Ein «Biberdamm», der auch Kunst sein will
Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 21.12.2010 1 Kommentar
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Künstlerische Ungewissheit: Tadashi Kawamata weiss vor Baubeginn nie, wie das Werk am Schluss aussehen wird. (Bild: PD)
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Schnee verdeckt zurzeit einen Teil des schwimmenden Stegs über dem Zellweger-Weiher. Doch auch so ist noch gut zu erkennen, dass dies keine gewöhnliche Brücke ist. Das sichelförmige Teil sieht aus, als hätten Biber im Herbst mit Schwemmholz ganze Arbeit geleistet. In Wahrheit ist der zufällig und leicht chaotisch wirkende Steg das Werk des japanischen Künstlers Tadashi Kawamata, der hier in Zusammenarbeit mit dem Schweizer Architekten Christophe Scheidegger eines seiner Projekte verwirklicht hat. Ein ungewöhnliches Ding an einem Ort im Wandel.
Der Charme des Zufälligen
Kawamata, der an der Kunstakademie in Paris lehrt und für seine Holzinstallationen in der Grauzone zwischen Kunst und Architektur bekannt ist, hat nie einen Plan im Kopf, wie das Kunstwerk am Schluss aussehen soll. So war es auch in Uster auf dem Zellweger-Areal, das derzeit vom ehemaligen Industriegelände in ein attraktives Wohn- und Arbeitsquartier umgestaltet wird. «Ich schaue, laufe auf der Brücke umher und entscheide dann, wie es aussehen soll», sagte Kawamata bei den Arbeiten in diesem Herbst, als er die Brücke zusammen mit Studenten aus verschiedenen Ländern baute. «Der letzte künstlerische Schritt passiert, wenn ich meine manchmal chaotisch wirkenden Bretterstrukturen montiere.» «Drift Structure» nennt sich das auf Pontons ruhende Werk; es passt sich dem schwankenden Wasserstand des einst für die Textilproduktion auf dem Gelände gestauten Weihers an und schwebt nicht nur zwischen den beiden Ufern, sondern zwischen temporärer Installation und permanentem Bauwerk. Mit den wie angeschwemmt wirkenden Lärchenbrettern nimmt Kawamata das Fliessen des Wassers künstlerisch auf. «Drift Structure», wie das Werk heisst, ist aber absolut gebrauchstüchtig: Bis zu 250 Personen könnten, wenn sie denn wollten, zusammen auf dem «Biberdamm» stehen, der vor kurzem eingeweiht wurde. Dass Kawamata durchaus auch funktional bauen kann, hat er mit dem «Felsenbad» beim Hotel Castell in Zuoz gezeigt.
Weitere Projekte sollen folgen
Den Auftrag zum Kunstprojekt in Uster gab die Walter-A.-Bechtler-Stiftung, der ein grosser Teil des Zellweger-Areals gehört. Weitere Kunstwerke sollen folgen: In einem Wäldchen neben dem Weiher wird beispielsweise der fünf Meter hohe «Moosfelsen» des Künstlerduos Fischli/Weiss errichtet, und auch Sol LeWitts berüchtigter «Cube», für den die Stadt Zürich jahrelang keinen Standort fand, wird auf dem Areal seinen endgültigen Platz haben.
Kawamatas Engagement ist in Uster mit dem Steg abgeschlossen, aber der Brückenbauer zwischen den Disziplinen hat in Zürich noch mehr vor. Schon seit 12 Jahren spannt er mit dem Architekten Christophe Scheidegger aus Basel zusammen, und unter dem übergreifenden Motto, das sich die beiden gegeben haben – «Structures in between» –, hat mehr Platz als eine schwimmende Brücke. Scheidegger hat bisher dafür gesorgt, dass Kawamatas gestalterische Interventionen den hiesigen Vorschriften entsprechen; er macht die Bauleitung und die Koordination vor Ort, etwa bei der Installation «Tree hut», einer Baumhütte auf dem Basler Messeplatz 2007, die irritierend einem hochgehängten Vogelhaus ähnelte. Scheidegger ist sozusagen die rechte, pragmatische Hand des Künstlers, der vor allem Zweckfreies vor dem inneren Auge hat und Impulse liefert. Kommt Scheidegger bei dieser Rollenteilung eigentlich auf seine Kosten? Der Architekt, knapp 40, hat sich das offenbar schon mehr als einmal gefragt und räumt ein: «Doch, wir wollen künftig mehr auf Augenhöhe arbeiten.»
Kunstsinniger Bauherr gesucht
Beim nächsten Projekt zum Beispiel, das ein Zeichen gegen den knappen Wohnraum in Zürich setzen soll, wollen sie noch enger zusammenarbeiten. Die Idee dazu kommt von Efa Mühlethaler, Studienleiterin an der F + F Schule für Kunst und Mediendesign Zürich, gut bekannt mit Scheidegger und Kawamata. Man müsse unbedingt interessante Immobilien auf Zürichs Dächer pflanzen, auf sinnvolle und prononcierte Weise Stadtraum verdichten, findet die Bernerin, die in der berühmten Halensiedlung in Herrenschwanden bei Bern, dem Vorzeigeprojekt aus den 1960er-Jahren, aufgewachsen ist: «Mir ist das Thema Verdichtung damit geradezu in die Wiege gelegt worden», witzelt sie.
Im Moment sucht sie zusammen mit Christophe Scheidegger in Zürich ernsthaft nach einem innovativen Liegenschaftenbesitzer mit Sinn für Kunst, der bereit wäre, sich auf ein Projekt mit Tadashi Kawamata einzulassen. Kawamatas Lieblingsmaterial ist Holz, so viel ist bekannt. Wird es also Holzhütten auf Zürichs Dächern geben? Wo die Rendite hockt? Christophe Scheidegger mag weder Polemik noch vorschnelle Bilder, er will das Projekt seriös angehen, wie immer. «Ein Bauherr hätte auf keinen Fall mehr Risiko als bei einem konventionellen Projekt», sagt er, «aber der künstlerische Mehrwert wäre gross.» Und die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit dürfte dem Bauherrn sicher sein.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.12.2010, 20:05 Uhr
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