Die Meisterin der Spiegelbilder
Von Alice Henkes. Aktualisiert am 13.02.2012
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Die Künstlerin Margrit Jäggli als junge Frau. (Bild: zvg)
Kunsthaus Langenthal
Die Ausstellung dauert bis 5. April 2012.
Prüfend sehen die beiden Herren den Betrachter an. Durchaus wohlwollend, doch sehr genau. Das Bild «Die Herren Hanhard und von Castelberg, den Ankauf dieses Kunstwerks erwägend», das Margrit Jäggli 1973 gemalt hat, zeigt die Kuratoren der Gotthard Bank, die konzentriert aus dem verspiegelten Grund des Gemäldes herausschauen. Wenn der Betrachter vor Jägglis Spiegelbildern zum Betrachteten wird, hat das auch amüsante Seiten.
Das Kunsthaus Langenthal widmet der Berner Künstlerin Margrit Jäggli eine Retrospektive, liebevoll eingerichtet von Eveline Suter. Aufgegleist wurde die Ausstellung noch von Fanni Fetzer, die Ende 2011 als Direktorin ans Kunstmuseum Luzern wechselte. Angenehm für Raffael Dörig, den neuen Leiter des Langenthaler Hauses, er kann sich in Ruhe mit seinem neuen Wirkungsfeld vertraut machen.
Im Zentrum der Schau stehen die lebensgrossen Porträts vor spiegelndem Hintergrund, die Jäggli in den 1970er-Jahren weit über Bern hinaus bekannt machten. Bis zu 300 Arbeitsstunden stecken in jedem dieser Werke, die dem Betrachter einen üppig gerahmten Spiegel bieten, in dem er jedoch auf das fotorealistisch gemalte Porträt einer anderen Person trifft. Margrit Jäggli nannte ihr Verfahren psychologischen Realismus. Wie sehen wir uns selbst? Wie gut kennen wir uns selbst? Das waren Fragen, die die Künstlerin motivierten.
Mokante Meret
Sie bat ihre Modelle, meist Freunde aus der Berner Kunstszene, vor Spiegeln zu posieren und fotografierte sie dabei. Nach den Fotos entstanden Zeichnungen und aus verschiedenen Ansichten einer Person komponierte Jäggli ein Bild, das den Kern einer Persönlichkeit einfangen sollte. Die Ausstellung dokumentiert diesen Prozess an einigen Beispielen, den Porträtstudien der belgischen Galeristin Alexandra Monet etwa, die Jägglis zeichnerische Meisterschaft dokumentieren. Für die Spiegelbilder malte sie die Porträts auf Pavatex-Platten, auf die später Spiegelglas aufgelegt wurde, dessen reflektierende Beschichtung im Bereich des Gemäldes ausgespart blieb.
So entstanden Bilder, die gleichsam aus dem Spiegel herauszuschauen scheinen. Es ist vor allem Berns Kunstprominenz, die da schaut. Meret Oppenheim hüllt sich majestätisch-mokant in einen Umhang. Otto Tschumi blinzelt durch dicke Brillengläser. Raffiniert ist die Arbeit «Megert in einem Megert», die den Künstler Christian Megert in einem von ihm konstruierten Spiegelobjekt zeigt. En passant sortiert sich Margrit Jäggli hier in die neuere Kunstgeschichte ein. Mit ihrem Interesse an neuen Materialien aber auch an der Selbstreflexion ist sie ganz Kind ihrer Zeit. Für heutige Betrachter, die das Spiel der Selbstdarstellung auf Homepages und in virtuellen Netzwerken betreiben, wirken Jägglis Spiegel brav und nostalgisch.
Wülste aus der Tube
Reizvoll geblieben ist die altmeisterliche Sorgfalt, die Jäggli auf die Darstellung von Schmuck und Kleidern verwandte. Vielleicht wirkte da die Schneiderlehre nach, die sie auf Wunsch der Eltern absolviert hatte. Danach liess sie sich zur Lehrerin ausbilden, studierte Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie und besuchte die Kunstgewerbeschule. Ihre frühesten Arbeiten sind flächig gestaltet und oft melancholisch-dunkel.
1965 zeigte Bruno Bischofberger in seiner Zürcher Galerie amerikanische Pop-Art. Für Margrit Jäggli war das ein elektrisierendes Erlebnis. Sie begann mit Techniken und Materialien zu experimentieren, applizierte Farbwülste direkt aus der Tube auf die Leinwand, klebte Mustertapeten auf. 1968 entstand ein stilisiertes «Paar im Badezimmer», auf ein ovales Glas gemalt, umgeben von Kacheln, Zahnbürsten und Kugellampe. Doch Jäggli wollte näher an die Menschen heran und entwickelte Anfang der 1970er-Jahre ihre ureigene Methode der Spiegelbilder.
1980 begann sie eine Serie mit Bildern von Galago-Affen, wandelte sich von der Psychologin zur Verhaltensforscherin. Ein Unfall zwang sie kurze Zeit später, das Malen aufzugeben. Sie begann noch einmal neu, machte eine Sprechausbildung und widmete sich als Rezitatorin der Literatur. In die Berner Kulturgeschichte hat sie sich mit ihren Spiegelbildern eingeschrieben.
(Der Bund)
Erstellt: 13.02.2012, 14:35 Uhr
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