Kultur

Die Aufbewahrung des Alltags

Von Daniel Di Falco. Aktualisiert am 11.04.2012 1 Kommentar

Jean-Luc Cramatte ist ein in der Deutschschweiz wenig bekannter Exzentriker der Fotografie. Eine Ausstellung der Fotostiftung Schweiz zeigt Teile seines Werks.

Blick auf die Agrar-Schweiz: Aus der Serie «Paysage de ferme».

Blick auf die Agrar-Schweiz: Aus der Serie «Paysage de ferme».
Bild: Jean-Luc Cramatte

Fotostiftung Schweiz

Bis 28. Mai in der Fotostiftung Schweiz. Sonntag, 15. April, 11.30 Uhr (auf Französisch): Gespräch mit Jean-Luc Cramatte und Gérald Berger, Kulturbeauftragter des Kantons Freiburg und Mitbegründer der «Enquête photographique fribourgeoise».

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Jean-Luc Cramatte ist Fotograf. Aber sein Medium kennt er nur im Plural: Mit Einzelbildern hält er sich nicht auf. Der Mann erfasst die Welt in Serien, und gerade das Banalste hat es ihm angetan – er katalogisiert Postbüros, Seniorenwohnungen, Gebüsche oder Blicke aus dem fahrenden Zug. «Inventar» heisst die Ausstellung, die die Fotostiftung Schweiz in Winterthur dem Jurassier widmet.

Es war höchste Zeit für diesen Exzentriker der Schweizer Fotografie, von dem man auf dieser Seite des Röstigrabens noch nicht viel mehr gesehen hat als seinen betörenden Band über die Interieurs hinter den Schaltern der Post («Poste mon amour», 2007 bei Lars Müller in Baden erschienen). Zu entdecken ist ein Umtriebiger, der der Schweiz afrikanische Fotografie vermittelt oder in seiner Wahlheimat Freiburg die «Enquête» initiiert hat, eine einzigartige Reihe, mit der sich der Kanton fotografisch erforschen lässt.

Unerschöpflicher Bilderhunger

Zu entdecken ist aber vor allem Cramatte selber, mit vierzehn eigenen Arbeiten aus den letzten zwanzig Jahren. Und der absurde Witz, der in diesen Aktionen zur Aufbewahrung des Alltags liegt. Cramatte führt die Idee des Archivs hinters Licht, indem er das Normale ebenso für die Ewigkeit aufhebt wie das immer Gleiche. Seiner fast zärtlichen Hingabe ans Unscheinbare verdanken wir den Anblick der Häkeldecke auf dem Faxgerät in der Post von 2935 Beurnevésin JU, seinem prinzipiell unerschöpflichen Bilderhunger die Kataloge des städtischen Grünzeugs von Basel und Freiburg. Und wenn das jetzt nach spröder Konzeptkunst klingt – Cramatte macht das Gegenteil. Sein Welterfassungseifer hat etwas Versessenes, und doch bleibt er stets überraschend und staunenswert wendig. Manche seiner visuellen Aufzählungen sind von automatenhafter formaler Strenge (etwa «Bredzon Forever», die Serie, in der er die Besucher eines Shoppingcenters ins traditionelle Freiburger Sennenchutteli steckt und vor die Kamera stellt); andere haben die kunstlose Beiläufigkeit eines Spaziergängerblicks.

Die Unordnung auf den Höfen

Diesen Blick erkennt man auch in der neuen Serie «Paysage de ferme», einer Bestandesaufnahme der agrarischen Schweiz im Medium des Karsumpels, der sich im Lauf von Jahren und Jahrzehnten auf den Bauernhöfen ablagert. «Solche Anhäufungen», sagt Cramatte, «machen mir Freude.» Vielleicht ist die Unordnung, die er auf den Höfen angetroffen hat, schon ein Indiz für den Niedergang des Bauernstands. Auf jeden Fall kommt hier jetzt auch die Methode des Fotografen selbst ins Bild: dieses unbändige Ein-, Auf- und Versammeln aller möglichen Sachen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.04.2012, 14:57 Uhr

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1 Kommentar

Beat Riemer

11.04.2012, 07:55 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

Kunst ist, wenn man in einem runden Saal in die Ecke schei....Das scheint Crawatte verinnerlicht zu haben. Antworten



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