«Das ist der Ort, in dem ich lebe»

Eine Rauminstallation mit 60 menschelnden Stahlskulpturen auf 1700 Quadratmetern: Das Zentrum Paul Klee präsentiert die erste Einzelausstellung des britischen Künstlers Antony Gormley in der Schweiz.

Und plötzlich diese Übersicht im Maurice-E.-Müller-Saal: Antony Gromleys «Expansion Field», 2014, 60 Stahlskulpturen.

Und plötzlich diese Übersicht im Maurice-E.-Müller-Saal: Antony Gromleys «Expansion Field», 2014, 60 Stahlskulpturen. Bild: Dominique Uldry, Antony Gormley

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Unter dem Halbrund des Dachs dominieren strenge rechte Winkel, eingebettet in die organische Formensprache des Renzo-Piano-Baus. Eine Kompanie von Hightech-Roboter-Soldaten? Die Skyline einer futuristischen Stadt? Monolithen oder Steingräber aus der Frühzeit der Menschheitsgeschichte? In fünf Reihen stehen sie da, quaderförmige Türme aus Stahl, unterschiedlich komplex verschachtelt, einzelne bis zu drei Meter hoch, mächtig, wuchtig und von einer undurchdringlichen kubistischen Kompaktheit, andere fast zerbrechlich wirkend im Vergleich und menschliche Posen und Extremitäten noch erahnen lassend.

«Expansion Field» heisst die Installation von Antony Gormley. Die kosmologische Konstante eines sich ständig ausdehnenden Universums, doziert der Künstler, finde hier ihre Anwendung auf den subjektiven Raum. «Es sind 60 Gehäuse der Finsternis, jedes vom Volumen meines Körpers abgeleitet», sagt Gormley, «aber sie werden dann in eine architektonische Geometrie übergeführt.» Wir befinden uns in einem Kunstraum, den der britische Bildhauer als einen Ort versteht, an dem neue Gedanken, Haltungen und Gefühle entstehen können. Noch spüren wir wenig vom stimulierenden Energiefeld.

Ein «Kunstgott» ganz in Weiss

Kritiker haben Antony Gormley auch schon als wandelndes Paradox bezeichnet: Er sei ein abstrakter Denker, der vorzugsweise über die grossen Fragen nachdenke, dessen Werke sich aber ziemlich konkret auf die menschliche Form konzentrieren, ein überaus sendungsbewusster Kunstpriester sei er, der den in­di­vi­duel­len Ausdruck ablehne und dafür 
guss­eiserne Jedermanns-Figuren auf der ganzen Welt ausstelle. Die Figuren seiner Installa­tionen sind meist Abgüsse seines 189 Zentimeter grossen Körpers. Dies sei nichts Spezielles, bemerkt er lakonisch, «das ist der Ort, in dem ich lebe». Dieser menschliche Körper ist für Gormley das zentrale Medium von Raum- und Welterfahrung.

Heute ist dieser schlanke Körper ganz in Weiss gehüllt, ein weisses T-Shirt und eine strapazierfähige weisse Hose, dazu trägt er robuste Wanderschuhe. Ein Gedankenarbeiter der Kunst sitzt da vor einem, der ganz offensichtlich keine Gedanken an eine repräsentative Garderobe zu verschwenden scheint, mit seiner tiefen Stimme ziemlich leise und gedehnt spricht und Sätze sagt wie: «Wie können grosse Ausstellungsräume in Museen nützlich sein über das reine Spektakel hin­aus?»

Er bekennt sich zu einer Obsession, die ihn seit Jahren umtreibe. Den Körper erforsche er nicht als Objekt, sondern als einen «Ort». Diesen Körperraum will er mit dem Raum im Grossen und Ganzen zusammenführen, mit dem Kosmos. Die randlose Brille und die strenge Kurzhaarfrisur verleihen dem 64-Jährigen etwas Asketisches, fast Mönchisches. Der Sohn eines Iren und einer Deutschen lebte als junger Mann drei Jahre in Indien und entwickelte dort ein bis heute anhaltendes Interesse für den Buddhismus. Eigentlich ist es überflüssig, wenn sich dieser hochdekorierte britische Bildhauer – 1994 Turner Prize, Praemium Imperiale 2013 und vor wenigen Monaten von der Queen zum Ritter geschlagen – zu einer Kunst bekennt, die jenseits von Unterhaltungs- oder Zerstreuungsabsichten nichts weniger als die «Fakten unserer Existenz» zu erhellen und zu benennen versucht.

Keine Angst vor grossen Räumen

Berühmt wurde Gormley unter anderem mit der 20 Meter hohen Skulptur «Angel of the North» (1998), welche die Flügelspannweite eines Jumbojets aufweist und weithin sichtbar der Landschaft bei Gates­head im Nordosten Englands als magnetischer Gravitationspunkt dient. Im Wattenmeer vor Cuxhaven stellte er 1997 eiserne, lebensgrosse Figuren auf, die bei Flut bis zum Hals im Wasser standen und bei Ebbe zu Fuss erreichbar waren. 2012 postierte er in den österreichischen Alpen 100 gusseiserne Abgüsse seines Körpers, die alle – Wind und Wetter ausgesetzt – präzise auf 2039 Meter über Meer platziert und über ein Gebiet von 150 Quadratkilometern verteilt waren.

Dieser Mann hat, so viel ist klar, keine Scheu vor grossen Kunst- oder Naturräumen – 2009 liess er im Kunstwerk «One and Other» 100 Tage lang insgesamt 2400 Menschen hoch oben auf einem leeren Sockel am Trafalgar Square stehen – und bot sich deshalb an, als ZPK-Direktor Peter Fischer erstmals in der 10-jährigen Geschichte des Museums den meist mit Stellwänden unterteilten und mit hängenden Wänden versehenen Maurice-E.-Müller-Saal in seiner ganzen Grösse bespielen wollte.

Peter Fischer hatte mit Gormley schon früher im Rahmen einer Gruppenausstellung in Luzern zusammengearbeitet. Er besuchte den Künstler in London und schilderte ihm die vorgesehene Spielanlage mit der grossen Ausstellungshalle. Gormley nahm die Herausforderung an.

Die Ausstellung will Peter Fischer mit Blick auf die enge Kooperation mit dem Kunstmuseum auch als «Zeichen» verstanden wissen, «wie sich das Zentrum Paul Klee künftig in der Schweizer und internationalen Museumslandschaft positionieren möchte». Ein Museum des 21.Jahrhunderts, das in einer zeitgenössischen Architektur wirke und den Austausch mit dem Hier und Jetzt als zentral erachte – ein solches Museum sei prädestiniert für die Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst. Die «grosse Geste» von Architekt Renzo Piano beruhe zwar auf dem Hauskünstler, so Fischer, «führt aber weit darüber hinaus, sodass sein Gebäude sowohl Klee wie Gormley beheimaten kann».

Über statische Grenzen hinaus

Ursprünglich dachte Antony Gormley daran, ein bereits existierendes Projekt – eine 100 Tonnen schwere architektonische Skulptur – in Bern auszustellen. Statische Abklärungen ergaben jedoch, dass der «Boden für Klee gemacht» worden sei, wie Fischer augenzwinkernd sagte.

Die «brandneue» Arbeit wiegt nun insgesamt etwa 25 Tonnen und ist damit immer noch äusserst gewichtig. Gefertigt aus Corten-Stahl und hermetisch verschweisst, leiten sich die Skulpturen von 21 Körperhaltungen ab – natürlich diente Gormley als Vorbild –, die zuerst per Computer jeweils bis zu sechs Mal nach dem Zufallsprinzip stufenweise in alle Richtungen ausgedehnt wurden. Wären die Ausdehnungen alle proportional vorgenommen worden, hätte sich «Langeweile» eingestellt. Gormley schaut in die Runde und wartet einen Moment mit einer Erklärung. «Alles hätte zunehmend die Form eines Würfels angenommen.»

Diese 60 Körpergehäuse hat Gormley in einer begehbaren Rasterstruktur angeordnet. Bewegt man sich länger durch diese schmalen Korridore, warten Entdeckungen auf einen: der Körper etwa als Bunker und als Panzerung, es gibt Spuren menschlicher Bewegung oder wiederkehrende Posen wie die ausgestreckten Arme, die an den Gekreuzigten erinnern. Antony Gormley streicht über die Kanten einer der Skulpturen; diese kleinen Markierungen der Verschweissung seien sehr wichtig, sagt er mehr zu sich, «es sind Linien menschlicher Kreation».

(Der Bund)

Erstellt: 04.09.2014, 14:25 Uhr

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Agenda

Bis 11. Januar 2015. Vernissage: heute, 
18 Uhr. Der Katalog erscheint im 
November. Am 20. Dezember findet ein Gespräch mit Antony Gormley und 
dem Kurator Hans Ulrich Obrist statt.

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