Kultur

Wo blieb Ettore Majorana?

Der Schweizer Künstler Marco Poloni und die Spanierin Dora Garcìa nehmen in ihren Ausstellungen in der Kunsthalle historische Figuren zum Anlass für komplexe künstlerische Spekulationen.

Eine Figur, die unsere narrative Phantasie beflügelt: Szenenbild aus «Majorana Eigenstates» von Marco Poloni. (zvg)

Eine Figur, die unsere narrative Phantasie beflügelt: Szenenbild aus «Majorana Eigenstates» von Marco Poloni. (zvg)

Eine Reise ohne Wiederkehr: Am 26. März 1938 bestieg der italienische Physiker Ettore Majorana in Palermo das Postschiff, das ihn nach Neapel bringen sollte, wo er an der Universität lehrte. Dort aber kam er nie an. Seither ranken sich wilde Gerüchte um das Schicksal des Einzelgängers, der als einer der brillantesten Köpfe und wichtigsten Physiker seiner Generation gilt. In einem verschollenen Brief soll Majorana kurz zuvor einem Kollegen berichtet haben, dass er das Leben im Allgemeinen und seines im Besonderen für nutzlos halte – ein Indiz für Suizid? Oder wurde Majorana, der mit Werner Heisenberg und Enrico Fermi in Kontakt stand, zwei Wegbereitern der Atombombe, Opfer eines Komplotts? Oder inszenierte er sein eigenes Verschwinden, weil er das kommende nukleare Wettrüsten vorausahnte und sich diesem entziehen wollte?

Das ominöse Verschwinden Majoranas, dem unter anderen Leonardo Sciascia einen Roman und die Schweizer Fosco und Donatello Dubini einen Film gewidmet haben («Das Verschwinden des Ettore Majorana», 1986) beschäftigt seit langem und ziemlich obsessiv auch Marco Poloni. «Majorana ist für mich eine Figur, an deren Beispiel sich eine zentrale historische Epoche erhellen lässt», sagt der 48-jährige Schweizer Künstler, der in Genf und Berlin lebt. Unter dem Titel «The Majorana Experiment» zeigt Poloni in der Kunsthalle den aktuellen Stand seines Work in progress, das derzeit aus drei Filmen, mehreren historischen Dokumenten und einer Gruppe von Fotoserien besteht.

Poloni, selber studierter Physiker, charakterisiert das Ensemble als «offenes historisches Dispositiv». Es geht ihm darin nicht etwa um die Illustration einer historischen Recherche. Ihn interessiert nicht die Suche nach der Wahrheit, sondern die Frage, wie Wirklichkeit konstruiert, wie Geschichte geschrieben wird und wie sich Fiktion und Realität gegenseitig bedingen. Seine Majorana-Arbeit könnte man denn auch als experimentelle Geschichtsschreibung mit künstlerischen Mitteln beschreiben, an der mitzuwirken man als Besucher eingeladen ist.

Gespaltene Bilder

Zentraler Teil ist der 46-minütige Film «Majorana Eigenstates» (2008), den Poloni zeitgleich mit zwei Kameras realisierte, die eine fliessende Kreisbewegung beschreiben. In einer Schiffskabine und in einem Hotelzimmer in Neapel sieht man einen Schauspieler, der offensichtlich Majorana verkörpern soll, wie er einen Brief schreibt, liest, zum Fenster hinausschaut. Weil die beiden Kameras sich zwar parallel bewegen, aber nicht dieselbe Perspektive haben, überschneiden sich die Bilder. So entsteht der Eindruck, dass einem wesentliche Informationen vorenthalten werden, dass Bilder nicht bloss zeigen, sondern auch verhüllen. Es tun sich Leerstellen auf, die man als Betrachter füllen möchte, zudem verführt einen der assoziativ aufgeladene Kontext des «Majorana-Experiments» dazu, dass man die gesplittete Leinwand gedanklich mit der Kernspaltung verbindet.

Mit historischen Dokumenten zeichnet Poloni auch die wissenschaftliche Vorgeschichte der Kernspaltung und damit die Geburt der Atombombe nach und fragt in verschlüsselter Form nach deren gesellschaftlichen Implikationen. So kombiniert er im Film «The Sea of Majorana» (2008) den Blick auf das Meer zwischen Palermo und Neapel, wo Majorana verschwunden sein soll, mit einem Soundtrack, der die Geräusche von Geigerzählern aufnimmt, zu einer postnuklearen, melancholischen Seelenlandschaft in der Tradition von Caspar David Friedrich. Majoranas Verschwinden ergänzt er in einer weiteren Arbeit mit dem Verschwinden eines Schiffes. In der Fotoarbeit «Persian Gulf Incubator» dokumentiert er die Geschichte der M/S Raffaello, einem früheren italienischen Luxusdampfer, der 1976 vom Schah von Persien gekauft wurde und 1983 von irakischen Kampfjets im Meer vor dem iranischen Atomreaktor Buschehr versenkt worden ist. Womit man bei den Gerüchten um die Atomwaffenpläne Irans und mitten in der Aktualität angekommen ist.

Es ist ein weites, schillerndes Feld von Bezügen und Verweisen, das Poloni mit seiner auch künstlerisch durchdachten Arbeit eröffnet. Dementsprechend gross ist die interpretatorische Energie, die er in der Kunsthalle freisetzt – «The Majorana Experiment» ist eine Maschine, die narrative Elemente produziert. So etwa zeigt der vierminütige ausgebleichte 16-Millimeter-Film «The Sea Rejected Me» (Found Footage, 2004) die Umrisse eines Menschen, der Majorana sein könnte, wie er an der Reling eines Schiffs steht. Poloni stiess per Zufall in Teheran bei einem Händler auf diesen Film, der ein Dokument von der «Oceania» sein soll, jenem Linienschiff, das in den 1930er-Jahren Neapel mit Buenos Aires verband. Das passt nur zu gut in das Geflecht von Legenden um Majoranas Verschwinden: In den 1960er-Jahren gab es Zeitungsmeldungen, wonach sechs Menschen Majorana in Argentinien gesehen haben wollen. Ist der Mann auf dem Film also tatsächlich der Physiker? Spielt das eine Rolle? Sehen wir, was wir sehen wollen?

Lenny Bruce und die Frage der Provokation

Die Spanierin Dora Garcìa bespielt mit «I Am A Judge» das Untergeschoss der Kunsthalle. Es gebe zwar viele Resonanzen zwischen den Ausstellungen von Garcìa und Poloni, sagt Kunsthalle-Leiter Philippe Pirotte, «es verbindet sie jedoch nur die Tatsache, dass beide historische Figuren zum Ausgangspunkt für ihre Arbeiten nehmen».

Im Falle von Garcìa ist dies der legendäre amerikanische Stand-up-Comedian Lenny Bruce (1925–1966), der mit seinen politisch unkorrekten Shows das zuvor recht harmlose Witzgenre nachhaltig politisierte. Mehrfach wurde er von der Polizei und der Justiz verfolgt, zum Teil auch aus hanebüchenen Gründen. So 1962 in Australien, weil er das Publikum als «fucking wonderful» gelobt hatte. Diesen Vorfall nahm Garcìa zum Anlass für eine Performance, in der sie 2008 an der Biennale in Sydney einen Schauspieler in die Haut von Lenny Bruce schlüpfen und das Publikum provozieren liess. In der Ausstellung, welche die Kunsthalle von der Index-Stiftung Stockholm übernommen hat, ist diese nun filmisch dokumentiert.

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Für Garcìa steht Lenny Bruce in einer Reihe mit Männern wie Antonin Artaud oder dem Untergrundfilmer Jack Smith, die beide eine wesentliche Rolle in der Performance spielen, die am Sonntag in der Dampfzentrale zu sehen ist. An ihren Beispielen untersucht Garcìa das prekäre Verhältnis zwischen Künstlern – von denen Provokationen ja bloss in einem bestimmten Rahmen erwartet werden – und Publikum. Mit ihren Arbeiten ritzt Garcìa ihrerseits die Regeln des Ausstellungsbetriebs und stürzt das Kunstpublikum in moralische Dilemmas. Exemplarisch zeigt dies die Installation «Steal this Book», die aus einem Korpus besteht mit frei zugänglichen Büchern dieses Titels. Soll man dies als Aufforderung interpretieren und tatsächlich eines der Bücher stehlen? Oder soll man den Titel bloss als Zitat der gleichnamigen, 1971 publizierten Schrift des Polit-Aktivisten Abbie Hoffman interpretieren, in der dieser zu einem dissidenten Leben aufforderte? Neben den Büchern mit der unverschämten Aufforderung hat Garcìa mehrere Stapel der «International Herald Tribune» platziert, deren Frontseite sie um einen Lenny-Bruce-Beitrag ergänzt hat: Das Bild zeigt den Komiker, der eine Zeitung mit der Titelstory «Six million Jews found alive in Argentina» schwenkt – «ein Witz, wie ihn nur ein Jude machen konnte», wie Garcìa sagt. (Der Bund)

Erstellt: 20.08.2010, 10:44 Uhr

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