Kultur
Mädchen gegen Machos
Aktualisiert am 30.07.2012 85 Kommentare
Der Prozess hat begonnen
In Moskau hat die Hauptverhandlung im international kritisierten Prozess gegen Mitglieder der regierungskritischen Punkband Pussy Riot begonnen. Zum Auftakt erklärten die drei angeklagten Frauen ihre Unschuld. Sie äußerten aber zugleich Bedauern, falls ihr Auftritt mit einem «Punk-Gebet» in einer Kirche gegen den heutigen Staatschef Wladimir Putin Gläubige verletzt habe. Den seit März inhaftierten Sängerinnen Nadeschda Tolokonnikowa, Jekaterina Samuzewitsch und Marina Alechina wird «Rowdytum» vorgeworfen; ihnen drohen bis zu sieben Jahre Haft. Ihre Band hatte im Februar in einer Moskauer Kathedrale unter anderem den Satz «Maria, Mutter Gottes - verjage Putin!» gesungen. Der Prozess gegen sie findet nun in dem Gericht statt, in dem im Jahr 2010 Putins Gegenspieler, der frühere Oligarch Michail Chodorkowski, zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde.
In dem voll besetzten Saal im Bezirksgericht Chamownitscheski beantworteten die drei angeklagten Frauen am Montag zunächst gelassen Fragen nach ihren Namen, Adressen und Geburtsdaten. Ihre Anwältin Violetta Wolkowa verlas darauf handschriftliche Erklärungen der Frauen: Der Auftritt sei «ein verzweifelter Versuch» gewesen, «um das politische System zu ändern», hieß es in der Erklärung Tolokonnikowas in dem live im Internet übertragenen Verfahren. «Wir hatten nicht die Absicht, Menschen zu beleidigen.» Im juristischen Sinne schuldig seien sie und ihre Mitangeklagten aber nicht. Der Vater von Jekaterina Samuzewitsch, Stanislaw, zeigte sich wenig optimistisch, dass seine Tochter von dem Gericht Milde erwarten könne. «Natürlich werden sie ins Gefängnis geschickt», sagte er. «Das ist ein politischer Prozess.»
Ministerpräsident Dmitri Medwedew rief angesichts der Kritik aus der russischen Opposition und dem Ausland an dem Verfahren zur Gelassenheit auf. Der Prozess werde klären, ob ein Verbrechen begangen worden sei oder nicht, sagte der Regierungschef dem britischen Magazin «Time». Medwedew räumte in dem am Montag von der Regierung veröffentlichten Interview ein, dass der Fall Aufmerksamkeit errege, «weil er an unserem Verständnis von Rechten und individueller Freiheit rührt». (AFP)
Den Punk-Musikerinnen drohen bis zu sieben Jahre Haft. (30. Juli 2012) (Video: Reuters )
Pussy Riot in Aktion (Video: Reuters )
Video
Die Performance, die zur Verhaftung führte.Artikel zum Thema
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In Russland wird einer Idee der Prozess gemacht. Viele sagen, es geht um die Freiheit selbst. Wäre der Hintergrund nicht so ernst, man müsste vermuten, dass es sich um ein Hollywood-Drehbuch handelt. Es geht um David gegen Goliath, Punk gegen Politik, Mädchen gegen Machos, Feminismus gegen Kirche.
Vor allem aber geht es um die Macht symbolischer Bilder; wie drei junge Frauen gegen einen der mächtigsten Männer in einem der mächtigsten Länder der Welt antreten, gegen einen Macho, der sich am liebsten mit nacktem Oberkörper bei der Bärenjagd fotografieren lässt.
«Gott erlöse uns von Putin»
Das Youtube-Video datiert vom 21. Februar 2012 zeigt bunte Punks, die zum verzerrten Gitarrensound einer Band im Altarraum einer Kathedrale in Moskau herumhüpfen, der normalerweise nur Männern vorbehalten ist. Sie kicken in die Luft und geben ein Punk-Gebet zum Besten, in dem sie um Erlösung von Wladimir Putin bitten, es gibt ein paar schockierte Passanten, Sicherheitsmänner versuchen die Frauen zu entfernen, Journalisten und Sympathisanten wirbeln im Bild herum. 58 Sekunden dauerte die verwegene Performance. Zunächst geschah nichts, nicht einmal die Personalien der Aktivistinnen wurden aufgenommen. Erst als ein Video der Aktion auf Youtube auftauchte unter dem Titel 'Virgin Mary Chuck Out Putin', folgten die Konsequenzen. Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (29) wurden verhaftet und eingesperrt. Seitdem warten sie auf ihren Prozess, der heute begann (siehe Box links). Kurz nach der Verhaftung wurden die drei Frauen der Öffentlichkeit vorgeführt, in einem Käfig. Seit fünf Monaten sitzen sie nun, zwei davon Mütter von Kleinkindern, in Haft. In dieser Zeit war ihnen keinerlei Besuch erlaubt, weder von Freunden noch Familie. Im Juli wurde offiziell Anklage erhoben. Die Ermittlungsakten umfassen rund 3000 Seiten und die Anklage stützt sich auf ein Gutachten, das mit den Regeln der Trullanischen Synode aus dem 4. und 7. Jahrhundert argumentiert. Den Frauen drohen nun bis zu sieben Jahre Haft wegen Rowdytums und dem «Schüren von religiösem Hass».
Niemand ist sicher
Putin, so heisst es, habe die Kunstaktion als persönlichen Angriff verstanden, die Order, die Frauen einzubuchten soll denn auch direkt von ihm gekommen sein. Eine Racheaktion, so der Anwalt der Frauen. Das Ganze erinnert an den Fall des Oligarchen Chodorowski, dem Putin den Prozess machte, um seine Macht auch über die Vertreter des Geldadels zu manifestieren. Aber diesmal handelt es sich um eine Handvoll junger Frauen, deren Verbrechen darin bestand, in bunten Kleidern herumzuhüpfen und eine zwar anstössige, aber friedliche Meinungsäusserung kundzutun. Die Botschaft, die Putin mit dem Prozess aussendet, ist unmissverständlich. Er ist bereit, gegen jeden Bürger, der sich nicht an seine Spielregeln hält, mit massiver Gewalt vorzugehen. Niemand ist sicher. Aber mit Sicherheit wird dies ein Wendepunkt in Putins politischer Karriere sein.
Und so ist dieser Prozess so symbolisch, wie die Kunstaktion, die nicht zufällig in besagter Kirche stattfand. Ursprünglich das zentrale Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche, wollte Stalin auf ihren Grundfesten den Palast der Sowjets erbauen lassen, um seine Macht gegen die Kirche zu demonstrieren. Nach seinem Ende wurde das noch nicht zu Ende gestellte Bauwerk in einen Swimmingpool verwandelt. Erst in den Neunzigern wurde die Kirche auf eine Initiative Boris Jelzins hin originalgetreu wieder aufgebaut. Sie gilt heute als eines der wichtigsten Wahrzeichen der russisch-orthodoxen Kirche, welche wiederum Putin öffentlich unterstützt. Die Kunstperformance war nicht nur ein Affront gegen Putin, sondern auch gegen die wieder erstarkte russische Kirche.
Unterstützung durch den Westen
Bis vergangenen Oktober kannte niemand die Pussy Riots. Es handelt sich dabei um ein Kollektiv von Musikerinnen und Kunststudentinnen aus der Mittelklasse. Sie singen laute Punksongs und protestieren mit symbolischen Aktionen gegen die Staatsmacht und für ihr Recht auf Widerstand. Zum Beispiel mit einem Konzert vergangenen Dezember auf dem Roten Platz in Moskau, das im Rahmen grösserer Protestkundgebungen im Vorfeld der Wahlen stattfand. Oder Aktionen wie jener, bei der eine Performance-Gruppe einen riesigen Penis auf die Brücke gegenüber des FSB(ehemals KGB)-Hauptquartiers in St.Petersburg malte mit dem Slogan «Dick captured by FSB». Wer die Frauen genau sind, wusste niemand. Sie tragen ihre bunten Masken, weil Anonymität zum künstlerischen Konzept der Gruppe gehört: Nicht Individuen stehen im Zentrum, sondern eine Idee. Jede kann Pussy Riot sein, so die Botschaft. Der feministische Drall gibt dem ganzen die besondere Würze, denn Russland gilt als eines der patriarchalsten Länder überhaupt, eine Frauenbewegung gab es nie.
Andere Aktivistinnen der Gruppe sind inzwischen untergetaucht, aber sie agieren weiter, werben um globale Aufmerksamkeit für den Prozess, den Putin mit seiner harschen Reaktion erst als solchen kreiert hat. Dass der Fall aber eine solch starke globale Aufmerksamkeit erreicht, dürfte Putin nicht gelegen kommen. Zahlreiche Menschenrechtsorganisationen protestierten gegen die Inhaftierung der Frauen und bezeichneten sie als politische Gefangene, Filmteams drehen Dokumentarfilme über den Fall, Popstars wie die Red Hot Chilli Peppers, Franz Ferdinand oder Sting werben um Solidarität für die Frauen.
Wie viele andere russische Führer weiss Putin um die Macht der Bilder und Symbole. Russland ist so stark wie er selbst, so die Botschaft, die er bislang unter die Leute bringen wollte. Aber dieser Prozess zeigt: Russland ist auch labil. Es muss sich vor einer Handvoll junger Frauen in bunten Masken fürchten. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.07.2012, 12:56 Uhr
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85 Kommentare
Wenn 3 kleine Mädchen einen "Staatsmann" und sein ganzer Staatsapparat inkl. der Kirche (die wieder einmal mit den Mächtigen bandelt) dermassen provozieren kann, dann steht es miserabel um diese Nation! Ich sage die 3 Girls werden für Jahre in der Versenkung verschwinden und nach der "Statsbehandlung" als völlig gebrochene Frauen wieder zum Vorschein kommen. Die Gefängnisse dort sich fürcherlich! Antworten
Eigentlich erstaunlich, wie lange man warten musste, bis auch aus dieser Geschichte eine Genderstory gebastelt wird: Gibt es auf dieser Welt eigentlich noch irgend etwas, das nicht zu einer gender tragedy verwurstet wird? Hier geht es um Demokratiebestrebungen von vielen zu recht erzürnten Russinnen und Russen, die Geschlechterperspektive ist da völlig sekundär! Antworten


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