Der Schweinetätowierer
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 31.08.2010
Wim Delvoye mit seinen bekanntesten Kunstwerken.
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Er fertigt Ornamente aus Salamischeiben, Fussballtore aus Buntglasscheiben und gotische Lastwagen. Wim Delvoye ist immer für eine Überraschung gut – und vor allem auch für Provokationen. Zum Beispiel sein Werk «Cloaca», eine Maschine, die das menschliche Verdauungssystem imitiert. Füttert man sie mit Lebensmitteln, scheidet sie lebensechte Fäkalien aus, «Künstlerscheisse», die wiederum in Galerien und Sammlungen präsentiert wird. Dies als zynischen Kommentar zum Kunst- und Wertesystem zu lesen, ist nicht falsch. Denn das Bestreben, Unpassendes zusammen zu bringen, Schönes mit Hässlichem, Moralisches mit Unmoralischem zu kombinieren, zieht sich durch Delvoyes gesamtes Werk. Er verwendet sozusagen Samples aus verschiedenen Kontexten, die er zu eklektischen Werken kombiniert – gerne auch mit sexuellen und religiösen Konnotationen. Hauptsache, das Publikum regt sich auf.
Schweine sind besser als Fische
Damit hat er geschafft, wovon jeder Kunststudent träumt: der Belgier Wim Delvoye gilt als unberechenbarer und wilder Bad Boy der Kunst und schafft es mit provokativen Aktionen immer wieder, das Medieninteresse auf sich zu ziehen. Vor diesem Hintergrund wirkt sein «Twisted Jesus», eine Skulptur, die momentan im Rahmen des St.Moritzer Art-Masters-Festival zu sehen ist, richtig brav. Sie zeigt einen schmerzhaft verdrehten Jesus – ausgestellt ist die Skulptur denn auch passend in der französischen Kirche St.Moritz. Mit «Twisted Jesus» arbeitet Delvoye seine Faszination für religiöse Themen, Gotik, Barock und Ornament eher subtil ab.
Ganz anders noch als bei seinem wohl bekanntesten Werk, den tätowierten Schweinen. Bereits im Jahr 1997 begann der Künstler, Schweine zu tätowieren. 2005 gründete er dann eine Schweinefarm in China, wo er Schweine aufzog, um sie zu tätowieren und als Kunst zu verkaufen. Dazu gründete er eine börsenkotierte Firma, die «Pigs Art Fund», um Investoren anzulocken und vor allem «die Mechanismen des Kunstmarkts transparent zu machen», wie er selbst sagte. Auf die Frage, warum er gerade Schweine tätowiere, antwortete er: «Sie wachsen schnell und es ist wesentlich einfacher, Schweine zu tätowieren als Fische.» Ausserdem gebe das Wachstum der Tiere seinen Kunstwerken einen zusätzlichen Dreh: «Wir investieren in kleine Tattoos und ernten grosse Bilder», so Delvoye.
Der Künstler wollte aber noch weiter gehen, sein Projekt auf Menschen ausweiten. 2006 fand er im Zürcher Tim Steiner ein williges Opfer. Delvoye lieferte die Vorlage, ein Zürcher Tätowierer stach das Werk auf Steiners Rücken. Zwei Jahre später fand sich dann auch ein Käufer dafür, der 240'000 Franken zahlte und sich damit das Recht kaufte, Steiners Rücken jährlich irgendwo ausstellen zu dürfen. Ausserdem darf der Besitzer des Tattoos Steiners Haut nach dessen Tod chirurgisch entfernen und konservieren lassen. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.08.2010, 14:51 Uhr
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