Wie wir alle Ingenieure wurden
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Wenn die Oper anruft
Es kann schon irritieren, wenn das Telefon plötzlich perlt und posaunt. Auch wenn zuvor eine freundliche Damenstimme erklärt hat, man könne jetzt live in eine Opernaufführung hineinhören. So wie 2007 in Zürich, im Projekt «Opera Calling» der Medienkunstgruppe Bitnik, die dazu das Opernhaus verwanzt hat. An zufällig ausgewählte Haushalte wurde der Sound dann per Telefon übertragen. Was die Hörer nicht wussten: Auch ihre Kommentare wurden aufgenommen.
Nachzuhören ist das jetzt im Kunstmuseum Thun: Mit der Dokumentation der listigen Kulturpiraterie-Aktion wird die Ausstellungsreihe «online» im Projektraum Enter eröffnet. Mit dem Internet verknüpfte Medienkunst ist bislang vor allem an spezialisierten Festivals zu sehen – in Thun soll sie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht werden. Vorgestellt werden Projekte, die im Programm Sitemapping vom Bundesamt für Kultur gefördert werden. «Online 1» mit Bitnik dauert bis 11. April.
Arbeiten in der Stadt, wohnen im Grünen, aber mit Geschäften, Schulen, Dienstleistern in bequemer Nähe, am Wochenende dann zu Sport und Entspannung in die Natur. So erträumen sich viele das moderne Leben. Das Wachstum der Städte und die Verwandlung der Natur in einen Freizeitpark führen jedoch zu Zersiedelung und Zerstörung der Landschaft. Droht der Schweiz die totale Agglomeration?
Denkanstösse in diese Richtung bietet jetzt auch die Kunst. In der gelungenen Schau «Landschaft im Wandel» demonstriert das Kunstmuseum Thun mit Werken aus seiner Sammlung, wie sich unsere Wahrnehmung von Landschaft und Natur verändert hat. Die Präsentation setzt mit Idyllen des 18. Jahrhunderts ein. Zwei kleinformatige Arbeiten von Johann Ludwig Aberli zeigen idealisierte Fantasielandschaften. Die Natur ist längst nicht mehr nur landwirtschaftlich genutzter Raum, sie wird zum Spiegel menschlicher Stimmungen.
Die Ehrfurcht ist weg
Von einem modernen Naturverständnis zeugen auch die Bilder sogenannter Kleinmeister wie Jakob Samuel Weibel, der im frühen 19. Jahrhundert realistische Landschaftsansichten im Postkartenformat gestaltete. Touristen liebten die kleinen Bilder, die Natur sahen sie als Erlebnisraum.
Das ist sie noch heute. Doch wir haben jenes Staunen verlernt, mit dem sich frühere Generationen Gipfeln und Gletschern näherten. In traditionellen Gebirgsbildern von Joseph Anton Koch oder Samuel Hieronymus Grimm spiegelt sich Ehrfurcht angesichts der erhabenen Natur. Und in der Kunst lebt die Vorstellung, in der Natur lasse sich eine intensivere Seins-Erfahrung machen, bis heute fort. Eine grossformatige Fotografie von Reto Camenisch inszeniert den Niesen in klarem Linienspiel und mystischen Nebeln.
Der Alltagsblick auf die Natur jedoch hat sich im Zuge technischer Entwicklungen stark verändert. Der Mensch steht nicht mehr als Winzling vor den ewigen Bergen, sondern wie ein Ingenieur vor neuen Herausforderungen. Max Matters Leuchtbild «Überbauung I» kontrastiert im Stil der Pop-Art ein abendrotes Alpenpanorama mit uniformen Neubauten. In Hugo Schuhmachers Grafik «Die Fahrt ins Grüne» wird die Landschaft zur verwischten Kulisse einer Autofahrt. Ein aktuelles Foto aus Christian Helmles Serie «Kultnatur» dagegen zeigt die Grimselpassstrasse, die auf den ersten Blick dezent wirkt. Längst haben wir uns an solche Eingriffe in die Natur gewöhnt.
Macht und Machbarkeit
In den letzten Jahren sind «Unorte» ein grosses Thema der Kunst geworden. Die Thuner Schau füllt einen ganzen Saal mit Vorortstristesse, von Cuno Amiets 1935 gemaltem Bild einer Pariser Mietskaserne bis zu Niklaus Wengers «Concrete Paradise», einem abstrakten Paradiesgarten aus Beton. Thematisch straff vollzieht die Schau nach, wie sich die Natur in unserer Wahrnehmung von einer faszinierenden Macht zum Gegenstand von Machbarkeitsansprüchen gewandelt hat. Und nicht zuletzt zeigt sie auch, dass Sammlungspräsentationen weit mehr sein können als lästige Pflichtübungen.
Die Ausstellung dauert bis 11. April. (Der Bund)
Erstellt: 09.02.2010, 09:42 Uhr
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