Kultur
Flugversuche nach dem Krieg
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 21.08.2012
Von «Hoffnung» redet er oft: Najibullah Musafer. (Bild: zvg)
«Früher war das Fotografieren in Afghanistan gefährlich», sagt Najibullah Musafer. Früher, das war im letzten Jahrhundert, in den langen Jahren des Bürgerkriegs und der Herrschaft der bilderstürzlerischen Taliban. Sosehr die Fotografie den studierten Kunsthistoriker bereits damals interessierte – seine Kamera benutzte er nur selten. Er war Künstler und unterrichtete Malerei.
Heute ist der 49-Jährige vollberuflich als Fotograf tätig. Seitdem er 1999 im Norden von Afghanistan die grosse Dürre und Hungersnot dokumentierte, hat er seine Kamera nicht mehr weggelegt und 2007 in Kabul zusammen mit Basir Seerat, Reza Sahel und Reza Yemak das 3rd Eye Photojournalism Center aufgebaut. Nicht aufgegeben hat er das Unterrichten, an verschiedenen Universitäten lehrt er Fotografie.
Afghanische Sicht der Realität
«Die Fotografie ist so wichtig für unser Land», sagt Musafer vor den über hundert Bildern der Ausstellung «EinBlick Afghanistan» im Kornhausforum. «Doch wir haben nur ein paar Dutzend professionelle Fotografen im ganzen Land.» In den letzten zehn Jahren sind die Bilder von Musafer und seinen drei Kollegen vom 3rd Eye Photojournalism Center entstanden. Es sind Fotografien, die auf den ersten Blick erstaunen, diese farbenprächtigen Aufnahmen aus einem Land, das hierzulande vor allem mit Attentaten, Drogen und Armut Schlagzeilen macht.
«Die ausländischen Fotoreporter prägen das Bild, und es ist auch verständlich, dass es so negativ ist, kommen doch die schlechten Nachrichten immer zuerst in den News», sagt Mustafer. Umso dringlicher sei es, die aktuelle Realität zu vermitteln, und zwar aus der Sicht afghanischer Fotografen. Das geläufige Frauenbild müsse zum Beispiel revidiert werden. Es sei nicht mehr so, dass die Männer arbeiteten und die Frauen im Haus eingesperrt seien. «Wir haben Frauen fotografiert, die auf den Feldern arbeiten oder sich zusammen mit Männern am Wiederaufbau von Afghanistan beteiligen.» Belegt werde weiter auch, wie aktiv sich Frauen am politischen Leben beteiligten. Zudem wüsste in Afghanistan die ländliche Bevölkerung kaum, dass heute Frauen als Ärztinnen arbeiteten. Oder Ski fahren und mit Computern umgehen könnten. Die Bilder, die bereits in neun Provinzen Afghanistans ausgestellt wurden, seien auf ein grosses Echo gestossen. «Mehr als 60'000 Menschen haben die Wanderausstellungen besucht», sagt Musafer.
Wichtig für die nationale Identität
Es sind hauptsächlich Bilder voller Zuversicht, die Musafer und seine Kollegen ausgewählt haben. Doch der Alltag, der hier dokumentiert ist, wird kaum geschönt, nicht ausgespart worden sind die Kriegsversehrten, die Opfer der Streubomben mit ihren Prothesen.
Die Bilder überzeugen durch ihre Unmittelbarkeit und die Nähe des Fotografen zu den porträtierten Menschen. Gleichzeitig steht weniger die künstlerische Auseinandersetzung im Vordergrund als vielmehr die Botschaft. «Hope», Hoffnung, ist denn auch das Wort, das am häufigsten im Gespräch mit Musafer fällt, der kaum Englisch spricht und auf seiner ersten Reise ins Ausland mit einem Dolmetscher unterwegs ist. Wie die Veränderungen in seiner Heimat wahrgenommen würden, sei entscheidend für die Zukunft des Landes und die nationale Identität. «Die Leute haben in Afghanistan kaum Möglichkeiten zu reisen, also sind sie auf Bilder aus den anderen Landesteilen angewiesen.»
So fotografiert Musafer auch die riesigen Antennen, die aufgestellt werden, macht stolz darauf aufmerksam, dass Afghanistan bereits über vier Telekommunikationsunternehmen verfüge. Und mit der gleichen Begeisterung, mit der er von den landschaftlichen Schönheiten des Landes, seinen Bräuchen, Festen und Trachten spricht, erwähnt er die Grossüberbauungen, die Strassen in die Berge, das wachsende Eisenbahnnetz – und Hamid Karzai. Ihm traut er zu, dass sich das Land unter seiner Präsidentschaft weiter stabilisiert und prosperiert. «Dafür ist eine noch breitere Unterstützung im Volk nötig.»
Lob für die Schweiz
Unterstützung brauche das Land aber auch von aussen. «Menschenrechte und Demokratie müssen weiter ausgebaut werden.» Musafer rühmt die Hilfe aus der Schweiz, der Deza, die die Ausstellung im Kornhausforum möglich gemacht hat. «Die Deza gehört zu den wenigen Organisationen, die helfen, unsere Vorstellungen und Ideen zur Entwicklung des Landes umzusetzen.»
Auch seine eigene Ausbildung ist längst noch nicht abgeschlossen. Najibullah Musafer läuft noch einmal durch die Ausstellung, betrachtet seine Bilder und meint, da seien ein paar, die man durchaus noch besser hätte machen können.
Ausstellung im Kornhausforum bis 15. 9. www.kornhausforum.ch (Der Bund)
Erstellt: 21.08.2012, 18:37 Uhr
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