Hamburg aus Sicht einer Mülltonne

Von Chantal Hebeisen, Boris Müller. Aktualisiert am 27.04.2012 7 Kommentare

Wie kann eine Stadtreinigung das Image ihrer Arbeit aufbessern? Mit Mülltonnen wurden in Hamburg einzigartige Bilder aufgenommen.

1/10 Ein Bild wie aus längst vergangen Tagen: Der Hamburger Stadtteil St. Georg, aufgenommen mit dem Camera Obscura-Prinzip (Belichtungszeit 10 Minuten).
Bild: Trashcam Project / Roland Wilhelm, Christoph Blasc

   

Camera Obscura / Lochkamera
Bereits Aristoteles soll im 4. Jahrhundert vor Christus das Prinzip der Camera Obscura beobachtet haben. Ende des 13. Jahrhunderts kam das Werkzeug bei der Beobachtung von Sonnenflecken und Sonnenfinsternissen zum Einsatz. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts konstruierte der deutsche Optiker und Erfinder Johann Zahn eine erste tragbare Camera Obscura.

Zuerst benutzten weniger begabte Maler die Camera Obsura als Zeichenhilfe, später spannte man statt dem Blatt Papier ein lichtempfindliches Fotopapier in das Gerät ein. Die Bilder, die auf diese Weise entstehen, sind negativ (eine weisse Mauer ist auf dem Bild komplett schwarz), auf dem Kopf stehend und seitenverkehrt.

Wenn Licht durch ein kleines Loch in einen dunklen Raum fällt, entsteht auf der gegenüberliegenden Wand das kopfstehende und seitenverkehrte Bild. All jene Objekte, die sich ausserhalb des dunklen Raumes vor dem kleinen Loch befinden, werden im Raum sichtbar. Dies können Menschen, Bäume oder gar ganze Häuser sein. Diese Projektionen können auch ohne optische Hilfsmittel wie einer Linse völlig scharf sein.

Fällt beispielsweise Licht in einem 45°-Winkel von oben auf einen Kirchturm, wird der Lichtstrahl im selben Winkel nach unten zurückgeworfen. Wenn der zurückgeworfene Strahl nun durch die kleine Öffnung in den dunklen Raum fällt, wird die Spitze des Kirchturmes auf der unteren Hälfte der gegenüberliegenden Wand projiziert, weil das Licht nirgends gebrochen wird. Damit das Bild scharf wird, muss das Loch eine genau berechnete Grösse haben.
(Bild: wikipedia.org)

Teilen und kommentieren

Dossiers

Artikel zum Thema

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Die Arbeit eines Müllmannes ist hart und oft undankbar. Dieses Image will die Hamburger Stadtreinigung korrigieren. Zu diesem Zweck engagierte sie die Kreativ-Agentur Scholz & Friends Berlin. Mirko Derpmann, Kreativdirektor, fotografierte zusammen mit zehn Hamburger Müllmännern und einer Müllfrau bekannte Hamburger Sujets mit einem ungewöhnlichen Apparat.

Zusammen mit Architekt Christoph Blaschke und dem Fotografen Matthias Hewing verwandelte Derpmann eine Mülltonne in eine grosse Lochkamera (siehe Box). Dazu bohrten sie in die Vorderseite der Tonne ein Loch von knapp einem Millimeter. In der Tonne befestigten sie einen Holzrahmen, mit dem sie ein 106x80 cm grosses Fotopapier während der Belichtung befestigen konnten.

90 Minuten Belichtungszeit für ein Foto

Da bei dieser einfachsten Form einer Kamera keine Elektronik eingebaut ist, die einem vollautomatisch die richtige Belichtungszeit anzeigt, mussten die drei Kreativen erst einige Testbilder machen. «Wir haben etwa eine Woche lang mit kleineren Kisten experimentiert, bis wir zufrieden waren», sagt Mirko Derpmann von Scholz & Friends. Dann konnten die elf Mitarbeiter der Stadtreinigung, alles Hobbyfotografen, mit ihren Mülltonnen losziehen.

Weil man das Fotopapier bei kompletter Dunkelheit in die Mülltonne montieren muss, hat das Team um Mirko Derpmann einen Kleintransporter in eine mobile Dunkelkammer verwandelt. Die Müllmänner stellten ihre Container dann vor bekannten Hamburger Gebäuden wie der Elbphilharmonie auf. Die Klappe, die das Loch auf der Vorderseite zuvor lichtdicht verschloss, wurde geöffnet. Und dann mussten die Männer warten. Anders als bei modernen Kameras, wo die Belichtung oft nur einen Bruchteil einer Sekunde dauert, mussten die Müllmänner bis zu 90 Minuten neben der Tonne stehen, um das Loch wieder zu schliessen.

30 Meter Fotopapier und drei Blumenkisten für einzigartige Aufnahmen

Auch für die Entwicklung der grossformatigen Bilder wurde eine kreative Lösung gefunden: Weil kein Laborgefäss des Fotografen Matthias Hewing gross genug war, wurden kurzerhand abgedichtete Blumenkisten in Laborschalen verwandelt. Das nun entstandene Negativ-Bild haben Mirko Derpmann und sein Team mit einem grossformatigen Museumsscanner digitalisiert und am Computer in ein seitenrichtiges Positivbild umgewandelt.

Die Methode der Camera Obscura mag etwas veraltet wirken und das Fotografieren mit einer Mülltonne ist sicherlich nicht gerade eben handlich. Doch die Müllmänner und –frauen Hamburgs haben so einzigartige Bilder aus Sicht einer Mülltonne geschaffen. Gekostet hat das Projekt neben den Arbeitsstunden des Teams übrigens nicht viel: Die 30 Meter Fotopapier, die sie verbraucht haben, kosteten rund 500 Euro. Hinzu kamen nur noch die Entwickler-Chemikalien für etwa 30 Euro. Denn das Arbeitsgerät selbst war gratis. «Die Mülltonnen hatten die Jungs eh vorrätig», fügt Mirko Derpmann hinzu. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.04.2012, 16:48 Uhr

7

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

7 Kommentare

Leonhard Fritze

24.04.2012, 18:07 Uhr
Melden 15 Empfehlung 0

Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Mülltonnenfotos schärfer und detailreicher sind als diejenigen meiner PowerShot :-( Antworten


Ingmar Nowak

25.04.2012, 09:42 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

Schade, dass die Entwicklung und Reproduktion der Sujets nicht auch analog umgesetzt wurde. Das wäre dann eine Geldmaschine: der Verkauf von Unikaten! Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre