Ein Kraftakt im Dienste der Kunst
Von Sascha Renner. Aktualisiert am 17.12.2009 7 Kommentare
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Ausstellung
«Theology, Philosophy, Medicine, Justice» in der Galerie Caratsch öffnet am 18.1.
Schweres Gerät blockiert die Waldmannstrasse unweit des Bellevues: ein Truck, zwei Vans, ein Hubstapler. Ein armdicker Plastikschlauch führt aus einem der Vans hinein in die Galerie Caratsch und in einen Tank, dreieinhalb Meter lang und zwei Meter hoch. Männer in weissen Overalls, mit Gasmasken vor dem Gesicht, stehen konzentriert um den Tank. Einer gibt schwer verständliche Kommandos. Eine Szene wie aus einem Sciencefiction-Film, in dem Forscher gerade einen Cyborg erschaffen oder tödliche Viren züchten.
Gewiefter Künstler
Der Regisseur heisst in diesem Fall Damien Hirst. Mitte Januar eröffnet der Zürcher Galerist Andrea Caratsch eine Schau mit Werken des gewieften Brit-Art-Stars. Hirst wurde 1991 weltbekannt mit einem vier Meter langen Tigerhai, den er in Formalin tauchte und in einem Glasbehälter zur Schau stellte.
Sein jüngster und bisher grösster Streich: Am 15. September 2008 – ausgerechnet am Tag, an dem die US-Investment-Bank Lehman Brothers bankrottging und in der Folge auch der Kunstmarkt einbrach – verkaufte Hirst seinen gesamten Atelierbestand für sagenhafte 111,5 Millionen Pfund. Nicht über den üblichen Weg der Galerie, sondern per Auktion, als Direktangebot an die Sammler. Ein Gesamtkunstwerk von historischer Bedeutung, wie manche Kommentatoren damals meinten.
Kadaver in Kisten
Bei jener denkwürdigen Auktion in London war auch Andrea Caratsch anwesend. In der Folge erwarb der Galerist eine von weltweit vier existierenden Hai-Arbeiten. Sie trägt den so prätentiösen wie poetischen Titel «Theology, Philosophy, Medicine, Justice» (2008) und bildet nun das Filetstück von Caratschs Damien-Hirst-Schau. Das Werk steht für 10 Millionen Franken zum Verkauf. Nachdem die Preise für Hirst Ende des letzten Jahres einbrachen, kehren sie nun in frühere Höhen zurück. Auch weil es keine weiteren Haie geben wird: Hirst hat sich nach dem letztjährigen Auktionserfolg einer beinahe altmeisterlichen Leinwandmalerei zugewandt.
Bis die Haie aber in ihren Tanks sind, dauert es noch mehrere Stunden. Für den Transport von London nach Zürich wurden die Kadaver aus ihren Glasbehältern gehoben und in massgeschneiderte Transportkisten verpackt, die wie raketenförmige Särge aussehen. Bevor sie geöffnet werden, füllen die Männer die zwei Glasbehälter mit frischem Formalin, einer Mischung aus Formaldehyd und Wasser im Verhältnis eins zu zehn. Jeder Behälter wiegt nun 6 Tonnen. Dann heben sie den Deckel von der ersten Transportkiste ab. Aggressive Dämpfe steigen auf und brennen in Augen und Hals wie Tränengas. Zu viert hieven die Männer den 140 Kilogramm schweren Bullenhai aus dem flüssigen Formalin. Dann senken sie das Tier per Hubstapler Zentimeter für Zentimeter in den bereitstehenden Glastank.
Erhabenes, cool aktualisiert
Nach dem risikoreichsten Teil der Arbeit folgt nun der kniffligste: Der Hai muss an unsichtbaren Silkfäden so im Tank befestigt werden, dass er waagrecht schwebt und keine der Flossen die vier Zentimeter dicken Scheiben berührt. Die Transporteure werden zu Puppenspielern: Fast lebendig wirkt der Hai nun, wie sich sein Körper an den Fäden auf und ab bewegt. Die Männer arbeiten bis gegen Mitternacht. Dann ist auch der vierte Hai im Tank.
Muss man Hirsts Tierkadaver wirklich gesehen haben? Ich wäre bisher deswegen nicht extra in ein Museum gefahren. Und was ich zufällig bei meinen Ausstellungsbesuchen in London und anderswo sah, löste keine Gedanken über Tod und Leben aus. Hirst, ein genialer Selbstvermarkter, ein Boulevardphänomen, ein Rockstar-Artist, dachte ich. Bis gestern. Sich der Wucht seiner Arbeiten zu entziehen, fällt schwer. Das Erhabene, wie es die Romantiker vor zweihundert Jahren etwa mit schwindelerregenden Blicken in Abgründe in Szene setzten, findet bei Hirst eine coole, popkonforme und brachiale Aktualisierung. Ich erschaudere vor der Grässlichkeit der Schöpfung. Doch setzt Hirst noch eins drauf: Er unterbricht auf paradoxe Weise den Kreislauf von Werden und Vergehen, indem er die Tiere nicht sterben lässt. Hirsts Haie in Zürich – doch, man sollte sie gesehen haben.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.12.2009, 08:05 Uhr
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7 Kommentare
Über Kunst lässt sich diskutieren. Aber einen schlecht konservierten Hai als Kunstwerk? Ist vermessen - was hat den der Künstler handwerklich da überhaupt gemacht? Dem Kadaver musste einzig viel Formaldehyd injziert werden - dann ab ins Formalinbad und fertig. Übrigens: die Konservierung von Kadavern in Formalin ist längstens "Out"- es zerstört genetischen Informationen - heute braucht man Alkohol Antworten
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