«Der Mann war absolut schockiert»
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Budgetkürzungen in Milliardenhöhe, wie sie sie diesen Herbst zu beschliessen haben, sind offenbar noch das geringste Problem, mit dem sich britische Minister zurzeit herumschlagen müssen. Sehr viel mehr Kopfzerbrechen scheint den Mitgliedern der David-Cameron-Riege die Frage zu bereiten, mit welcher Art von Kunst sie ihre Büros in Whitehall ausstatten sollen.
Die sogenannte «Kunstsammlung der Regierung» nämlich, begründet zu viktorianischen Zeiten, offeriert Tausende von Ölgemälden, Zeichnungen, Drucken und anderen Schmuckstücken von prominenter Künstlerhand zur Dekoration staatseigener Wände. Jede neue Regierung darf sich aus dieser Schatzkiste frei bedienen. Margaret Thatcher zum Beispiel, die eiserne Lady der Achtzigerjahre, bevorzugte traditionelle Kunst, wie Turner und Constable. Ihr Nachfolger John Major führte David Hockney in Downing Street ein. Tony Blair wagte ein bisschen mehr und entschied sich für Damien Hirst und andere Brit-Art-Pioniere.
Temperament gezügelt?
Gordon Brown, der letzte Labour-Regierungschef, kehrte zu eher harmlosen Landschaftsdarstellungen zurück. Böse Zungen munkelten, Sarah Brown habe ihren cholerischen Gatten bewusst mit Flussläufen und friedlichen Waldstücken umgeben, um sein Temperament zu zügeln. Das hat nun wiederum der gegenwärtige Amtsinhaber, David Cameron, nicht nötig. Der mit Selbstbewusstsein gesegnete Eton- und Oxford-Absolvent hat kein Problem damit, in der Regierungszentrale eine Art überdimensionale Wahlkarte der Künstlerin Eva Weinmayr an die Wand zu nageln, die den Betrachter fragt: «31 Meilen pro Stunde – ein Verbrechen? Ja/Nein.»
Über den künstlerischen Wert dieses Statements ist man sich im Königreich zwar nicht ganz einig. Der «Independent» etwa findet das Artefakt «ungefähr so interessant wie ein Eisenbahnticket». Auch mit der Frage, ob er denn Geschwindigkeitsübertretungen das Wort rede, sah sich Cameron konfrontiert. Immerhin hatte er keinen Ärger mit der Künstlerin selbst. Die musste sich geschmeichelt fühlen, von höchster Stelle anerkannt worden zu sein – ganz anders als einige ihrer Berufskollegen.
In die Nesseln gesetzt
Ausgerechnet Kulturminister Jeremy Hunt und sein für die schönen Künste zuständiger Staatssekretär Ed Vaizey nämlich haben sich mit ihrer Vorliebe für Objekte der aktuellen Kunstszene in die politischen Nesseln gesetzt. Beide Tory-Politiker haben sich Werke des preisgekrönten Künstlers Mark Wallinger aushändigen lassen, der nun mal ein unverbesserlicher Labour-Anhänger ist. Letztlich könne Wallinger «wohl nicht sehr angetan sein» davon, den Hintergrund zu einem konservativ geführten Ministerium abzugeben, hat Vaizey schon laut sinniert.
Von Michael Landy, einem anderen progressiven Exponenten, hat der Staatssekretär das sogar unverblümt zu hören bekommen. Voller Stolz hatte der Politiker dem Künstler bei einem Abendessen in der Royal Academy offenbart, dass dieser zu den von ihm Erwählten aus der «Kunstsammlung der Regierung» gehöre. «Ich teilte Michael Landy mit, dass er bei mir an der Wand hängt», berichtet Vaizey. «Der Mann war absolut schockiert.»
Kürzungen im Kulturbereich
Der Schock erklärt sich, wie auch Vaizey weiss, aus Jahrzehnten des gegenseitigen Argwohns zwischen Künstlern und Konservativen. Im Augenblick wird dieser Argwohn bei Kunstproduzenten noch verstärkt durch Tory-Pläne für Kürzungen im Kulturbereich. Vaizey und sein Ressortleiter Hunt haben Künstlern und Kunstverbänden des Königreichs geraten, sich bei kapitalkräftigen Gönnern nach Unterstützung umzusehen, weil der Staat nicht mehr in der Lage sei, in gewohnter Weise zu helfen.
Mit der von ihren Favoriten unerwiderten Liebe müssen konservative Politiker wie Vaizey nun ihrerseits fertig werden. Künstler, die dem Tory-Lager zugezählt werden, gibt es ja nicht gerade in so grosser Zahl, dass sich mit ihrem Œuvre alle Regierungswände in London füllen liessen. Die Wahl, die sich den Cameron-Leuten bietet, ist demnach, den stummen Zorn der von ihnen Aufgehängten schlicht zu ignorieren – oder auf Werke toter Künstler zurückzugreifen, die wenigstens keinen Schock mehr bekunden können.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.09.2010, 08:12 Uhr





