Fotografieren auf Leben und Tod
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 17.06.2011
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Buch & Ausstellung
Reto Camenisch: Berge. Pilger. Orte. Mit einem Vorwort von Beatrice von Matt. Deutsch/Englisch. Edition Stephan Witschi, Zürich 2011. 136 S., 92 Fr.
Ausstellung: Galerie Stephan Witschi, Zwinglistrasse 12, Zürich, bis 9. Juli.
Ab September wird Reto Camenisch am Medienausbildungszentrum (MAZ) in Luzern den Studienlehrgang Klassische Reportagefotografie leiten.
Den Berg Kailash fotografierte Reto Camenisch in dem Moment, als er ihn zum ersten Mal sah. «Die Aufnahme war ein Geschenk», sagt er. Verschwindend klein erscheint der Berg am Horizont, und weit imposanter und dramatischer als das weiss gleissende Monument wirken auf Camenischs Aufnahme die mächtigen Wolken am Himmel. Drei Wochen lang marschierte er dem Kailash entgegen, dem heiligen Berg der Buddhisten und der Hindi, fotografiert hat er ihn kein weiteres Mal.
Mit seiner sperrigen Grossbildkamera und 150 Filmplatten ist der Berner Fotograf vor zwei Jahren auf seiner grossen Reise durchs Himalajagebirge unterwegs gewesen. 140-mal drückt er auf den Auslöser. Ob die Aufnahmen was taugen, weiss er nicht. Auch ist er allen Vorsichtsmassnahmen zum Trotz nie sicher, ob die Platten die extremen Bedingungen der Reise unbeschadet überstehen werden, die grossen Temperaturschwankungen, die Feuchtigkeit, und er muss auch damit rechnen, dass die Platten gestohlen oder beschlagnahmt werden könnten. Erst Monate später, nach seiner Rückkehr in die Schweiz, entwickelt er schliesslich die Filmplatten.Die Aufnahme vom Kailash gehört zu den eindrücklichsten des neuen grossformatigen Bildbands «Berge. Pilger. Orte», der mit 51 Aufnahmen Camenischs heutiges Verständnis als Fotograf dokumentiert.
Des Bilderjägers Abschied
Einst gefragter Werbe- und Reportagefotograf, hat sich Reto Camenisch als Bilderjäger bereits vor zwölf Jahren aus der Szene verabschiedet. Er ertrug einen Alltag nicht mehr, der für andere eine Traumwelt schien: unterwegs auf der ganzen Welt und vor der Kamera immer neue, immer berühmtere Leute. Zuletzt reiste er in weniger als einer Woche Tausende von Kilometern, lieferte in dieser kurzen Zeit Bilder für vier Reportagen und musste dabei realisieren, dass er sich immer mehr abhandenkam.
Den Ausstieg und die Zeit danach will Reto Camenisch nicht verklären. Jahre, in denen er häufig auch als Car- und Lastwagenchauffeur unterwegs war. «Ich konnte nicht anders», sagt heute der 53-Jährige, wenn er für seinen Mut bewundert wird. «Und ich hatte Angst.»
Bis das Bild ihn findet
Die Kamera legt er nicht weg, aber von dem, was er künftig fotografieren will, hat er erst nur eine leise Ahnung. Die Suche nach ganz eigenen Bildern führt ihn wieder um die ganze Welt. Weitab von den Menschen fotografiert er dort, wo er realisiert, dass er zum Resonanzkörper einer unberührten Welt wird.
Ein erstes Dokument dieser Recherche ist der Bildband «Zeit» (2006). Auf seiner jüngsten Reise durch Tibet, Nepal und Nordindien, von der er mehr als 25 Jahren geträumt hat, ist er nun noch kompromissloser vorgegangen: Er suchte nicht mehr nach Bildern, sondern wartete vielmehr darauf, dass diese ihn finden. Und setzte sich dafür grossen Strapazen aus – Strapazen, die seine Wahrnehmung schärften. «Ich wollte etwas Unverfälschtes entdecken», sagt er, der so lange Jahre in der Welt des schönen Scheins zu den Besten gehörte. Er beobachtete sich und seinen Drang, das, was er in Erfahrung bringt, neu zusammenzusetzen. «Es musste nicht zwingend eine Realität sein», umschreibt Camenisch das Erforschen einer ganz eigenen Wahrheit.
Grenzerfahrungen
Und er geht so weit, dass er sich unterwegs sagt: «Entweder bin ich zum richtigen Zeitpunkt an einem Ort, oder es gibt eben kein Bild.» Camenisch merkt, wie seine Wahrnehmung sich verändert, er untersucht immer von neuem seine Gefühle in diesem ganz persönlichen Experiment.
Im Himalajagebirge wird das Fotografieren für ihn zur existenziellen Erfahrung, die ihn in jeder Beziehung an seine Grenzen bringt: Fotografieren auf Leben und Tod. «Eine solche Reise kann einer wie ich nur einmal im Leben machen», sagt er. «Ich war zeitweise physisch und psychisch völlig fertig, und ich würde sie wohl auch nicht mehr so wagen.» – Unterwegs ist er schwer krank geworden. Ohne seine Liebste hätte er das ganze Abenteuer wohl kaum durchgestanden, sagt er. Zu Fuss, zusammen mit einem einheimischen Führer und mit Yaks und Eseln, sind die beiden abseits der bekannten Trekkingrouten unterwegs.Das abweisend Schroffe der Berge und die Unendlichkeit der weiten Landschaften sind dort manchmal noch schwerer auszuhalten als die Unwegsamkeit. Auf Camenischs Aufnahmen verdichtet sich beides zusammen mit dem Helldunkel, das einen Horizont beschwört, in dem strahlende Helligkeit und bedrohliches Schwarz direkt aneinandergrenzen, zu zeitlos gültigen Kunstwerken aus einer Welt, deren Erforschung keine Abkürzungen zulässt.
Momente der Erleichterung
Der Wucht dieser Schwarzweissfotografien stellt Reto Camenisch farbige Porträts von anderen Pilgern gegenüber, heitere Zeugen, denen er zufällig begegnet ist, in deren Haltung und Blick aber die gleiche existenzielle Einsamkeit auszumachen ist, mit der er während seiner ganzen neunmonatigen Reise gerungen hat. Momente der Erleichterung, ein Auftauchen aus der entrückten Welt verborgener Erkenntnisse signalisieren diese Aufnahmen.
So wie die tröstend wirkenden «Orte», die Reto Camenisch im dritten Teil des Bandes zeigt: Felsspalten, Höhlen, mächtige Bäume und Steinhaufen, lauter heilige Stätten, die manchmal nur wegen der verwitterten tibetischen Gebetsfahnen als solche zu erkennen sind. Es sind Plätze, die Camenisch während seiner Reise immer wieder daran erinnert haben, dass er nicht allein ist. Weder mit seinen Ängsten noch mit seiner Suche. (Der Bund)
Erstellt: 17.06.2011, 09:01 Uhr
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