Heimweh nach dem Exil

Bis die neue Kunsthalle-Direktorin Valérie Knoll ihr Amt antritt, zeigt Donatella Bernardi eine Ausstellung zu Fragen der politischen und persönlichen Herkunft: ein Beispiel zeitgenössischer Romantik.

Der heimliche Star: Saloua Choucair mit «Inter-Cube», 1970-1972, Plexiglas und Metall.

Der heimliche Star: Saloua Choucair mit «Inter-Cube», 1970-1972, Plexiglas und Metall. Bild: ©David Aebi, 2015/zvg

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Ob das nicht ein wertvoller, einzigartiger Moment sei, «le temps hors du temps», fragt Donatella Bernardi rhetorisch: die Kunsthalle ohne Direktion? Durchaus. Und ein vergänglicher Moment dazu. Sie weiss es, hängt deshalb alte Ausstellungsplakate auf und stellt sich neben eines von Ilya Kabakov: «Am Rand», das sei vielleicht sie, sagt Bernardi.

Wer sie vielleicht ist, das zeigt sie auf verschlungenen Wegen in ihrer Ausstellung namens «Morgenröte. aurora borealis and Levantin: into your solar plexus». Szeemanns «Live in your head» klingt an, doch Bernardi will auf die Gefühle los, nicht auf den Kopf, wenn auch mit Umweg über das Hirn, und so findet man sich unausgesprochen in einer kunsthistorisch gesehen überaus romantischen Ausstellung, zeitgenössisch aufgelegt.

Eintritt durch einen «syrischen Portikus» mit Ruinenbildern aus Aleppo und einem unbekannten, Anfang der 1950er-Jahre aufgenommenen Mann namens «kleiner Hitler». Bernardi sagt, es sei unmöglich, im Moment über den Osten zu sprechen, ohne an Syrien zu denken. Daher die Demutsgeste, denn der Osten ist für Bernardis Ausstellung die Referenzrichtung, an der sich all die gestellten Fragen nach politischer und persönlicher Herkunft orientieren. In den Oberlichtsälen Ost und West beginnt es vertraut: Werke aus der Kunstsammlung des Bundes thematisieren die «Alpen» und das «Heimweh»: Hundertjährige Bergbilder, moderne «Felsen» von Konrad Hofer, der Doubs von Charles L’Eplattenier, dem Lehrer Le Corbusiers und einem der Wegbereiter des Jugendstils in der Schweiz. 1929 gemalt, 17 Jahre später verunglückte L’Eplattenier am Doubs auf der Suche nach einem Motiv tödlich.

Auch sehr helvetisch: «Lever du rideau» von Gustave-Auguste Jeanneret, künstlerisch Eklektizist, politisch Anarchosyndikalist – am 29. März wird Andreas Münch, der Leiter der Kunstsammlung des Bundes, in der Kunsthalle über die identitätspolitische Dimension der Schweizer Landschaftsmalerei sprechen.

Farbige Kanonenrohre

Das Heimweh, sagt Bernardi, habe halt zwei Seiten: Die Sehnsucht nach daheim und der Schmerz, wenn man da ist. Die Genferin zeigt als einziges eigenes Werk ihren abgelehnten Vorschlag für eine neue Fassadengestaltung des Landesmuseums. Als Repräsentation der Bürger wollte sie Kanonenrohre aufstellen, angemalt in Farben ohne heraldische Bedeutung und aufgereiht wie eine Schachtel Caran d’Ache. Dazu eine Statue der ersten Bundesrätin, Elisabeth Kopp, als Allegorie der Politik, was in Zürich nicht wahnsinnig gut ankam, und zuletzt mehrere Fabelwesen als animalische Verkörperung des Föderalismus analog zu Bären, Adlern, Stieren und dem sonstigen Vieh in der eidgenössischen Ikonografie.

Politische Repräsentation klingt auch im Hauptsaal an, wo Sara Baldis an einem grossen, schon jetzt beeindruckenden Wandgemälde arbeitet. Bernardis Onkel Alfonso nahm 1976 an einer Expedition in den Himalaja teil, in deren Folge der Dhaulagiri zum vierten Mal bestiegen wurde. Als fantasierte Erinnerung an diese Heldentat und als Denkmal für die beteiligten Träger entsteht nun über mehrere Wochen ein monumentales Bild, zusammengesetzt aus Alfonso Bernardis fotografischem Nachlass.

Der eigentliche Star der Ausstellung, an der viele Leute und Institutionen beteiligt sind, ist aber Saloua Raouda Choucair. Die fast hundertjährige Künstlerin aus dem Libanon drang erst vor kurzem ins Bewusstsein der westlichen Kunstöffentlichkeit, als sie 2013 mit einer Retrospektive in der Tate Modern in London gewürdigt wurde. Ihre erste Ausstellung hatte Choucair im Jahre 1947 in Beirut. Sie gilt als erste Vertreterin abstrakter Kunst in der arabischen Welt überhaupt. In Bern sind Plastiken, Ölbilder und Illustrationen von Choucair zu sehen.

Auf die Frage, was die ineinanderverschlungenen, runden Skulpturen zu bedeuten hätten, habe Choucair immer nur gelacht, sagt Bernardi und erklärt das mit Differenzen zwischen der europäischen und der arabischen Auffassung von Kunst. Wo die westliche Kunst abbilden wolle, suche die arabische nach einem Ausdruck für das Mögliche, das Potenzielle. Kombiniert sind die eleganten Werke Choucairs mit Arbeiten ihrer Tochter Hala Schoukair.

Auch hier stellt Bernardi wieder die Frage nach Abstammung und Vermächtnis, im Falle der Choucairs in Form eines matrilinearen Erbes, ein wiederkehrender Topos in europäischen Exotismus-Konzepten.

Vaters Hinterlassenschaft

Im Untergeschoss dominieren nicht mehr Berge und Geologie, sondern die Flora. Nebst weiteren, erst in Aussicht gestellten Wandmalereien gründet dieser Teil der Schau auf der fotografischen Hinterlassenschaft von Bernardis Vater Luciano, der auf botanischen Expeditionen den Planten bereiste. 6000 Dias hat Bernardi in zwei lange, vom Young-Gods-Sänger Franz Treichler vertonte Filme verarbeitet. So will sie dem Exil Ausdruck verleihen, dem «Gefühl von Küste, Meer und Horizontalität», mit dem sie die Globalisierung verbindet. Es steht «dem Vertikalen der Berge, die mit Wurzeln und Verortung zu tun haben», entgegen und bildet doch, wie die Ausstellung selbst, ein sich ständig neu formierendes Etwas namens «Ich».

Diese ersehnte Übereinstimmung von Landschaft und Subjekt, das ozeanische Aufgehen in einem Sentiment des Ganzen dort draussen und der damit verbundene ästhetische Schauder: All das macht aus Bernardis Präsentation ein durch und durch romantisches Projekt, nicht verkörpert in den einzelnen Werken, sondern als Haltung, als Art, wie heute thematisch traditionelle Ausstellungen aussehen können. Kuratorenromantik. (Der Bund)

(Erstellt: 31.01.2015, 10:43 Uhr)

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Die Ausstellung

Morgenröte, aurora borealis and Levantin: into your solar plexus, 30. 1. bis 7. 6., diverse Veranstaltungen. www.kunsthalle-bern.ch

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