Sie rettet Kunstwerke aus verstaubten Estrichen

Von Sandra Rutschi. Aktualisiert am 14.08.2011

Die 70-Jährige Inga Vatter-Jensen sorgt dafür, dass der Nachlass von Künstlerinnen nicht verloren geht. Sie erzählt vom Archiv des Vereins Archivarte in Bern, wo sie über tausend Werke von 20 Frauen lagert.

Das Portrait einer Frau vor ihrer Heirat: Inga Vatter zeigt im Archivraum eine Auftragsarbeit der in Belp geborenen Hanni Bay (1885-1978).

Das Portrait einer Frau vor ihrer Heirat: Inga Vatter zeigt im Archivraum eine Auftragsarbeit der in Belp geborenen Hanni Bay (1885-1978).

Dieses Bild von Hanni Bay ist doch wunderschön! Es zeigt eine junge Dame der gehobenen Gesellschaft, 1940 wurde es gemalt. Es ist eine Auftragsarbeit, das Porträt einer Frau vor ihrer Heirat. Schon die Körperhaltung, der selbstsichere Gesichtsausdruck, die Kleidung erzählen eine Geschichte. Das zeigt die Könnerschaft von Hanni Bay. Zu ihrer Zeit war sie eine der bekanntesten Berner Malerinnen. Heute entsprechen ihre Bilder nicht mehr dem Geschmack der Zeit. Ihr historischer Wert bleibt jedoch.

Während meiner Zeit als Zentralpräsidentin der Schweizerischen Gesellschaft Bildender Künstlerinnen war mir aufgefallen, dass es bei künstlerisch tätigen Frauen ein Problem gibt: Ihre Werke enden oft verkannt in Brockenstuben oder auf Estrichen. Diese Frauen waren professionell ausgebildete Künstlerinnen – und meist unverheiratet.

Wenn sie starben, erbten die Nichten und Neveus die Werke der in ihren Augen meist ein bisschen seltsamen Tante. Sie schnappten sich das Sparbuch oder die Möbel und gaben die Werke weg. Wenn sie die Bilder behielten, was ihnen hoch anzurechnen ist, so landeten diese doch irgendwann auf dem Estrich – eben wenn der Zeitgeschmack änderte. Spätestens die dritte Generation schmiss die Bilder dann weg.

Verein als Nachlassverwalter

So geht also ein Teil der weiblichen Kulturgeschichte verloren. Um diesem Übel vorzubeugen, habe ich 1998 die Gesellschaft zur Nachlassverwaltung schweizerischer bildender Künstlerinnen gegründet. Dieser Verein entsprach einem riesigen Bedürfnis. Hier in diesen Räumlichkeiten unterhalb der Galerie Archivarte an der Berner Breitenrainstrasse lagern wir weit über tausend Werke von 20 Künstlerinnen.

Auch lebende Künstlerinnen melden sich bei uns, um ihren Nachlass zu regeln. Oder eben die Hinterbliebenen. Bei der Auswahl der Werke sind wir streng. Ob es eine Künstlerin in das Archiv schafft, entscheidet eine Jury aus Kunsthistorikern, Künstlern und mir selber. Wir besuchen Ateliers, dokumentieren die Werke. Erst nach sorgfältiger Abklärung entscheiden wir, ob wir die Künstlerin annehmen und welche Werke wir aufbewahren. Grosse Namen in unserem Archiv sind, neben Hanni Bay: Henriette Sechehaye, Mili Jäggi, Elsbeth Gysi, Judith Müller und Gertrud Merz. Auch meine Lieblingskünstlerin Claire Brunner ist vertreten.

Nebst den Werken archivieren wir auch Fotografien und Korrespondenzen. Wir haben zum Beispiel den Briefwechsel zwischen Felix Klee, dem einzigen Sohn Paul Klees, und der letzten Klee-Schülerin Henriette Sechehaye. Sie waren eng befreundet, und die Postkarten und Briefe sind zeitgeschichtlich interessant. Kopien davon haben wir dem Zentrum Paul Klee übergeben.

Drei Ausstellungen pro Jahr

Unser Verein zählt heute 200 Mitglieder. Archivarte besteht aus der Galerie, dem Archiv und einem Verlag. Die Galerie trägt sich selber, im Archiv arbeiten eine Kunsthistorikerin, eine Künstlerin sowie Freiwillige von Benevol. Bisher haben wir etwa zehn Nachlässe digital aufgearbeitet. Die Lagerung selber braucht Know-how. Diese Holzgestelle hier haben wir extra für grossformatige Bilder anfertigen lassen.

Aber die Werke bleiben nicht einfach im Lager liegen: Dreimal im Jahr stellen wir Bilder und Skulpturen aus unseren Archivbeständen aus. Wir publizieren in unserem Verlag gemeinsam mit Kunsthistorikern Monografien von Künstlerinnen, die so ins Bewusstsein zurückgerufen werden.

Kunstwerke aus Gewebe für kalte Betonwände

Meine Mutter war Schriftstellerin, sie schrieb Kinder- und Märchenbücher. Ich bin auch Künstlerin geworden, Textilkünstlerin. Meine Werke verkauften sich gut, sie hängen in Schulen und Altersheimen und wurden in der Kunsthalle Bern, in Moskau, in Deutschland und im Baltikum ausgestellt. Grosse Kunstwerke aus Gewebe waren ideal, um die kalten Betonwände der Architektur der 60er- und 70er-Jahre zu verkleiden. Der spätere Wandel in der Architektur liess die Nachfrage nach textiler Kunst am Bau deutlich zurückgehen.

Meinen eigenen Nachlass muss ich nicht regeln. Ich habe bloss noch etwa sechs oder sieben Arbeiten bei mir, der Rest ist verkauft. Eine Textilkünstlerin arbeitet ein Vierteljahr an einem Werk. Eine Malerin malt je nachdem drei bis vier Bilder pro Woche. Das gibt einen grossen quantitativen Unterschied.

Traum Archiv für bildende Künste

Mein grosser Traum bleibt es, ein nationales Nachlassarchiv für bildende Künstlerinnen und Künstler zu schaffen. Das Bedürfnis wäre da, aber ein solches Archiv würde viel Geld kosten. Ein Versuch im Schloss Wyl scheiterte, der Kanton lehnte unser Konzept ab. Wenn sich die Möglichkeit für ein solches Archiv ergibt, werde ich mich weiterhin dafür einsetzen. Für die Nachlassgesellschaft suche ich eine Nachfolgerin, die etwas von Kunst, Management und konservatorischen Belangen versteht. Da bei uns fast alles ehrenamtlich geschieht, müsste eine solche Stelle in Zukunft jedoch honoriert werden. Heute erhalte ich lediglich Spesenentschädigung.

Die Haltung von Archivarte und der Nachlassgesellschaft ist nicht so sehr von Wettbewerb geprägt. Wir fördern Künstlerprojekte. Ich bin überzeugt: Mit unserer Art von Öffentlichkeit rücken wir einen Bereich der bildenden Kunst ins Licht, der sich bislang eher am Rand der gängigen Markttrends gehalten hat.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.08.2011, 22:37 Uhr

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