diese Entwicklung zu gewinnen. Und dann ist da noch der Trumpf, über den nur die Museen verfügen, nämlich Originale zeigen zu können. Ich bin überzeugt: Es dauert nicht mehr lange, bis man staunen wird, dass es Originale gibt. Man muss den Begriff der Originalität thematisieren, im Wechselspiel mit der digitalen und der virtuellen Welt und im Bewusstsein aller möglichen Erscheinungsformen. Dies sind spannende Zukunftsaussichten für die Museen.

Ist die Laborfunktion des Museums in Gefahr, weil Museen wie das ZPK von Stararchitekten auch zu touristischen Attraktionen werden?
Das ist immer eine Frage der Balance. Es ist verständlich, dass Touristen ein spektakuläres Gebäude sehen wollen, in dem sich zudem noch eine Sammlung mit Werken eines der berühmtesten Künstler des 20. Jahrhunderts befindet. Ich habe keine Probleme damit, das zu präsentieren, was erwartet wird. Aber es soll nicht andere Aktivitäten verhindern. Im Gegenteil: Wenn wir den Tourismus-Faktor ausspielen, stehen mehr Mittel für anspruchsvolle, zeitgenössische Projekte zur Verfügung. Eine Kulturinstitution muss für Experimente offen sein und der sich rasant entwickelnden Gesellschaft ein Reflexionsfeld zur Verfügung stellen.

Die Dachstiftung hat als Vision formuliert, dass Bern künftig zu den drei führenden Schweizer Kunstplätzen gehören soll. Sind wir nicht schon dort?
Ich habe wiederholt gesagt, dass das ZPK diese strategische Vorgabe bereits heute erfüllt. Ob Bern auch künftig zu den drei führenden Kunstplätzen des Landes gehören wird, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Da genügt der Blick nach Lausanne. Dort wurde mit dem Aushub für das neue Gebäude des Pol muséal begonnen, in dem Kunst, Fotografie und Design in unmittelbarer Nähe zueinander präsentiert werden sollen. Wenn sie es gut machen, entsteht auch dort das Museum des 21. Jahrhunderts.

Haben Interessenten für die künstlerische Leitung schon bei Ihnen nachgefragt, was sie erwartet?
Das ist schon passiert. Ich habe versucht zu vermitteln, dass es eine spannende Aufgabe ist, die auch Schwierigkeiten mit sich bringt, mittel- und längerfristig aber über viel Potenzial verfügt. Aber es braucht jemanden mit Visionen, um mit diesen die beiden Teams zusammenbringen und motivieren zu können.

Sie werden in diesem Jahr 60, welches sind Ihre Pläne?
Ich werde mich selbstständig machen und habe noch einige Ideen im Köcher, aber auch viel Erfahrung im Rucksack.

Gibt es ein Wunschprojekt?
Ja, für die eben zu Ende gegangene Ausstellung «About Trees» gäbe es eigentlich Folgeprojekte. Aber ich denke nicht nur in klassischen Formaten. Meine Leidenschaft ist es, Kultur und Menschen zusammenzubringen. Das muss nicht zwingend in einem Ausstellungsraum sein. Letztes Jahr habe ich mich am meisten über unser Fruchtlandprojekt gefreut.

Der Museumsdirektor, der auch Landwirt und Gutsherr ist . . .
. . . und von dem manche Leute vielleicht denken: «Der Fischer, der spinnt doch.» In der heutigen Zeit aufzuzeigen, wie wichtig es ist, wie wir unseren Boden bestellen, das ist auch eine tolle Aufgabe für eine Kulturinstitution. Ich habe mich stets nicht nur als Kurator und Kunstwissenschaftler verstanden, sondern ebenso sehr als Ermöglicher. (Der Bund)

(Erstellt: 04.02.2016, 06:41 Uhr)

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Peter Fischer

Vier Jahre in Bern

Der 1956 in Schaffhausen geborene Peter Fischer studierte Kunstgeschichte, Neuere Deutsche Literatur sowie Musikwissenschaft an der Universität Zürich und absolvierte eine Ausbildung zum Diplombibliothekar. Nach Stationen am Schweizerischen Institut für Kunstwissenschaft und als Kurator der Daros Collection war er von 2001–2011 Direktor des Kunstmuseums Luzern.

Im November 2011 trat er die Stelle als Direktor des Zentrums Paul Klee an. Zu den wichtigsten Ausstellungen in seiner Amtszeit gehören: Engel – Höhere Wesen (2013), Olaf Breuning (2013), Klee und Jawlensky (2013) Antony Gormley (2014), Die Tunis-Reise (2014), Klee und Kandinsky (2015), Henry Moore (2015) sowie About Trees (2015). (klb)

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