Nur die Liebe zählt
Von Sascha Renner, Rom. Aktualisiert am 02.03.2010
Caravaggios «Amor vincit omnia» von 1602. (Bild: Staatliche Museen zu Berlin)
Ausstellung und Bücher
«Caravaggio», Scuderie del Quirinale, Rom, bis 13. Juni. Sehr zu empfehlen sind zwei Bildbände mit vollständigem Werkverzeichnis: Sebastian Schütze: Caravaggio XL. Das vollständige Werk. Taschen, Köln 2009. 306 S., ca. 165 Fr. Sybille Ebert-Schifferer: Caravaggio. Sehen – Staunen – Glauben. Der Maler und sein Werk. C. H. Beck, München 2009. 195 Abb., 320 S., ca. 97 Fr.
Caravaggio
Michelangelo Merisi, genannt Caravaggio (nach dem Dorf bei Bergamo, wo seine Familie Besitztümer hatte), wurde 1571 in Mailand geboren. Im Rom der Gegenreformation stieg er rasch zu einem der gefragtesten und auch umstrittensten Künstler auf. Der junge Shootingstar galt als hervorragender Maler nach der Natur, nahm vermögende Sammler von sich ein und erstaunte mit konventionssprengender Malerei. Er geriet jedoch immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt und fiel durch sein berserkerhaftes und liederliches Benehmen auf. 1606 verletzte er Ranuccio Tomassoni tödlich, floh aus Rom und suchte in Neapel, Malta und Sizilien Zuflucht. Seine Begnadigung durch den Papst erwartend, starb er am 18. Juni 1610 in Porto Ercole in der Toscana. Heute gilt Caravaggio als Begründer der Barockmalerei. Er überwand den Manierismus und führte die Kunst aus der Sackgasse leerer Formelhaftigkeit. Er inspirierte nachkommende Generation wie kein anderer Künstler seiner Epoche.
Diese Lippen. Sie sprechen nicht, sie singen nicht und stehen dennoch offen. Samtweich und sündig, von einem warmen Licht umtastet, führen sie den Blick ins Innere eines androgynen Schönlings, der seinen Kopf auffordernd über die entblösste Schulter zurückwirft. Diese Lippen verhexen den, der sie erblickt. Der mächtige Scipione Borghese, Neffe des Papstes und obsessiver Kunstsammler, liess den verkaufsunwilligen Besitzer des Werks 1607 kurzerhand einkerkern, um an den «Knaben mit dem Früchtekorb» zu gelangen. Auch Derek Jarman stillte sein Verlangen an diesen Lippen. Sie inspirierten den Kultregisseur knapp vierhundert Jahre später zu einer rauschhaften filmischen Hommage («Caravaggio», 1986).
Caravaggios Frühwerk ist reich an Darstellungen honigsüsser Jungs. Das macht ihn bis heute zum Gegenstand von allerlei Spekulationen; zu einem Maler, dessen kolportierte Ausschweifungen ebenso berühmt sind wie sein Stil, mit dem er die Malerei revolutionierte. Nur allzu präzise stimmen die drastischen Bildfindungen des Künstlers mit der Haltlosigkeit des Menschen Caravaggio überein. Diese Deckungsgleichheit macht den Barockmaler zur populärsten Künstlerpersönlichkeit neben Van Gogh; und zu einer der besten Geschichten der Kunstgeschichte.
Die Geschichte beginnt in Mailand, wo Caravaggio mit 13 Jahren als Lehrling in die Werkstatt eines Malers eintritt. Die lombardische Malschule ist bekannt für ihre Nähe zur Alltagsrealität, die Caravaggio später in radikaler Weise ausprägen wird. Vermutlich 1593 zieht er nach Rom, in die kulturelle Hauptstadt der westlichen Welt. Seit der Renaissance hatte sich dort unter Päpsten und Adelsfamilien ein blühendes Mäzenatentum entwickelt. Als Caravaggio in Rom eintrifft, erreicht die Gegenreformation gerade ihren Höhepunkt. Die Päpste setzen der Striktheit Luthers und Calvins, die alles Sinnliche aus den heiligen Städten verbannten, eine Fülle an Bildern, Farben, Kontrasten und Ausschmückungen entgegen, ein Bildprogramm, das auf Verherrlichung und Überwältigung der Gläubigen zielt.
Die Leiche aus dem Tiber
Das bringt den talentiertesten Künstlern Dekorationsaufträge in Hülle und Fülle, kirchliche wie private. Am Anfang kopiert Caravaggio Madonnen und ergänzt die Bilder seines Werkstattmeisters mit Blumen und Früchten. Daneben malt er Porträts junger Männer – unverschämt lebensnahe Allegorien auf Jugend, Liebe, Genuss und Vergänglichkeit. Sie erschliessen ihm rasch die Gunst von einflussreichen Förderern, von Kardinälen und Adligen. Caravaggios Aufstieg geht zügig voran.
Am 23. Juli 1599 erhält er seinen ersten öffentlichen Auftrag: die Ausgestaltung einer Familienkapelle in San Luigi di Francesi, einer der meistbesuchten Kirchen. Im kunstbesessenen Rom drängen sich jeweils die Menschen, um die neusten Bildwerke in den Kirchen zu sehen. So ist es nicht verwunderlich, dass Caravaggio mit einem Mal in aller Munde ist. Die drei Leinwände sind ein Skandalerfolg. Sein Matthäus ist kein idealisierter Heiliger, sondern trägt die Züge eines einfachen Bauern, die Beine übereinandergeschlagen, die Füsse schmutzig; an ihn schmiegt sich zärtlich ein knabenhafter Engel. Die Bewunderer loben seinen Bruch mit der Tradition, die erfinderische Zuspitzung der biblischen Erzählung, die Menschlichkeit und Ehrlichkeit der Darstellung; die Gegner finden all dies bloss vulgär und gottlos. Das Bild wird abgelehnt.
Caravaggio gibt sich auch fortan herzlich wenig Mühe, die Erwartungen seiner kirchlichen Auftraggeber zu erfüllen. Für seine «Madonna di Loreto» (1603–1605) wählt er als Modell ein Mädchen namens Lena, das um die Piazza Navona ihrem Gewerbe nachgeht. Für seinen «Marientod» (1601–1606) holt er sich angeblich eine ertrunkene, aufgedunsene Frau aus dem Tiber; nicht der Tod einer verklärten Heiligen kommt zur Darstellung, sondern ein real inszenierter Todesfall. Nicht religiöse Erbauung ist Caravaggios Absicht; ihn interessiert, wie es sich zugetragen hat. Natürlich lehnen die Karmeliten das Bild ab.
In ein unbeschreibliches Desaster mündet schliesslich 1606 die Chance seines Lebens: Papst Paul V. beauftragt Caravaggio mit der Ausführung einer Heiligen Jungfrau für den Petersdom. Im Wissen, dass das Thema mit der unbefleckten Empfängnis verbunden ist, entscheidet er sich wieder für die leichte Lena als Modell, die zur vollbusigen Schönheit gerät. «Wir finden in diesem Bild nichts als Vulgarität, Sakrileg, Gottlosigkeit und Geschmackslosigkeit», schreibt ein Kardinalssekretär. Die Pforten zum Petersdom schliessen sich.
Streit, Flucht, Tod
Ausgerechnet beim prestigeträchtigsten Auftrag fühlt sich Caravaggio zur rohesten Interpretation getrieben – warum nur? Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass er den entleerten, manierierten Formalismus seiner Vorgänger verachtete und die Malerei nach der Natur und dem Modell bevorzugte wie keiner vor ihm. Hinter seinem Starrsinn stand also eine künstlerische Überzeugung. Dass er sich aber zudem in der Pose des Regelbrechers inszenierte, macht Caravaggio so modern: Zum ersten Mal beharrt ein Künstler auf absoluter Autonomie.
Zu einem hohen Preis allerdings: Anfeindungen erträgt er schlecht, sein cholerisches Temperament nimmt immer mehr überhand. Das Leben des Mannes, der der Kunst wie kein anderer neues Leben einflösste, steht je länger, je mehr im Zeichen eines machtvollen Selbstzerstörungstriebs. In dieses Bild passt die folgenschwerste Zäsur in Caravaggios Leben: Im Streit um eine Konkubine verletzt er einen Widersacher tödlich. Er wird zur Höchststrafe verurteilt, muss Rom fluchtartig verlassen und kann nie mehr zurückkehren. Sein Leben endet nach vier Jahren der Odyssee und weiteren Rechtshändeln unter bis heute nicht eindeutig geklärten Umständen. Wie sein künstlerisches Testament mutet rückblickend das Gemälde «Die Liebe besiegt alles» an. Darin steigt ein fröhlich lachender Liebesgott respektlos über alles hinweg, was irdischen Ruhm und Macht ausmacht, über Rüstung, Herrscherstab und Krone.
Ebendiesen Werktitel zitierend – «Die Liebe besiegt alles» –, schwangen sich die Organisatoren der Ausstellung «Caravaggio» zu höchsten Tönen auf, als sie letzte Woche auf die Einmaligkeit ihres Unterfangens hinwiesen. Sie meinten damit die Überwindung sämtlicher Hindernisse – beispielsweise zaudernde Leihgeber –, die sich bei der Realisierung einer Jahrhundertschau stellen. Am Ende konnte oder wollte bei der grossen 400-Jahr-Feier niemand abseits stehen. Museen von Florenz über St. Petersburg bis New York liehen ihre Schätze an die Caravaggio-Stadt.
So steht der «Knabe mit dem Früchtekorb» nun am Anfang einer Chefd’Œuvre-Ausstellung, die selber nicht mit inszenatorischem Pathos spart. Man betritt eine Folge dramatisch abgedunkelter Räume, aus der sich erst nach und nach die Formen schälen. Den «Caravaggio puro, certo, autentico» habe man zeigen wollen, versicherte das Kuratorenteam, nichts weiter. Alle Werke, an deren Autorschaft auch nur ein Rest von Zweifel besteht, wurden sicherheitshalber ausgeschlossen. So kamen insgesamt 24 Bilder zusammen.
Dramatische Lichteffekte
Was nach wenig klingt, ist in Wahrheit viel: zum einen, weil jedes einzelne Werk, geheimnisvoll, mit Geschichte und Anekdoten befrachtet und künstlerisch vollendet, viel zu schauen gibt. Zum andern, weil Caravaggios Gesamtwerk nur 62 unzweifelhafte Zuschreibungen umfasst. Zusätzlich zur Ausstellung befinden sich weitere 15 Werke in römischen Kirchen und Sammlungen (siehe Artikel rechts). Mit 39 Werken sind somit gegenwärtig fast zwei Drittel des Œuvres in Rom zu besichtigen – eine bessere Gelegenheit, sich ein Bild von den Originalen zu machen, wird sich lange nicht mehr bieten. Das tröstet darüber hinweg, dass ein derart simples Ausstellungskonzept wie das der Trophäenschau keinerlei Forschungsfragen oder neue Sichtweisen auf den Künstler beinhaltet, einmal abgesehen von Fragen der Zuschreibung.
Dabei ist die Caravaggio-Forschung dynamisch. Ständig machen neue Fakten zur Lebensgeschichte Schlagzeilen, jüngst etwa die Meldung, der Maler sei an Malaria gestorben. Auch der Blick auf das Werk verändert sich stetig. Im 17. Jahrhundert strahlte Caravaggios dramatischer Hell-dunkel-Stil nach Flandern und Holland. Künstler wie Rubens huldigten ihm, die Gruppe der Caravaggisten imitierte ihn. Zum Ende des Barockzeitalters geriet er in Vergessenheit – der Barock galt aus der Sicht des aufkommenden Klassizismus als stilistische Verirrung. Erst seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Caravaggio dank Studien von Roberto Longhi, Mina Gregori und anderen kunsthistorisch und gesellschaftlich rehabilitiert.
Die jetzige Schau in den Scuderie del Quirinale markiert den vorläufigen Höhepunkt der Caravaggio-Rezeption. Die Liebe, in diesem Fall jene zur Kunst, kennt derzeit keine Grenzen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 02.03.2010, 08:55 Uhr
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