Hintergrund

Lang lebe die vertikale Austastlücke!

Im Zeitalter von Apps und Internet müsste der Teletext längst ausgestorben sein. Er hält sich jedoch seit Jahrzehnten unverändert und fasziniert durch seine Beschränktheit – auch Künstler. Eine Ode.

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Im Vergleich zu heutigen Newsportalen fällt der Teletext völlig ab. Die Informationen sind auf einem absoluten Minimum gehalten. Nur wenige Zeilen pro Seite stehen zur Verfügung im Vergleich zur unendlichen Länge im Web, der Vielfalt der Nachrichten.

«Magnin tritt per sofort zurück», steht da zum Beispiel am Montag auf der Auftaktseite von Swisstext mit Hinweis auf Seite 184. Dort folgen fünfzehn Zeilen zum Grund des Rücktritts, zur Zukunft und Vergangenheit des ehemaligen Nati-Fussballers. Tags darauf auf Seite 109: «Fehldiagnose: Ärzte vor Gericht.» Gelber Titel gefolgt von ein paar hellblauen Zeilen, gefolgt von ein paar weissen Zeilen und diese wiederum gefolgt von ein paar abschliessenden Zeilen wieder in Hellblau. Das Prinzip ist immer dasselbe.

Beschränkt und beliebt

Optisch hat sich in all den Jahren seit Erfindung des Teletexts nicht wirklich etwas getan. Wie auch? Der Teletext ist beschränkt. Nur sechs Farben sind möglich, dazu Schwarz und Weiss. 25 Zeilen à 40 Zeichen stehen zur Verfügung. Das war schon immer so und ist auch heute noch so. Mehr kann der Teletext nicht. Rund 40 Jahre ist es her, seitdem BBC-Techniker auf die Idee kamen, die sogenannte vertikale Austastlücke für Informationen zu nutzen.

Dabei handelt es ich um eine Lücke, die bei der Bildübertragung im analogen Fernsehsignal entsteht, die also nicht für das Fernsehbild genutzt wird. U. K. Teletext Standard hiess 1974 der erste Teletext, der es möglich machte, Text über das Fernsehbild zu stellen, das im Hintergrund weiterläuft, entweder transparent oder deckend. Geradezu bahnbrechend in einer Zeit, in der Fernsehzuschauer noch ohne Internet und Apps auskamen.

Nicht ohne TXT 202

Beim vielseitigen Konkurrenzangebot müsste der Teletext inzwischen aber längst ausgestorben sein oder ungenutzt vor sich hin dümpeln. Tut er aber nicht. Eine SRF-Grafik zeigt, dass die Zahlen seit 1998 mehr oder weniger konstant sind und – mit Ausnahme eines Hochs zwischen 2004 und 2005 – bloss Jahreszeit bedingten Quartalsschwankungen unterliegen (siehe obige Bildstrecke). «Es kann davon ausgegangen werden, dass wir auch 2012 im Schnitt täglich um eine Million Nutzerinnen und Nutzer erreichen werden», sagt Michel Fink, Leiter Kommunikation bei Swisstext. Für mobile Teletext-Fans gibt es eine Smartphone-App, die genauso aussieht wie der Teletext im Fernsehen. Sie ist nicht etwa gratis, sondern kostet vier Franken. Dass die gemäss Michel Fink bis heute 95'500-mal herunter geladen wurde und bald die 100'000er-Grenze wackelt, ist ein weiteres Zeichen dafür, dass Teletext beliebt ist.

Für die fünfte lästige Werbepause auf dem deutschen Privatsender beispielsweise ist der Teletext geradezu perfekt. Wie wird das Wetter morgen? Swisstext-Seite 151. Und was läuft später noch auf SF? 303. Vor allem für viele Sportfans geht ohne Teletext gar nichts. Seite 202 für Fussball-Livespiele. Wo fällt das nächste Goal, wo beginnt das Sternchen zu blinken? Bloss nicht beim Gegner! Dieses Warten im Ungewissen schürt die Spannung noch zusätzlich. In den kommenden zwei Wochen werden die TXT-Seiten 261 fortfolgende zu den spannendsten gehören: Was tun Federers Gegner? Wie schlägt sich Wawrinka und welcher Aussenplatz-Match geht bis in den fünften Satz oder ins Long-Tiebreak? Auch bei wichtigen Ereignissen wie einem Wahlsonntag wird die Teletext-Taste auf der Fernbedienung rege gedrückt: Bei den Parlamentswahlen im vergangenen Herbst waren es 1,68 Millionen Personen.

Pixel-Kunst für den Teletext

Ist doch zu umständlich, werden viele monieren. Immer dieses Dreistellige-Nummer-Eingeben, das Warten, bis die Seite aufgebaut ist, im Internet ist doch alles viel schneller, schöner, umfangreicher. News und Ticker über alles und jeden: Vom Überfall in Hinterpfupfigen über den Regierungsentscheid in Ungarn bis zu Gisele Bündchens Babybauch. Verlinkt mit noch mehr Storys, Bildstrecken, Videos. Dazu Pop-ups mit Werbung, Slides mit den neusten Produkteempfehlungen vom Lieblingsversandhandel. Das ist ja alles super! Aber manchmal einfach zu viel.

Es gibt Momente, da will man nichts hören und sehen ausser der einen Information. Man will sich nicht in anderen interessanten Geschichten verlieren, man will nicht lange suchen, nicht lange scrollen zur gewünschten Information, die womöglich schon längst unter einem Berg noch neuerer News begraben ist. Beim Teletext ist alles herrlich übersichtlich: Übersicht auf Seite 100, Kurznews aus dem Inland auf Seite 128, auf Seite 151 das Wetter, ab 301 das TV-Programm.

Diese Beschränktheit beflügelt offenbar auch Künstler – und die ARD zu einem besonderen Projekt: dem International Teletext Art Festival (Itaf), das ursprünglich im Teletext des finnischen Fernsehens zu sehen war. Auf ARD Text sind ab Seite 770 während vier Wochen Pixel-Werke von 17 Künstlerinnen und Künstlern zu sehen, wöchentlich gibt es neue. Zum Beispiel eine Unterwasserwelt, die liebliche Amelie oder ein Haus, das durch seine Einfachheit fasziniert. Die Werke schicken einen auf eine Zeitreise nach früher, als die Monster in Computerspielen noch farbige Vierecke mit zwei Pixel als Augen waren. So viel Minimalismus mit Retrocharme tut zwischendurch einfach gut.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.08.2012, 14:04 Uhr

Infobox

Das Internationale Teletext-Kunstfestival ist ein Projekt der Fix C Cooperative und noch bis zum 16. September im ARD Text ab Seite 770 zu sehen.

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