Nichts als der menschliche Körper

Die 12. Schweizer Plastikausstellung in Biel geht neue Wege: Erstmals wurde auf Skulpturen im öffentlichen Raum verzichtet. Dafür agierten Performancekünstler als lebende Skulpturen auf Plätzen und in den Gassen der Stadt.

Ausbruch der Masse und Aufstieg aufs Dach des Körperknäuels: «Huddle» der Choreografin Simone Forti in der Nidausgasse.

Ausbruch der Masse und Aufstieg aufs Dach des Körperknäuels: «Huddle» der Choreografin Simone Forti in der Nidausgasse. Bild: zvg

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Der Blick wandert im Spähmodus über den Zentralplatz, die Wahrnehmung ist geschärft, bald wird hier etwas passieren, ein junger Mann fährt auf dem Fahrrad vorbei, mit der einen Hand hält er den Lenker, mit der anderen umklammert er einen veritablen Sessel. Dieses fahrlässige Fahrverhalten stellt einen eindeutigen Verstoss gegen die Strassenverkehrsordnung dar. Schon ist er mit dieser unbeabsichtigten Performance aus dem Blickfeld entschwunden an diesem sonnigen Morgen.

Die Passanten bewegen sich, wie sie sich immer bewegen, Touristen flanieren, wie sie immer flanieren, Autos fahren vorbei. Nichts Auffälliges vorerst im öffentlichen Raum, keine Störung, kein Sand im Getriebe des Verkehrsflusses. Wo ist wohl San Keller? Der Schweizer Künstler hat für den Kunstanlass «Le Mouvement» angekündigt, dass er im Rahmen seiner Wander-Performance «Schauprozess» an einem der Ausstellungsorte das Gesetz brechen werde. Zu gerne möchte man die beiden Ordnungshüter ansprechen, die auf dem Zentralplatz patroullieren. Was sind diese beiden Hüter des Gesetzes im öffentlichen Raum Biels im Namen der Kunstfreiheit wohl zu tolerieren gewillt?

In diesem Moment aber öffnet sich ein Fenster, und ein Tänzer tritt auf den kleinen Balkon des Jordi-Kocher-Hauses, am Eingang zur Nidaugasse. Er überschaut den Platz und beginnt an Ort mit einer Art Tanz, den Oberkörper wiegt er hin und her, Arme und Hände vollführen kreisende und schlangenhafte Bewegungen, die einem geheimen Code zu gehorchen scheinen. Wie ein stummer, aber gestisch beredter Orator steht er dort oben auf einer Grenze zwischen privatem Terrain und öffentlich einsehbarem Raum. Nach einer Viertelstunde macht er kehrt und verlässt den Balkon. Unten auf dem Zen­tralplatz wird vereinzelt applaudiert, die meisten jedoch haben keine Notiz genommen von dieser Balkonszene.

«Unmittelbare Präsenz»

Die Performance des in London lebenden argentinischen Künstlers Pablo Bronstein gehört zu den Kunstinfusionen, die das Kuratorenduo Gianni Jetzer und Chris Sharp der Stadt Biel verordnet hat. Die dreiteilige Ausstellung begann im Juni mit einem Symposium unter dem Titel «Sculptures on the Move».

In der vergangenen Woche waren getreu dem Motto «Peforming the City» eine Reihe von Schweizer und internationalen Künstlern mit ihren Interventionen im Stadtraum unterwegs, und seit gestern Sonntag ist im Kunsthaus Centre Pasquart eine Ausstellung zu sehen, «The City Performed», die ausgewählte Positionen der Performance-Kunst aus den letzten 50 Jahren versammelt – von Valerie Export über Anna Halprin bis zu Dieter Meier – und den politischen Wirkungswillen einer Kunstströmung betont, deren Protagonisten die Strasse als Kunstraum entdeckten und mit ihren gezielten Störungen von Ruhe und Ordnung oft beträchtliche Risiken eingingen.

Co-Kurator Gianni Jetzer ist überzeugt, dass in einem Zeitalter, in dem Erlebnisse zusehends durch mediale Repräsentation erzeugt würden, «die unmittelbare Präsenz des menschlichen Körpers wieder an Bedeutung gewinnt».

Und diese Körper können durchaus auch unangenehm, ja bedrohlich wirken. So fielen in der Bahnhofstrasse drei junge, durchschnittlich gekleidete Leute auf, die über längere Zeit auf dem Gehsteig scheinbar teilnahmslos verharrten und immer wieder einzelne Gesichter aus dem Passantenstrom fixierten. Oder starren sie durch einen hindurch in eine imaginäre Ferne? Der Schweizer Künstler Jérôme Leuba nennt seine Performance ein «battlefield», ein verwirrendes Schlachtfeld sich duellierender Blicke.

Und plötzlich diese Konkurrenz

In der Nidaugasse bewegte sich kurz darauf eine Phalanx von fünf schwarz gekleideten Tänzern mitten auf der Strasse; Schulter an Schulter bewegten sie sich als organisches Hindernis und zwangen die Passanten zum Ausweichen. Der Zufall wollte es, dass in der Nidaugasse an diesem Tag ein neues, ein jüngeres Publikum anvisierendes Schuhgeschäft seine Pforten öffnete und vor dem Ladenlokal Hip-Hopper in schwarzen Trainingsanzügen Werbezettel verteilten.

Das Werk «Drift» der amerikanischen Choreografin und Tänzerin Trish Brown beäugten sie eine Zeit lang misstrauisch als unliebsame Konkurrenz. Zu einer Gegenphalanx mochten sie sich aber dann doch nicht aufraffen und beschränkten sich darauf, das Territorium vor dem Haupteingang mit einer leicht aggressiveren Körperpräsenz zu markieren. In Simone Fortis «Huddle» formierten sich die Performer zu einem menschlichen Iglu; einer nach dem anderen kletterte in Zeitlupe hinauf, drehte sich langsam um die eigene Achse, rutschte wieder ab, um wieder im Kreis aufgenommen zu werden. Ein Zuschauer monierte den obligaten Hut, ohne den er keinen Obolus entrichten könne.

Die Überlagerungen zwischen den im Programm angekündigten Performances und der gleichsam natürlich-zufälligen Choreografie der Umgebung führte mitunter zu denkwürdigen Konstellationen. So hielt man auf den Zentralplatz Ausschau nach «Like you» der New Yorker Performance-Künstlerin Liz Magic Laser. Eine Tänzerin sollte die Eigenheiten argloser Passanten im Prozess der Fortbewegung nachahmen. Allerdings war die Tänzerin, wie sich herausstellte, vor allem in der Nidaugasse diskret unterwegs, derweil auf dem Zentralplatz plötzlich ein junger Mann auffiel, der mit einem phallischen Fotoapparat scheinbar wahllos Bilder schoss.

Auftritt des Schosshündchens

Die von Kurator Gianni Jetzer erhofften «authentischen Reaktionen» des Bieler Publikums liessen sich in der Eingangshalle des Bahnhofs während der Performance von «Sisyphus Now» besonders gut beobachten. Für ihre Aktion in Biel konstruierte die neuseeländische Künstlerin Alicia Frankovich eine Choreografie aus den alltäglichen Gesten der Reisenden und Pendler, die sie teilweise isoliert und aus dem Zusammenhang reisst.

Während im Vordergrund eine ältere Dame Caramelsäcklein für einen gemeinnützigen Zweck verkaufte und im Hintergrund sich Reisende an den Billettautomaten zu schaffen machten, lagen drei junge Männer und Frauen am Boden, stellten sich schlafend, lachten plötzlich unkontrolliert, verabschiedeten sich mit Kusshänden und Umarmungen oder schritten konzentriert hin und her. Und dazwischen bahnten sich Reisende mit Rollköffern und Taschen einen Weg, blickten hinauf zur Anzeigetafel und sahen ihr Tun auf beiden Seiten aufmerksam von den Zuschauern der Performance beäugt.

Der Höhepunkt jedoch spielte sich auf dem Robert-Walser-Platz ab. Das Berliner Künstlerduo Prinz Gholam hatte kurzerhand seinen ganzen Aufenthalt in Biel zur Performance erklärt und präsentierte jeweils um 14 Uhr ein kurzes Ausschnittfenster. Während Hundehalter ihre «Schätziböhneli» ausführten und keine zehn Meter von Prinz Gholam entfernt eine Gruppe von Boulespielern auftrat, einer das Feld markierte und ein anderer den Kiesplatz mit zenbuddhistischer Hingabe rechte, begannen die beiden Künstler, ihr Bilderarchiv auszustellen.

Für jeweils etwa 30 Sekunden halten sie Posen, die an Filmstills erinnern, mitunter an Folter oder Hinrichtungsszenen, dann an eine Pieta oder an Allegorien von Trost, Trauer oder Hoffnung.

Und dann trat plötzlich dieses kleine tierische Wesen auf den Plan, ein Schosshündchen, dass sich den beiden Künstlern näherte, an ihren Beinen schnupperte und – das Publikum hielt gespannt den Atem an – ein Bein langsam anzuheben schien. Aber, nein, es urinierte nicht, schaute sich nochmals mit seinen Kulleraugen um und trottete davon, von seinem Herrchen gerufen. San Keller haben wir leider nicht angetroffen.

(Der Bund)

Erstellt: 01.09.2014, 09:09 Uhr

«Mouvement III – The City Performed»

Dauert bis zum 2. November.
Homepage

Blättern im kollektiven Bildarchiv: Das Berliner Künstlerduo Prinz Gholam. (Bild: zvg)

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