Ihr Körper ist ihr Pinsel

Die Performances der Kunstfigur Milo Moiré versetzen Journalisten und Passanten in Aufregung, denn sie ist dabei immer nackt. Wer die Frau hinter der Figur ist, was sie will und was die Kunstszene von ihr hält.

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Man nennt sie Nacktkünstlerin, manchmal auch Vaginakünstlerin. Sie wird von der Presse geliebt, vom Publikum gleichermassen bewundert und verachtet, von der Kunstszene freundlich ignoriert. Aus dem Nichts ist sie vor zwei Jahren aufgetaucht, aber heute weiss jeder Durchschnittsbürger, wer Milo Moiré ist. Zumindest was die Kunstfigur betrifft. Wer die Person hinter dem Pseudonym ist, weiss kaum jemand. Eine bemerkenswerte Popularitätskarriere für eine einfache Künstlerin. Wenn man sie denn so nennen kann. Oder um es mit dem übellaunigen Teil des Publikums zu sagen: Was soll am Nacktsein schon gross Kunst sein?

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Milo Moiré spaltet die Meinungen. Kunst oder Quatsch?





Die Antwort ist, wie meistens in solchen Angelegenheiten, kompliziert. Sicher ist: Wo Milo Moiré auftaucht, da klicken die Auslöser. Etwa Mitte ­Januar in Köln. Europa diskutierte aufgebracht die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht und ihre Folgen, und Moiré nutzte die Aufmerksamkeit für ihre eigenen Zwecke. Bei eisigen Temperaturen stellte sie sich nur mit Turnschuhen bekleidet auf den Kölner Domplatz und reckte ein Pappschild in die Höhe, auf dem in handgemalten Lettern zu ­lesen war: «Respektiert uns! Wir sind kein Freiwild, selbst wenn wir nackt sind!!!» Die Passanten ergötzten sich am Schauspiel, die Journalisten berichteten in Schrift, Bild und Ton, ein eingespieltes ­Muster. «Vaginakünstlerin performt nackt gegen den Sexmob», hiess es beim «Blick».

«Sie konnten meinen Körper gefangen nehmen, aber mein Geist bleibt frei. Freiheit ist das höchste Gut in unserer Gesellschaft.»

Die deutsche «Bild» nennt Moiré «Nacki-Ei-Künstlerin», seit sie 2013 vor dem Messegebäude der Art Cologne mit Farbe gefüllte Eier aus ihrer Vagina presste und für Schlagzeilen auch in Blättern sorgte, die für Kunst sonst gar nichts übrig haben. Als sie im selben Jahr während der Art Basel ihre Haut mit Namen von Kleidungsstücken beschriftete und so durch die Stadt spazierte, folgte ihr bereits ein Tross Kameras.

Und als sie sich im letzten Sommer in Paris auf dem Place Trocadéro auszog und sich den Touristen als Motiv für Selfies zur Verfügung stellte, verursachte sie einen Menschenauflauf, bis die Polizei kam und Frau Moiré auf dem Polizeiposten im 16. Arrondissement in eine Zelle warf. Ihre erste Verhaftung, 18 Stunden verbrachte sie in der Zelle. In Frankreich ist es verboten, seine Genitalien öffentlich zur Schau zu stellen. Ausser es ist Kunst, wovon Moiré die Richterin überzeugte, worauf sie freigelassen wurde. «Sie konnten meinen Körper gefangen nehmen, aber mein Geist bleibt frei. Freiheit ist das höchste Gut in unserer Gesellschaft», teilte sie später der Weltöffentlichkeit mit.

Stereotype Sätze, Kleinmädchenstimme

Wer die Frau hinter der Figur ist, erschliesst sich nicht so leicht. Journalisten gegenüber ist sie ­zugänglich, aber ihren bürgerlichen Namen hält sie geheim. Über die Zeit, bevor sie zur Kunstfigur wurde, macht sie nur vage Angaben. Sorgfältig ­geschminkt sitzt sie in ihrem Designerloft in ­Düsseldorf, streicht sich Strähnen ihrer dunklen Perücke aus dem Gesicht und beantwortet Fragen auf Hochdeutsch. Sie könne sich so präziser ausdrücken als im Dialekt, sagt sie. Und erzählt dann jedem dasselbe. Stereotype Sätze, vorgetragen mit Kleinmädchenstimme und dem Charme eines Desinfektionsmittels.

Zum Beispiel zur Bedeutung ­ihrer Performances: «Nacktheit ist medial überall präsent, aber wenn im Alltag wirklich jemand nackt vor einem steht, gilt das als unnatürlich.» Oder: «Jeder entblösst sich im Internet. Ich treibe das Thema auf die Spitze.» Oder: «Die Diskrepanz zwischen realer und virtueller Welt ist riesig geworden, ich möchte diese Kluft schliessen. Ich kann mit meinem Körper, mit dem, was ich auch habe, eine direkte Botschaft vermitteln.» Das steht alles ungefähr auch so auf ihrer Website. Nur was sie mit «dem, was ich auch habe» meint, ist woanders nachzulesen, in einem Beitrag, den sie letzten Herbst für das «NZZ Folio» verfasst hat: «Ob ich auch mit 60 Jahren noch nackt in der Öffentlichkeit auftreten würde, so wie heute? Die wenigsten sind 1 Meter 78 und haben Kleidergrösse 36.»

Primarlehrerin, Model, Miss Bodensee

Schon bevor sie Milo Moiré wurde, suchte die Luzernerin den Erfolg. Tochter eines begabten Amateurtennisspielers, spielte sie in ihrer Jugend im Juniorenteam und besuchte nach der Sekundarschule das Lehrerseminar in Luzern. 2001 machte sie ihr Diplom und heuerte dann beim Chamer Modelagenten Charly Werder an. Werder erinnert sich an sie als zuverlässige und umgängliche junge Frau und brüstet sich damit, ihr alles über das Modelgeschäft beigebracht zu haben: posieren, laufen, sich verkaufen. Im Herbst 2004 drehte sie als Moneygirl in Roman Kilchspergers Show «Deal or no Deal» das Glücksrad. Dann bewarb sie sich bei der Wahl zur Miss Bodensee international und gewann. Die Lokalpresse berichtete, ihre «wilden Tanzeinlagen» hätten die Jury überzeugt, aber auf den Siegerbildern lächelt sie nicht besonders fröhlich in die Kamera. Schön sein allein macht nicht alle glücklich.

Kurz darauf lernte sie den Düsseldorfer «Star­fotografen» («Bild») Peter Palm kennen, die beiden verliebten sich, er erklärte sie zu seiner Muse und managt seither ihre Karriere. Bevor sie die Kunst für sich entdeckte, absolvierte sie aber noch ein Psychologiestudium in Bern und schloss 2011 mit dem Master ab. Ihre Arbeit widmet sich der Frage, was Frauengesichter attraktiv und erfolgreich ­wirken lässt. Ihre Professoren beschreiben sie als fleissige und begabte Studentin und «überaus liebenswürdige Person», aber ansonsten unauffällig und nicht besonders kunstinteressiert. Die Erleuchtung, sagt sie, habe sie 2007 in den Ferien auf Teneriffa ereilt. Am Radio hörte sie ein Interview mit Marina Abramovic und war fasziniert, wie diese «sehr intensive Botschaften künstlerisch ausdrückt». Moiré beschloss, es ihr gleich zu tun: Durch den Körper, durch «das, was ich auch habe» eine direkte Botschaft zu vermitteln.

Für diese Botschaft erwiesen sich Laien bislang empfänglicher als Experten. Bei ihren Selfie-Performances stehen Gaffer Schlange, um mit ihr als lebendiger Schaufensterpuppe zu posieren. Um dann den Journalisten zu erzählen, wie ihre Brüste sich anfühlten: hart und künstlich. Aber das gehört wohl zum Konzept der Kunstfigur. Weniger eingängig als die Bilder sind ihre Erklärungen dazu. «Wer mit mir ein Nacktselfie macht, gibt ja auch etwas von sich preis, zeigt sich der Welt mit einem Statement. ZEIGE ALLES UND DU BIST!»

Unzensierte Version gegen Aufpreis

Letzterer Satz trifft vor allem auf sie selber zu. 2014 war Milo Moiré der am zweitmeisten gesuchte Schweizer Google-Begriff in der Kategorie «Skandale und Aufreger» – gleich hinter Nacktselfie-König Geri Müller. Auf grosses Interesse stösst auch ihre «künstlerische Unterwasser-Videoarbeit» «Fluid Ecstasy», auf der Moiré nackt unter Wasser schwimmt. «Eingetaucht in Transparenz bleibt unterhalb der Oberfläche geborgen vom Element Wasser nichts verborgen», heisst es auf der Homepage. Dies allerdings nur, wenn man die 7.99 Euro zu zahlen bereit ist, um dann die unzensierte Version «kostenlos und in neutraler Verpackung» nach Hause geschickt zu bekommen. Für alle anderen verbergen kleine digitale Fischchen den Schambereich.

Auf die Frage, wo sie die Grenzen zur Pornografie zieht, fällt die Antwort diffus aus: «Für Sie mag das pornografisch sein, für mich ist das ganz natürlich.» Schliesslich könne man im Theater auch Schamlippen sehen, und deswegen sei das doch auch keine Pornografie, auch wenn man dafür bezahle. «Ich bin Performancekünstlerin. Mein Körper ist mein Pinsel.»

Sie hat wieder zugeschlagen

Die Kunstszene selber reagierte bislang verhalten auf die Avancen der Schweizerin. 2014 verweigerte ihr die Art Basel den Zutritt, als sie ihre Nackt­performance in die Messe tragen wollte. Wer auf der Art Basel Kunst zeigen will, muss bezahlen, da versteht die Messe keinen Spass. Die nackte Moiré sprach enttäuscht in die Kamera: «Ich dachte, ein bisschen Spontanität sollte doch erlaubt sein!» Doch für Dinge wie Spontanität und Selbstdarstellerei ist während der Art nur ausserhalb der Messe Platz, weshalb Moiré ihre Selfie-Performance im folgenden Jahr auf den Barfüsserplatz verlegte. Dort gab es keinen Ärger mit der Messe, dafür mit den Kunstkritikern. Beim Kunstblog Artnet News zur Art Basel 2015 wurde ihre Selfie-Performance unter «Worst of» gelistet. Der Kommentar: «Kunstmessen sind vielleicht ein guter Marktplatz, aber das hier ist jenseits von schlecht. Nacktperformerin Milo Moiré hat wieder zugeschlagen.»

Wenn es mit der Kunst nicht so läuft, kann sie Pseudokünstlerin sein.

Andere sind etwas gnädiger. Sie sei eine Art «Paris Hilton der Kunst», urteilt Kunstkritikerin Ewa Hess. Man kennt sie dafür, dass man sie kennt. Die Kritikerin vermisst in Moirés Arbeiten Raffinesse und Abgründe, auch wenn Performance als Kunstform im Moment sehr en vogue sei. Nur gelänge es Moiré weder, jemanden aufzurütteln, noch eine originelle Aussage zu machen. Und damit ist es schwierig, als Künstlerin ernst genommen zu ­werden. «Die Kunstwelt ist ein gut abgeschirmtes System, in dem eine überschaubare Gruppe von Spezialisten das Niveau überwacht. Boulevard setzt sich da nicht so leicht durch», sagt Hess. Kurator Juri Steiner bemerkt: «Das haben Dadaisten schon vor hundert Jahren gemacht. Aber füdliblutt in der Öffentlichkeit herumzustehen, funktioniert immer noch.» In Moirés Protestaktion in Köln sieht er aber einen «ersten Schritt in eine Aussage». Was die kommerzielle Seite betrifft, sei es schwierig, Performancekunst zu verkaufen, sagt Bertold Müller vom Aktionshaus Christie’s. Ein Werk von Moiré sei seinem Haus oder einem anderen Anbieter auf dem Sekundärmarkt noch nie angeboten worden.

Eigene Nische geschaffen

Moiré lässt das kalt. Sie hat sich ihre eigene ­Nische geschaffen, als Mischung zwischen Schauspielerin, Pornomodel und It-Girl, irgendwo an der Schnittstelle zur Kunst. Dass andere Künstlerinnen ihre Geschlechtsteile genauso eifrig und mit vielleicht noch raffinierterer Botschaft zur Schau stellen, macht sie wett durch die mediale Aufmerksamkeit, die sie erntet.

«Am Anfang störte mich, dass ich Vaginakünstlerin genannt wurde», sagt sie. «Aber ich habe eingesehen, dass ich das nicht beeinflussen kann.» Schlagzeilen allein garantieren keine Anerkennung von der Kunstszene. Aber vielleicht begreift Moiré ja irgendwann, dass es nicht so sehr ihr Körper ist, mit dem sie weiter arbeiten müsste. Sondern die mediale Faszination dafür.

So oder so, sie macht weiter. «Wenn der Künstler konsequent ist, kann er sich auch etablieren», glaubt sie. Und wenn das nicht funktioniert, dann hat sie immer noch ihre Karriere als Pseudokünstlerin. Vielleicht öffnet ja die Kunstszene ihr irgendwann ihre Türen. Moiré wird vorbereitet sein. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.01.2016, 20:43 Uhr)

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