Wie wir alle Ingenieure wurden

Ebenso aktuell wie überzeugend: Mit Werken aus der eigenen Sammlung zeigt das Kunstmuseum Thun, wie sich die Wahrnehmung von Natur und Landschaft verändert hat.

Biotürme Lauchhammer (2005), aus der Serie «Weisse Elefanten». (Christian Helmle, zvg)

Biotürme Lauchhammer (2005), aus der Serie «Weisse Elefanten». (Christian Helmle, zvg)

Links

Wenn die Oper anruft

Es kann schon irritieren, wenn das Telefon plötzlich perlt und posaunt. Auch wenn zuvor eine freundliche Damenstimme erklärt hat, man könne jetzt live in eine Opernaufführung hineinhören. So wie 2007 in Zürich, im Projekt «Opera Calling» der Medienkunstgruppe Bitnik, die dazu das Opernhaus verwanzt hat. An zufällig ausgewählte Haushalte wurde der Sound dann per Telefon übertragen. Was die Hörer nicht wussten: Auch ihre Kommentare wurden aufgenommen.

Nachzuhören ist das jetzt im Kunstmuseum Thun: Mit der Dokumentation der listigen Kulturpiraterie-Aktion wird die Ausstellungsreihe «online» im Projektraum Enter eröffnet. Mit dem Internet verknüpfte Medienkunst ist bislang vor allem an spezialisierten Festivals zu sehen – in Thun soll sie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Vorgestellt werden Projekte, die im Programm Sitemapping vom Bundesamt für Kultur gefördert werden. «Online 1» mit Bitnik dauert bis 11. April.

Arbeiten in der Stadt, wohnen im Grünen, aber mit Geschäften, Schulen, Dienstleistern in bequemer Nähe, am Wochenende dann zu Sport und Entspannung in die Natur. So erträumen sich viele das moderne Leben. Das Wachstum der Städte und die Verwandlung der Natur in einen Freizeitpark führen jedoch zu Zersiedelung und Zerstörung der Landschaft. Droht der Schweiz die totale Agglomeration?

Denkanstösse in diese Richtung bietet jetzt auch die Kunst. In der gelungenen Schau «Landschaft im Wandel» demonstriert das Kunstmuseum Thun mit Werken aus seiner Sammlung, wie sich unsere Wahrnehmung von Landschaft und Natur verändert hat. Die Präsentation setzt mit Idyllen des 18. Jahrhunderts ein. Zwei kleinformatige Arbeiten von Johann Ludwig Aberli zeigen idealisierte Fantasielandschaften. Die Natur ist längst nicht mehr nur landwirtschaftlich genutzter Raum, sie wird zum Spiegel menschlicher Stimmungen.

Die Ehrfurcht ist weg

Von einem modernen Naturverständnis zeugen auch die Bilder sogenannter Kleinmeister wie Jakob Samuel Weibel, der im frühen 19. Jahrhundert realistische Landschaftsansichten im Postkartenformat gestaltete. Touristen liebten die kleinen Bilder, die Natur sahen sie als Erlebnisraum.

Das ist sie noch heute. Doch wir haben jenes Staunen verlernt, mit dem sich frühere Generationen Gipfeln und Gletschern näherten. In traditionellen Gebirgsbildern von Joseph Anton Koch oder Samuel Hieronymus Grimm spiegelt sich Ehrfurcht angesichts der erhabenen Natur. Und in der Kunst lebt die Vorstellung, in der Natur lasse sich eine intensivere Seins-Erfahrung machen, bis heute fort. Eine grossformatige Fotografie von Reto Camenisch inszeniert den Niesen in klarem Linienspiel und mystischen Nebeln.

Der Alltagsblick auf die Natur jedoch hat sich im Zuge technischer Entwicklungen stark verändert. Der Mensch steht nicht mehr als Winzling vor den ewigen Bergen, sondern wie ein Ingenieur vor neuen Herausforderungen. Max Matters Leuchtbild «Überbauung I» kontrastiert im Stil der Pop-Art ein abendrotes Alpenpanorama mit uniformen Neubauten. In Hugo Schuhmachers Grafik «Die Fahrt ins Grüne» wird die Landschaft zur verwischten Kulisse einer Autofahrt. Ein aktuelles Foto aus Christian Helmles Serie «Kultnatur» dagegen zeigt die Grimselpassstrasse, die auf den ersten Blick dezent wirkt. Längst haben wir uns an solche Eingriffe in die Natur gewöhnt.

Macht und Machbarkeit

In den letzten Jahren sind «Unorte» ein grosses Thema der Kunst geworden. Die Thuner Schau füllt einen ganzen Saal mit Vorortstristesse, von Cuno Amiets 1935 gemaltem Bild einer Pariser Mietskaserne bis zu Niklaus Wengers «Concrete Paradise», einem abstrakten Paradiesgarten aus Beton. Thematisch straff vollzieht die Schau nach, wie sich die Natur in unserer Wahrnehmung von einer faszinierenden Macht zum Gegenstand von Machbarkeitsansprüchen gewandelt hat. Und nicht zuletzt zeigt sie auch, dass Sammlungspräsentationen weit mehr sein können als lästige Pflichtübungen.

Die Ausstellung dauert bis 11. April. (Der Bund)

Erstellt: 09.02.2010, 09:42 Uhr

Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Frühlingsdeko
homegate Lassen Sie jetzt schon den Frühling ins Haus. Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Meistgelesen in der Rubrik Kultur

Bestenlisten

Kino
Kinoeintritte Schweiz

26. Januar 2012- 01. Februar 2012

1.1Intouchables64'262
2.neuThe Descendants18'860
3.2The Girl With The Dragon Tattoo16'439
4.44Jack And Jill16'133
5.32Man On A Ledge13'482
Mehr
Musik
Schweizer Hitparade

19.Dezember 2011 - 25.Dezember 2011

1.221, Adele
2.1Lioness; Hidden Treasures, Amy Winehouse
3.6Christmas, Michael Bublé
4.3Imaginaerum, Nightwish
5.5Made In Germany 1995-2011, Rammstein
Mehr
Bücher
Bestseller

6.Februar 2012 - 12.Februar 2012

1.1Das Alphabethaus, Jussi Adler-Olsen
2.2Aleph, Paulo Coelho
3.3Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Jonas Jonasson
4.4Sündige Gier, Sandra Brown
5. WEVom Ende einer Geschichte, Julian Barnes
Mehr

Lokale Suche

Marktplatz

Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?

Ja, auf jeden Fall

 
15.1%

Nein, interessiert mich nicht

 
40.2%

Erst wenn die Geräte billiger geworden sind

 
35.1%

Ich habe schon einen

 
9.7%

Gratis ePaper für «Bund»-Abonnenten