An der Ader des Wohlstands

Es ist das Land, in dem das Öl fliesst: Aserbaidschan. Die Ausstellung «Pipe Dreams» zeigt im Progr bewegende Fotos von der Armut im Schatten der grossen Pipelines nach Westen.

Ein Bild aus der Ausstellung «Pipe Dreams». (zvg)

Ein Bild aus der Ausstellung «Pipe Dreams». (zvg)

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Ein Junge spielt selbstversunken mit einem Gerät, das er aus alten Velorädern gebastelt hat. Hinter ihm ragt dunkel ein bizarrer Wald aus Ölbohrtürmen in den Himmel. Die aserbaidschanische Fotografin Rena Effendi hat die unwirkliche Szenerie schräg aufs Bild gebannt: Das Ölfeld und die Strasse sind deutlich nach links gekippt. Die Welt ist ins Wanken geraten.

Nichts fürs Kalenderblatt

Erdöl ist das sprichwörtliche Blut, das den Kreislauf von Wirtschaft und Komfort im Westen in Schwung hält. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wird in Aserbaidschan Erdöl gefördert, heute werden mit Rohöl über 60% des Bruttoinlandprodukts erwirtschaftet. Im Sommer 2005 wurde die Baku-Tiflis-Ceyhan-Ölpipeline in Betrieb genommen, die täglich eine Million Barrel Rohöl von den Ölfeldern am Kaspischen Meer in die türkische Hafenstadt Ceyhan befödert.

Rena Effendi, geboren 1977 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, jobbte als 19-Jährige als Übersetzerin für die International Oil Company. 2001 begann sie, die einfachen Leute, die von und mit der Erdölförderung leben, zu fotografieren. 2006 fotografierte sie im Auftrag der britischen Ölgesellschaft BP Bilder für einen Kalender. Dabei sah Effendi vieles, was nicht fürs Kalenderblatt geeignet war. Die junge Fotografin machte sich selbstständig auf eine Fotoreportage entlang der Pipeline durch Aserbaidschan, Georgien und die Türkei.

Armut, wo das Öl fliesst

Die Bilder dieser Reise (siehe auch «Der kleine Bund» vom 14. November)sind in einer Ausstellung im Progr zu sehen, die, trotz der ungünstigen Hängung im Flur der ersten Etage packend und beeindruckend wirkt. In schwarz-weissen Reportagefotos von klassischer Schönheit und enormer Ausdruckskraft erzählt Rena Effendi vom Leben mit dem Öl. Sie zeigt verwüstete Landschaften und den groben Luxus himmelstürmender Hochhäuser. Vor allem aber zeigt sie Menschen, die unmittelbar an der Ader des westlichen Wohlstandes leben und doch in Armut verharren. Wie Jelal, der Türke, der dem Betrachter aus tiefen Schatten entgegenblickt und dem die Ölgesellschaft 10 000 US-Dollar für sein Land versprochen hat. Bekommen hat er 800. Oder der 42-jährige Ilyas, der geistig verwirrt ist und seit fünf Jahren kein Wort mehr gesprochen hat. Die Pipeline läuft über das Grundstück, auf dem er und seine Mutter von 50 US-Dollar im Monat leben.

Rena Effendis Blick ist genau, aber niemals distanzlos, und oft begnügen ihre Bilder sich mit sprechenden Andeutungen. Pobacken in knappen Hot-Pants und gierige Hände illustrieren die Prostitution, die neben dem Ölhandel ein wichtiger Erwerbszweig in Aserbaidschan geworden ist. Präzise erfasst Effendi die pure Not und Desillusioniertheit der einfachen Leute. Bei alldem wahrt sie aber auch einen Blick für die kleinen Freuden des Lebens und zeigt einen Taubenzüchter mit seinen Vögeln oder eine Hochzeitsfeier.

Die Ausstellung «Pipe Dreams» findet im Rahmen des Festivals Culturescapes statt, das derzeit in sechs Schweizer Städten Kultur aus dem diesjährigen Gastland Aserbaidschan vorstellt. (Der Bund)

Erstellt: 20.11.2009, 11:23 Uhr

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