Da erschaudert die Kunstwelt
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 21.07.2011 6 Kommentare
Das Kunstwerk soll ins leere Eckige: Stefano Balestra (l.) und Peter Windemann von Artoogle.
Virtuelle Galerie
Die Kunstplattform Artoogle startet am 22. Juli um 19 Uhr mit einer virtuellen Vernissage. Danach können Kunstinteressierte durch rund 350 Skulpturen, Gemälde und Fotografien stöbern.
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Der Freiburger Stefano Balestra und der Berner Peter Windemann hatten ein Problem. Da war der Uni-Abschluss in der Tasche, die ersten richtigen Wohnungen in Zürich eingerichtet und beide wussten nicht, was sie an die kahlen Wände hängen sollten. Die New Yorker Skyline auf Leinwand von Ikea wollten sie nicht, den Chagall konnten sie sich nicht leisten und in eine Kunstgalerie trauten sie sich nicht.
Der Versuch, dieses Problem zu beheben, entwickelte sich zu einer innovativen Idee, die bald konkret wird: In zwei Tagen, wenigen Stunden und ein paar Sekunden startet die Vernissage zur neuen Online-Galerie Artoogle.ch. Eine neue Welt, die sich da für Kunstinteressierte öffnet, die mit der teils abgehobenen Kunstwelt wenig anfangen können: Rund 350 Gemälde, Skulpturen und Fotografien von etwa 50 Schweizer Künstlerinnen und Künstlern werden auf der Plattform zu sehen und kaufen sein. Jeder – ob Kenner oder Anfänger – kann dort ungezwungen herumstöbern, ohne den Blick des Galeristen im Nacken zu spüren.
Kunstwerk muss zum Sofa passen
Artoogle will aber auch ein wenig provozieren und der Kunst das Elitäre nehmen. «Wir wollen nichts belächeln, sondern die Kunstszene mit ihren teils kuriosen, eigenen Konventionen aufmischen und den Zugang zur Kunst modernisieren», sagt Stefano Balestra. Und ja: Die gepflegte Kunstszene wird es vermutlich erst einmal theatralisch schaudern, wenn sie sich in der Online-Galerie umschaut. No-go Nummer 1: die Suchfunktion. Um das Gemälde seiner Wahl zu finden, kann man nämlich nicht nur zwischen verschiedenen Stilen wie Kubismus, Portrait oder Abstrakt auswählen, sondern die Gemälde etwa auch nach Farbe sortieren. Wer tut denn sowas, wird sich der Kenner fragen und der Banause findet es super. Magenta, Cyan oder Grün – das Bild soll schliesslich auch zum Sofa passen.
Und damit wären wir bei No-go Nummer 2 für Kunstkenner, das gleichzeitig das Tollste an Artoogle.ch ist, zumindest für Kunstbanausen: die Funktion «Virtuelles Wohnzimmer». Dort kann man ein Foto seines Wohnzimmers hochladen und sein Lieblingskunstwerk in Originalgrösse über dem heimischen Sofa platzieren – oder die lebensgrosse Skulptur auf dem Balkon. «Wenn es um die eigene Wohnung geht und das Kunstwerk nicht in den Tresor soll, wollen auch Kunstkenner im Grunde ein Gemälde, welches zu ihrer Einrichtung passt», ist Stefano Balestra überzeugt. «Zugeben würde das aber natürlich niemand.»
Mit Artoogle wollen die beiden Wirtschaftswissenschafter einen vorbehaltslosen und zeitgemässen Zugang zum Schweizer Kunstmarkt schaffen, in dem laut Balestra jährlich weit mehr als eine Milliarde Schweizer Franken umgesetzt wird. Allerdings meist in einer kleinen, elitären Welt, für die dem Otto-Normal-Kunstliebhaber meist das Kleingeld fehlt - oder der Mut. So eine sterile Galerie mit edlen weissen Wänden habe schon etwas Einschüchterndes, findet Balestra, der wie Windemann in einem künstlerischen Umfeld gross geworden ist. Auch werde Kunst oft als etwas definiert, das eine Aussage habe und einen zum Nachdenken anrege. «Aber es ist nichts Verwerfliches daran, wenn einem ein Gemälde einfach nur gefällt.» Jeder solle selber entscheiden können, was für ihn Kunst sei. Im Extremfall heisse das: Lieber dekorieren als sich über die Kunst zu definieren.
Rückgabe-Garantie
Und so funktioniert Artoogle: Künstlerinnen und Künstler können Fotos ihrer Werke auf die Website laden, die sie verkaufen möchten. Grundsätzlich soll die Plattform allen Kunstschaffenden in der Schweiz zugänglich sein, von der aufstrebenden Perle bis zur etablierten Malerin. Eine kleine Hürde gibt es dennoch: Ein sogenanntes Kuraturboard, eine Handvoll Kunstkenner aus dem Artoogle.ch-Netzwerk, überprüft, ob das Kunstwerk, beziehungsweise das hochgeladene Foto gewisse Qualitätsmerkmale erfüllt, bevor gemeinsam mit dem Künstler ein Kaufpreis festgesetzt wird.
Danach muss das Gemälde, die Skulptur oder die Fotografie auf der Plattform nur noch auf einen Käufer warten. Sobald einer gefunden ist, versorgen Balestra und Windemann den Künstler mit dem passenden Verpackungsmaterial – und wenige Tage später steht beziehungsweise hängt das Kunstwerk bereits dort, wo es hingehört. Also die Skulptur auf dem Balkon oder das Gemälde über dem Sofa. Und für den Fall, dass der Magenta-Ton des Bildes doch nicht mit dem petrolfarbenen Sofa korrespondiert, gibt es eine 3-Tage-Zurück-Garantie. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.07.2011, 15:24 Uhr
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