Kultur

Das Licht gleisst, die Farbe vibriert

Von Sarah Pfister. Aktualisiert am 29.10.2009

Das Kunstmuseum Bern würdigt Giovanni Giacometti (1868–1933) mit der glänzenden Bilderschau «Farbe im Licht». Sie zeigt, dass der Bergeller Maler auf seiner Suche nach dem Licht neue künstlerische Wege ging.

Zauber des Augenblicks: Giacomettis «Sonnenkinder» im Kunstmuseum Bern.

Zauber des Augenblicks: Giacomettis «Sonnenkinder» im Kunstmuseum Bern.
Bild: Keystone

Ein Selbstbildnis Giacomettis.

Ein Selbstbildnis Giacomettis. (Bild: Keystone)

Farbe im Licht

Die Ausstellung wird heute um 18.30 Uhr eröffnet und dauert bis 21. Februar 2010. Katalog: Giovanni Giacometti – Farbe im Licht. Scheidegger & Spiess. 220 S., 140?Abb., 48 Franken.

In Giovanni Giacomettis Bilderwelt ist alles Licht. Die Wintersonne wirft ihre gleissenden Strahlen über die schneebedeckte Berglandschaft. Die Mutter sitzt mit ihren Kindern im dichten Schatten eines Baumes. Die Familie Giacometti versammelt sich am Stubentisch im Schein der Petrollampe. Der am 7. März 1868 im Bergeller Dorf Stampa geborene Giacometti verschrieb sein Schaffen ganz und gar dem Licht, dem «eigentlichen Motiv» wie auch dem «eigentlichen Anreger» für seine Kunst, wie er 1920 an Carl Albrecht Loosli schrieb. Ob winterliche Abendstimmung, sommerliches Morgenrot, das Spiel von Licht und Schatten oder der Schein der Stubenlampe – Giacometti war ein Virtuose des Lichts, wie diese Ausstellung mit rund hundert Gemälden eindrücklich vor Augen führt. Vor 25 Jahren richteten die Kunstmuseen Bern und Chur dem Bergeller Maler eine grosse Gedächtnisausstellung ein. Nun präsentieren die beiden Häuser gemeinsam eine thematisch angelegte Schau, die Giacomettis meisterhafte Lichtmalerei in den Mittelpunkt stellt.

Im Schatten

Giacometti gilt zwar als Wegbereiter der Moderne in der Schweiz, wird aber nur am Rande als international bedeutender Künstler wahrgenommen. Noch heute steht er im Schatten seines Freundes Cuno Amiet (1868–1961), des Übervaters Ferdinand Hodler (1853–1918) wie auch seines ältesten Sohnes Alberto Giacometti (1901–1966). Zu Unrecht, wie Matthias Frehner, Direktor des Kunstmuseums Bern, betont. Dem Künstler, der den Lebensunterhalt seiner Familie mit seinem Schaffen bestritt, hafte noch immer das klischierte Bild des «Konfektionsmalers» an, dessen Werk von den Wünschen zahlreicher Auftraggeber und namhafter Sammlerpersönlichkeiten geprägt sei. Hier setzt denn auch die aktuelle, von Therese Bhattacharya-Stettler kuratierte Schau an, die 2010 ins Bündner Kunstmuseum in Chur weiterziehen wird. Sie zeigt Giacometti als erfolgreichen Künstler, der impressionistische, postimpressionistische und fauvistische Einflüsse aufgriff und lebenslang mit Experimentierlust und Innovationskraft weiterentwickelte.

Die Farbe vibriert

Der 18-jährige Giovanni zieht 1886 auf Empfehlung seines Zeichenlehrers nach München und besucht die Kunstgewerbeschule. Er begegnet dem gleichaltrigen Cuno Amiet, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird. 1888 reisen die beiden Freunde nach Paris, um ihre Ausbildung fortzusetzen. Giacometti sieht zum ersten Mal Werke Giovanni Segantinis, die ihn tief beeindrucken und inspirieren. Sechs Jahre später – er ist inzwischen aus Geldmangel ins Bergell zurückgekehrt – macht er eine weitere, prägende Bekanntschaft: Er lernt den zehn Jahre älteren Giovanni Segantini (1858–1899) kennen, der sein Mentor wird. Bald entstehen Giacomettis erste Arbeiten, die sich vom traditionellen, tonig verhaltenen Lichteindruck lösen und zur intensiven Lichtstimmung der Avantgarde finden: Er übernimmt Segantinis malerisches Prinzip des «Divisionismus». Um eine möglichst intensive Leuchtkraft und Brillanz der Farben zu erreichen, entwickelten die Maler der divisionistischen Schule eine Technik, in der die Primärfarben in getrennten Pinselstrichen nebeneinander und übereinander aufgetragen werden. Vergleichbar dem «Pointillismus» des französischen Neoimpressionismus, der die Farben als rasterähnliche Tupfen einsetzte, legten sie in aufwendigster Technik Linie um Linie reiner Farbe. Die Farbtöne mischen sich erst beim Ansehen des Bildes – die Farbe entsteht im Bild statt auf der Palette. Mit diesem Prinzip, das Giacomettis Schaffen bis ins erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts prägen sollte, erreichte er einen beeindruckend dynamischen Umgang mit dem Licht, das auf der Leinwand als pastoses Farbrelief vibriert. Zu den vielen wunderbaren Beispielen für Giacomettis orchestriertes Farben- und Lichtspiel gehört «Winterabend» (1905/1906). In eng gesetzten, breiten Farbstreifen schafft er eine irrisierende Schneelandschaft. Sonnengelb, himmelblau und abendrot fügen sich zu gemaltem Licht.

Sonnenkinder

Nach Segantinis frühem Tod 1899 blickt Giacometti in seinem hodlerisch frontal angelegten «Selbstbildnis im Schnee» (1899) fragend aus der winterlichen Landschaft; im Hintergrund trägt der Trauerzug Segantini zu Grabe. Der Tod des Mentors markiert einen Neubeginn für den nun 30-jährigen Künstler. Er löst sich von Segantinis symbolistischer Bildsprache und findet zum schlichten Glanz in seiner nahen und nächsten Umgebung. Der Blick rückt nahe an die heimatliche Bergwelt heran. Der Pinsel bewegt sich je nach Gemälde ganz unterschiedlich zwischen dem flackernden Farbenspiel des Divisionismus, leuchtenden Farbtupfern, parallel und breit gesetzten Strichen oder scharf begrenzten Farbflächen. Nicht nur die malerische Entwicklung wird hier sichtbar, sondern ebenso Giacomettis Experimentierfreudigkeit, die auch vor Eternit als Bildträger nicht zurückschreckt.

Es ist besonders Giacomettis eigene Familie, die ab 1900 einen wichtigen Platz in seiner Bilderwelt einnimmt. Die vier Kinder Alberto, Diego, Ottilia und Bruno sowie seine Ehefrau Annetta Stampa taucht er in das goldene Licht sommerlicher Idyllen. Der Zauber des Augenblicks scheint aus den Porträts, die die Kuratorin unter dem Bildtitel «Sonnenkinder» versammelt hat. Die unter dem Motto «Meine Lichtvision, mein Kindheitstraum» präsentierten Werke weisen ganz besondere Licht- und Schattenspiele auf. So etwa im Gemälde «Mutter mit Kindern» (1908), wo die Sommersonne in Lichtflecken auf das blau verschattete Kleid der Mutter fällt. Dem Spiel mit Licht und Schatten ist auch eines der spätesten, grossformatigen Werke gewidmet. In «Die Gant» (1932) blendet helles Sonnenlicht die Leute, die auf schemenhafte Silhouetten reduziert werden. Den Abschluss der Ausstellung bilden Landschaften. In ihrer expressiven und bewegten Pinselführung, ihrer Flächigkeit und figürlichen Reduktion beweisen sie, dass Giacometti auch kurz vor seinem Tod die schöpferische Kraft aufbrachte, nach neuen Visionen des Lichts zu suchen.

(Der Bund)

Erstellt: 29.10.2009, 11:44 Uhr

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