Kultur

Animalische Einsichten

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 06.04.2011 2 Kommentare

Das Kunsthaus Zürich hat für die Ausstellung «HundKatzeMaus» 100 Gemälde und Objekte aus seiner Sammlung zusammengestellt: Die Dokumentation einer wachsenden Entfremdung.

Tiere und ihre Rollen: Stephan Balkenhol, Mann mit Kuh, 1995.

Tiere und ihre Rollen: Stephan Balkenhol, Mann mit Kuh, 1995.
Bild: Kunsthaus Zürich, Pro Litteris

Das Zeitalter der naturgetreuen Darstellung: Jacob Gerritsz Cuyp, «Zwei Jaguare», 1639. (Bild: Kunsthaus Zürich)

«HundKatzeMaus»

Bis 31. Juli. Die Ausstellung ist Anlass für eine Sommerwerkstatt für Kinder und Jugendliche.

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Das Beste kommt am Schluss – ein Video mit einer Aktion von Joseph Beuys, der sich 1974 in einer New Yorker Galerie mit einem unterbeschäftigten Kojoten einschloss und sich dabei Stück für Stück die Filzdecke vom Leib reissen liess. Das Intermezzo mit «Little John», der zwischendurch immer mal wieder auf einen Stapel Zeitungen urinierte, dauerte mehrere Tage. Dann liess sich Beuys mit einem Ambulanzwagen zum Flughafen fahren, wie er gekommen war: eingewickelt in Filz, weil er von Amerika nichts habe sehen wollen ausser dem Kojoten, diesem von den Weissen gehassten, aber im Grunde heiligen Tier, wie er später erklärte.

Die spirituelle Performance mit der lebendigen Kreatur bildet den Abschluss der Ausstellung. Sie bildet auch den Endpunkt einer Entwicklung. Die Rolle des Tieres in den verschiedenen Kunstepochen wandelte sich stark: Zuerst dienten sie dazu, möglichst sachlich wissenschaftliche Befunde zu dokumentieren. Dann schmückten sie Wappen und Porträts von Adligen, repräsentierten auf dem Sofa des Bürgertums, waren als fette Schinken unabdingbarer Bestandteil von Stillleben. Und sie symbolisierten in der jüngeren Kunstgeschichte immer wieder auch gesellschaftliche Zustände und Missstände. Der Kojote, in dem Beuys die Vertreibung und Ermordung der Indianer spiegelt, aber auch deren spirituelle Energien, steht im Video «I Like America and America Likes Me» für höhere Kräfte – obwohl sich «Little John» benimmt wie ein Viech. Doch gerade darin liegt der Reiz und auch der kuriose Witz dieses Videos.

Das Nashorn vom Hörensagen

Im Jahre 1515 hatte Albrecht Dürer mit seinem Rhinozeros ganz andere Sorgen. Zu jener Zeit ging es darum, Tiere möglichst naturgenau darzustellen. Dürer musste sich aber auf den Bericht eines Gewährsmannes verlassen, der in Lissabon das erste Nashorn gesehen hatte, das lebend nach Europa gelangt war. Offenbar war dieser Mann vom Anblick so überwältigt, dass er nur noch Hörner sah. Jedenfalls hat Dürers Holzschnitt, der im ersten Raum zu sehen ist, ein zweites Horn auf dem Rücken. Schon damals nicht korrekt – und aus heutiger Sicht allemal heiter.

Kuratorin Sibyl Kraft hat aus dem Fundus des Kunsthauses eine bunte und trotzdem wohlgeordnete Menagerie zusammengestellt; die Mehrzahl der Exponate war schon jahrelang nicht mehr zu sehen. Man merkt, dass Kraft Museumspädagogin ist. In sieben klar gefassten Kapiteln klingen verschiedene kulturgeschichtliche Aspekte an, die interessante Blickwinkel eröffnen. So waren Tiere in der Kunst immer auch Sinnbild menschlicher Ängste und Triebe – das begann bereits bei Adam und Eva. Die Schlange als Symbol der Verführung kennen wir in diesem Zusammenhang nur zu gut. Besonders teuflisch hingegen ist, dass die Schlange auf Max Klingers Bild der Eva einen Spiegel hinhält, damit diese auch ja sieht, wer schuld ist an der Vertreibung aus dem Paradies. Und auf Dürers Kupferstich von Adam und Eva lauert überraschenderweise die Katze. Tiere seien nichts anderes als Abbilder unserer Tugenden und Laster, sie seien die sichtbaren Schemen unserer Seelen, sagte Victor Hugo einmal. Wer ein besonders eindringliches Beispiel sehen will, sollte sich Germaine Richiers Plastik «L’Homme de la nuit» anschauen, ein Schattenwesen – unten Mann, oben Fledermaus.

Verehrt, gezähmt, vergessen

Selbstverständlich sind die Exponate aus der Gegenwartskunst nicht so zahlreich, wie dies bei einer frei kuratierten Ausstellung der Fall wäre. Wer eine Schau aus der eigenen Sammlung bestreitet, muss mit dem arbeiten, was da ist. Hier hat der eigene Acker einiges hergegeben. Beim Durchgang wird nicht nur deutlich, wie sehr sich unser Verhältnis zum Tier seit dem Mittelalter gewandelt hat, sondern auch, wie entfremdet es inzwischen geworden ist.

Unter der Überschrift «Verehrt, gezähmt, vergessen» zum Beispiel finden sich neben Rudolf Kollers freundlicher «Kuh im Krautgarten» auch Walter Müllers Schlachthausszenen von 1955. Andy Warhols berühmte Campbell-Büchse mit Gemüsesuppe und Rindfleisch, die im letzten der insgesamt neun Räume hängt, ist da eigentlich nur die unerfreuliche, aber logische Fortsetzung der Geschichte. Es ist kalt geworden zwischen Mensch und Tier. Wärme gibt nur noch das Haustier oder sein Stellvertreter. Wie auf Annelies Strbas Fotografie «Linda mit Teddybär». Kuscheln mit dem Klon aus Plüsch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2011, 07:32 Uhr

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2 Kommentare

gabriela merlini

06.04.2011, 11:34 Uhr
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Sehr schön! Gepaart mit der Ausstellung "Nonam", darf man sich freuen auf das Schauen. Das Glück der Erde liegt unter dem Pferde! Meistens zumindest, und aus der Sicht des Pferdes, welches ein Mensch zu tragen hat, der unter "Versammlung" ein Zusammenstauchen dieser Geschöpfe versteht. Was man sieht, übrigens. Geht jetzt an all die stolzen Reiter, die nicht mal merken, wenn ein Pferd Angst hat. Antworten


Pat Morosoli

06.04.2011, 13:13 Uhr
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ich bitte alle, sich den film earthlings anzuschauen: http://www.youtube.com/watch?v=Tszu9twyEEo
sich über das, was mit den tieren geschieht zu informieren: www.tier-im-fokus.ch
und unser verhältnis zu tieren grundlegend zu überdenken.
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