Kultur

Ein Schöngeist im Abseits

Wie sich die Franzosen über eine Peinlichkeit ihres mondänsten Philosophen freuen: Bernard-Henri Lévy und die Leichtigkeit des Denkens.

Der Grossintellektuelle in Repräsentierpose: Bernard-Henri Lévy im Sommer 2009 in Paris.

Der Grossintellektuelle in Repräsentierpose: Bernard-Henri Lévy im Sommer 2009 in Paris.
Bild: Keystone

Selten war Schadenfreude fassbarer. Als hätten die Franzosen auf diesen Moment schon lange gewartet, entlädt sich in diesen Wochen eine Wolke von Häme über Bernard-Henri Lévy, kurz BHL, phonetisch «Be-asch-el», 61 Jahre alt, 37 Werke schon, Pariser Philosoph und Romancier mit generösem Selbstwertgefühl und wahrscheinlich Frankreichs schnellster Denker. Ein Mann wie eine wandelnde Eigenwerbung, ein guter Selbstvermarkter und nicht zuletzt deshalb auch eine Reizfigur.

Lévy hat immer eine dezidierte Meinung zu allem, eine Stimme in jedem Medium, an jeder Pariser Party. Und dazu einen gepflegten, unverkennbaren Auftritt: Das weisse Hemd unter dem dunklen Weston ist stets nur bis zum drittobersten Knopf geschlossen, das lange silberne Haar trägt er in einem Wusch kontrollierter Wildheit, sein Lächeln vermittelt eine Note Überlegenheit. Nun, das Lächeln ist BHL gerade etwas abhanden gekommen. Er ist auf einen Streich hereingefallen. Und darum mag nun niemand über die Inhalte seiner neuen Bücher reden, die in den Buchläden liegen, ein dickes und ein dünnes, sondern nur über das spektakuläre Straucheln des eitlen Denkers in einem der beiden Werke.

Kant in Paraguay

Im dicken «Pièces d’identité» sind auf 1340 Seiten seine Meinungsbeiträge, Reportagen und Interviews gesammelt, die in den letzten fünf Jahren unentwegten Schreibens in nationalen und internationalen Magazinen und Zeitungen erschienen waren. Einige der Beiträge, sagt BHL, seien im Grunde Bücher für sich. Doch es ist das dünne Bändchen, «De la guerre en philosophie», 130 Seiten kurz, das für Aufregung sorgt. Es handelt vom Krieg in der Philosophie, von der Schlacht um die Köpfe also, in der er, BHL, Abgänger der Ecole Normale Supérieure, einer Eliteschule, an vorderster Front mitkämpft. Oft mit dem Schwert als Rebell wider das Einheitsdenken der linken Pariser Intellektuellenszene, wie er sich selber sieht. Sehr selten mit dem Florett.

Er plädiert in dem Büchlein mit Verve für mehr Anerkennung für sein Denken, das von manchem Kollegen als zu leicht, zu unfertig, zu schlecht recherchiert empfunden wurde. BHL findet das niedrig und miesepetrig. Nebenbei erledigt er einige offenbar zweitklassige Denker mit grossen Namen. Marx zum Beispiel hält er für einen «nutzlosen Denker» und für eine einzige «Quelle der Verblendung».

Ganz am Ende, auf Seite 122, rechnet er dann mit Immanuel Kant ab, den er als «Konzeptwütigen» beziehungsweise als «Möchtegernweisen aus Königsberg» beschreibt. Zur Untermauerung seiner Geringschätzung von Kant zieht er das Werk eines gewissen Jean-Baptiste Botul heran, «La vie sexuelle d’Emmanuel Kant», und dessen Vorlesungen in der Nachkriegszeit zum Neo-Kantismus in Paraguay.

Jean-Baptiste Botul: Ein Schabernack - mit Ansage

In Paraguay? Die Passage überstand alle Lektüren im Verlagshaus Grasset, nicht aber die Rezensionen der Presse. Botul gibt es nämlich nicht, noch hat es ihn je gegeben. Er ist die Erfindung des Philosophen Frédéric Pagès, einem Autor der Satirezeitung «Le Canard Enchaîné». Botul ist nicht einmal ein Pseudonym: Er ist ein Scherz, ein Schabernack - mit Ansage. Pagès, der im «Canard» jede Woche das viel beachtete «Journal de Carla B.» über das Eheleben des Ehepaars Sarkozy schreibt, hat die Figur Botul und dessen Werke vor langer Zeit schon als fiktiv geoutet. Auch im Online-Lexikon Wikipedia, wo der Eintrag zu Jean-Baptiste Botul («1896 bis 1947») auch auf Deutsch übersetzt und bereits um die jüngste Episode erweitert wurde. In Paris gibt es auch einen Verein von Freunden Botuls, die sich regelmässig zu Themenabenden treffen, an denen gegen den tierischen - oder um mit BHL zu reden: kriegerischen - Ernst des philosophischen Denkens angeredet wird.

Es wäre also kein tiefes Abtauchen in die Archive nötig gewesen, um den Schabernack als solchen zu enttarnen - Google hätte gereicht.

Ohne Airbag gegen die Platane

Als Erstes meldete sich der «Nouvel Observateur»: «Nie zuvor ist jemand ohne Airbag gegen diese Platane gefahren», schrieb die Wochenzeitschrift zum unseligen Crash BHL - Botul. In kurzer Zeit verblasste die gewohnt fein orchestrierte Promotion des Autors und wich einem «medialen Tornado», so «Le Monde». Lévy hatte für die Lancierung seiner beiden Bücher dem Magazin «L’Express» ein vierseitiges Interview gegeben. «Le Point», für den er eine wöchentliche Kolumne schreibt, widmete seinem berühmten Mitarbeiter ebenfalls vier Seiten Porträt. «Paris Match» wartete mit einer stark bebilderten Doppelseite auf, die linke Tageszeitung «Libération» ebenfalls. Und das Magazin des konservativen «Figaro» feierte ihn als «Philosophenkopf». Überall sah man ihn in der üblichen Pose mit offenen Hemd und halbwilder Haarpracht. Marke BHL eben, in Vollendung, XXL.

Und nun das. Seine Kritiker jubeln, sie fühlen sich in ihrer Kritik bestärkt. In den Talkshows wird darüber debattiert, ob diese Peinlichkeit und einige frühere Nachlässigkeiten das Schaffen des «Neuen Philosophen», wie er in den Siebzigerjahren zusammen mit seinen Kollegen und Rivalen André Glucksmann und Alain Finkielkraut genannt wurde, nicht insgesamt infrage stelle. Ob es denn nicht immer schon so gewesen sei, dass der Sohn eines Edelholzimporteurs jeweils gar schnell aufschrieb, wenn auch stilistisch gekonnt, was ihm auf seinen Reisen durch Amerika, Bosnien, Pakistan, den Sudan oder Gaza alles widerfuhr. Ob er denn nicht im besten Fall ein versierter Reporter sei, einer, der es nicht allzu genau nimmt mit den Fakten. Es sind dies keine angenehmen Fragen für einen Mann mit seinem hehren Selbstverständnis.

Ein Opfer seiner selbst

In der allgemeinen Häme schwingt diese alte Lust der Franzosen mit, ihre Intellektuellen zuerst als Erben alter nationaler Granden zu feiern, um sie dann, wenn diesen die Lobhudelei etwas gar stark zu Kopf gestiegen ist, umso lustvoller vom Piedestal zu stossen. BHL, muss man dazu sagen, war immer schon sehr überzeugt von BHL. Lange bevor er in den Fernsehstudios in tiefen Sesseln philosophierte und rauchte und sich enervierte. Das erzählen auch seine Kommilitonen, die jetzt zu Wort kommen.

Für «Le Monde», der den Fall auf einer ganzen Seite analysiert, ist Lévy ein Opfer seiner selbst, gefangen im selbst geschaffenen Mythos, verdichtet in einem Akronym, BHL, das sich wie die Abkürzung einer französischen Luxusmarke für Champagner und Handtaschen anhört.

Er selber löste sich mit Witz aus der Falle des Schabernacks, etwas anderes blieb ihm ob der Offensichtlichkeit wohl auch gar nicht übrig. «Salut l’artiste!», grüsste er anerkennungsvoll Pagès alias Botul in einer Kolumne, «ich empfinde eine gewisse Freude, in die Falle einer so gut gestrickten Mystifizierung getappt zu sein.» Es ist, freilich, nur eine «gewisse» Freude. Die Schadenfreude der Kritiker wiegt schwerer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.03.2010, 07:58 Uhr

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