«Einmal die ganze Konsumscheisse hinter sich lassen»

Die Grosse Halle der Berner Reitschule ist in der Hand von Künstlerkollektiven aus ganz Europa. Deren Menschenliebe macht auch vor Dieben nicht halt.

Und so präsentiert sich die Grosse Halle derzeit: farbig und aufgekratzt antikapitalistisch.

Und so präsentiert sich die Grosse Halle derzeit: farbig und aufgekratzt antikapitalistisch. Bild: Manu Friederich

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Das museale «berühren verboten» sucht man hier vergebens. Im Gegenteil, ­anfassen und anpacken stehen in der Grossen Halle der Berner Reitschule zur Zeit hoch im Kurs. Seit Anfang Woche verwirklichen sich hier Künstler und Bastler aus halb Europa. Sie bauen überdimensionierte Delfine, verschenken Kleider, stellen ihre Siebdruck-Bilder aus und lassen mit einer Steinschleuder auf ein Bild von SVP-Vizepräsident Christoph Blocher schiessen. Von Besuchern wird erwartet, dass sie nicht passiv die Erzeugnisse betrachten. Mitmachen sei ausdrücklich erwünscht, sagt einer der Organisatoren vor Ort. «Es geht darum, einmal die ganze Konsumscheisse hinter sich zu lassen.»

«Anti-elitäres Monster-Jekami»

Das Ganze nennt sich «Schwarm» und ist gemäss Selbstbeschrieb ein «anti-elitäres Monster-Jekami». Initiiert wurde es von der Druckerei der Reitschule Bern. «Schwarm ist quasi die Abschlussfeier eines zweijährigen EU-Austausch­programms», sagt Druckerei-Mitarbeiter Dominic Imdorf. Insgesamt sieben Künstlergruppen – alle basisdemokratisch organisiert – seien daran beteiligt gewesen. «Wir haben uns gegenseitig ­besucht und zusammen Workshops durchgeführt.» Die EU habe jeweils die Reisespesen gedeckt. Für den zehntägigen Anlass in der Reithalle seien noch weitere Kollektive aus der Schweiz und dem Ausland dazugekommen.

Neben den gestalterischen Aktivitäten finden auch in Bern zahlreiche Lernveranstaltungen statt. Einer der Programmpunkte ist ein Workshop namens Wortklaub. Dort soll über die «Kreation von Parolen» sinniert werden. Auf die Frage des Schreibenden, was man dann mit den neu kreierten Parolen machen wolle, wird er von Imdorf zurechtgewiesen: «Du bist viel zu ergebnisorientiert», sagt er. Sein Lächeln zeigt an, dass es nicht ganz ernst gemeint ist.

Trotzdem: Der ideologische Überbau des Schwarms ist von Gewicht. «Hinter Schwarm steckt die Sehnsucht nach Ordnung ohne Herrschaft», sagt Imdorf. So sei alles freiwillig, selbstbestimmt und selbstverwaltet. Auch auf Marx wird zurückgegriffen: «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen», sagt Imdorf. Die Möglichkeit nach Selbstentfaltung soll allen offenstehen.

Das gilt auch für Diebe. Am Dienstag Abend wurde eine offen herumliegende Kasse geklaut. «Das können wir schon verkraften», sagt Imdorf dazu. Die Kasse sei weiterhin für alle zugänglich. «Auch Diebe sollen Schwarm als Probierwiese betrachten.» Idealerweise merkten diese, dass sie hier gratis etwas zu essen bekommen und verzichteten dann ­freiwillig aufs Klauen.

«Schütz» ohne Bling-Bling

Als Höhepunkt des Schwarms findet am Samstag das «Pokus Hokus» statt. Ab 12 Uhr verwandelt sich der Vorplatz der Reitschule in einen grossen Rummelplatz mit Kinderkarussell, Orbitron, Fakirshow, Zauberer und Konzerten. Diese «Alternative Schütz» wird vom ­eigenständigen Verein Kuriosum organisiert und feiert bereits ihre dritte Auflage. «Es ist ein unkommerzielles Fest, ohne ‹Bling-Bling›, dafür farbig, gross und schräg», sagt Marius Glauser vom Veranstaltungskollektiv. Eine politische Botschaft habe man aber keine. (Der Bund)

Erstellt: 12.07.2014, 09:53 Uhr

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