«Heute heut Herr Bieri»
Von Walter Däpp. Aktualisiert am 30.07.2009
Ausstellung
Heu – die Ausstellung in der alten Scheune im Kemmeribodenbad, Schangnau. Bis 4. Oktober.
Man betritt sie durch die Hintertür, diese Ausstellung zum Thema «Heu» – über eine schmale, stotzige Holztreppe. Und alle, die sich den Eintritt dennoch zumuten, seien sogleich vorgewarnt: «Achtung, Kopf!» Denn beim Eingang ist die Decke niedrig, und wer dem eigenwilligen Heuet des Künstlertrios Fredi Bieri, Markus Lüthi und Werner Zihlmann alias Wetz dann mit der nötigen kreativen Offenheit begegnen will, der braucht ihn nämlich noch, den Kopf.
«Heu – die Ausstellung», die vom Naturpark Thunersee-Hohgant in der alten Kemmeribodenbad-Scheune präsentiert wird, ist nämlich keine bodenständig-volkskundliche, sondern eine spleenig-spielerische Annäherung ans Thema. Da hängen von Ventilatoren angetriebene Heuballen wie leise surrende Helikopter an der Decke; da sind, auf schrägen Videos, etwa Lüthi und Bieri zu sehen, wie sie genüsslich trockenes Heu verzehren – oder wie Bieri sich (unter dem Titel «Heute heut Herr Bieri») auf einem asphaltierten Plätzchen charmant unbeholfen damit abmüht, mit gütiger Hilfe der Natur aus Gras Heu herzustellen; oder da werden, vom Installationskünstler Wetz, zwei künstliche zottige und bandagierte Schafe genötigt, als Michelle und Barack im Heu und Stroh zu stehen – anscheinend symbolhaft für die Gefahren der Globalisierung für die Landwirtschaft, wie er kundtut.
Wer darob nun eher irritiert statt informiert sein sollte, hat auf der riesigen Kemmeribodenbad-Heubühne aber gute Chancen, wieder Bodenhaftung zu bekommen. Zum Beispiel mit Fredi Bieris fotografischen und sprachspielerischen Bilderwelten auf grossen Holztafeln, die auf originelle Weise unterstreichen, was irgendwo einprägsam steht: «Wenn man meint, Heu sei Heu, versteht man nichts von Heu.»
Heu sei «drahtig und ein bisschen wie Schnur, trocken, sonnig und ein wenig sandig», meint er zum Beispiel, während Emd «krautiger, weniger drahtig und intensiver» sei. Und man vernimmt, dass Heu eben mehr ist als bloss luftgetrocknetes Gras: Heu ist unter anderem gewöhnliches Ruchgras, italienisches Raygras oder nickendes Perlgras. Dann auch Wiesenhafer, Drahtschmiele und Pippau, Goldhafer und Rotklee, Hahnenfuss und Kerbel, Wiesenrispe und Sauerampfer, Wiesenfuchsschwanz und Weissklee. Oder Söiblume und Honiggras, Dünnschwingel und Mariengras.Und so weiter.
Klar, dass es in der Ausstellung in Hülle und Fülle Heu zu sehen, zu greifen und zu riechen gibt. Letztjähriges Heu und heuriges Heu. Heu von der Brandbodenmatt und vom Nägelisboden. Und auch Heu von der Birkenmatt. Und Bieri verrät in einem seiner Texte, wer den Ausstellungsmachern ihr Wissen übers Heu und übers Heuen vermittelt hat: «14 Mütter, 14 Väter und 43 Kinder haben uns ihre Türen und die Herzen geöffnet. Haben uns ihren Hof gezeigt, ihre Tiere, ihre Ställe, ihre Arbeit. Sie haben uns hineingelassen in ihr Leben. 14 Familienwelten, Lebensräume. Die 14 Familien haben 261 Kühe und 6 Stiere.(...) Sie heuen und sorgen für ihre Tiere, sie pflegen die Landschaft, sie melken weiss schäumende Milch, machen Butter, Rahm und Käse.»
Bieri hat, wie er sagt, unter den Bauern «Kuhfreaks, Maschinenfreaks und Gräserfreaks» kennengelernt. Er schildert, wie sie «den Duft, diesen Duft, und das gleichmässige Rattern der Maschine» beschreiben. Oder wie sie nach dem Eintun des Heus zufrieden konstatieren, das Schönste sei «das Zittern und das Wegkippen der Halme» seitlich aus ihrem Blickfeld. Und der Moment, wenn alles Heu geheut und «am Schärme» sei.
In der alten Scheune im Kemmeribodenbad wird das Heuen aber nicht etwa nur künstlerisch interpretiert und schwärmerisch idealisiert. Die Ausstellung macht auch Lärm – wenn etwa vom Traktor, vom «Aebi» oder «Hürlimann», vom Kreiselmäher, von der Motorsense, vom Heugebläse, vom Bandheuer, vom Heurechen, vom Greifer, vom Ladewagen oder vom Scheibenmäher die Rede ist. Und sie animiert dazu, das Heu künftig bewusster als etwas Landschaftsprägendes wahrzunehmen – als unentbehrliches Grundnahrungsmittel für die Kuh. Also auch für jene, die Kuhprodukte konsumieren.
Die Kühe wissen das. Sie fressen ihr Heu stets mit Hingabe und Gleichmut. Auch ihnen zu Ehren tut diese anregende Annäherung ans Heu, das in der Ausstellung keine strohtrockene Sache ist, gut. (Der Bund)
Erstellt: 30.07.2009, 08:31 Uhr
Kultur
- 04:00TV-Kritik: Auf Quasselreise mit Mona Vetsch
- 04:00Showdown der Trickfilmhelden vor der Toilettentür
- 15:18Schweizer Überwachungs-Kunstwerk unter Verdacht
- 14:41Jazzpianist «Little Fritz» Trippel gestorben
- 11:45Und ewig düdelt der Sommerhit
- 10:52«Goethe wäre froh gewesen um unseren heutigen Wortschatz»
Das Loveparade-Drama
Jetzt gratis für alle «Bund»-Abonnenten
FREIZEIT-IDEEN
PublireportageMeistgelesen in der Rubrik Kultur
- 1TV-Kritik: Auf Quasselreise mit Mona Vetsch
- 2Und ewig düdelt der Sommerhit
- 3Schweizer Überwachungs-Kunstwerk unter Verdacht
- 4Erst glühte sie für die Hitler-Jugend, heute ist sie eine Ikone des Widerstands
- 5«Goethe wäre froh gewesen um unseren heutigen Wortschatz»
- 6Showdown der Trickfilmhelden vor der Toilettentür
BLS
Body Coach
-
Der BodyCoach hilft Ihnen, gesund und nachhaltig abzunehmen. Er stellt einen individuellen Ernährungsplan zusammen, erstellt Einkaufslisten, schlägt Rezepte vor und unterstützt Sie beim Training.
Bestenlisten

Kinoeintritte Schweiz
22. Juli 2010 - 28. Juli 2010
| 1. | neu | Karate Kid | 39'979 |
| 2. | 11 | Knight & Day | 35'322 |
| 3. | 1 | Twilight, The - Saga: Eclispe | 28'219 |
| 4. | 2 | Shrek Forever After | 28'203 |
| 5. | 4 | Marmaduke | 9'156 |

Schweizer Hitparade
26.Juli 2010 - 1.August 2010
| 1. | 1 | Waka Waka (This Time For Africa), Shakira feat. Freshlyground |
| 2. | 2 | We No Speak Americano!, Yolanda Be Cool vs DCup |
| 3. | 4 | Alejandro, Lady GaGa |
| 4. | 8 | Love The Way You Lie, Eminem feat. Rihanna |
| 5. | 6 | California Gurls, Katy Perry feat. Snoop Dogg |

Bestseller
26.Juli 2010 - 1.August 2010
| 1. | 2 | Der Koch, Martin Suter |
| 2. | 1 | Schöner Schein, Donna Leon |
| 3. | 4 | Hummeldumm, Tommy Jaud |
| 4. | 5 | Ich weiß, du bist hier, Laura Brodie |
| 5. | 3 | Ich schreib dir morgen wieder, Cecelia Ahern |





