Ein irres Menschengedröhn

Abenteuer Fernost: Das Berner Symphonieorchester ist in China angekommen. Erste Eindrücke vor dem ersten Konzert in der Forbidden City Concert Hall.

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«On est arrivé»! ruft es in einem der zwei Tourbusse des Berner Symphonieorchesters. Die Stimmung ist heiter. Und tatsächlich, vor den Fenstern leuchten rote chinesische Lampions, es flanieren ein paar Chinesen mit Kopfbedeckungen und Schirmen zwischen Verkaufs- und Essensständen und fotografieren.

Genau so stellt man sich das doch vor. Doch dieses winzige Chinatown ist ein Zufall. Es steht in Bern, auf dem Weg ins Burgernziel. Nur ein paar Minuten zuvor sind wir fast pünktlich beim Casinoplatz abgefahren.

Es ist Sonntagmittag kurz nach elf Uhr. Man hört Kirchenglocken. Die Luft ist frisch, es regnet, während das Abenteuer beginnt. Das siebzigköpfige Berner Symphonieorchester macht seine erste China-Reise. Es ist die dritte Tournee mit Chefdirigent Mario Venzago, die weiteste bisher. Während der Chef mit separatem Flug direkt von Zürich nach Peking fliegt, reist das BSO von Frankfurt aus.

Musikalische Disziplin auch auf Reisen

Fünf Stunden später regnet es immer noch. Die Busse halten in Frankfurt ausserhalb des Flughafens. So beginnt das Abenteuer zu Fuss als Irrfahrt mit siebzig Rollkoffern und ihren Besitzern durch ein Labyrinth von Wegen von und zu An- und Abflughallen. Wie kommt das erst in China, wenn man sich bereits hier zum Check-in aus den Augen verliert? Bei siebzig Reisenden gehört das dazu, wie das Warten. Doch irgendwie sind dann doch alle wieder da, wenn sie müssen. Smartphone sei Dank.

Aber es ist wohl auch die Disziplin der Musiker. Die wissen genau, wann ihr Einsatz kommen muss, auch wenn sie in zehn Minuten nur drei Töne spielen. Sie sitzen punktgenau. Die Warteminuten sind eine ideale Gelegenheit, sich auszutauschen, über die Musik und die Welt.

Wie es sich anfühlt, im Orchester zu sitzen, zum Beispiel, möchte ich wissen. Hier bekommt man Antwort aus erster Hand. Oder das: ob denn ein Orchester nicht auch alleine, ohne Dirigent, spielen könnte. Warum Dirigenten so unterschiedlich gestikulieren. Und was ein Steckfrosch ist. Und eine Frage brennt besonders: Wie wird Mario Venzagos transparenter Klang in der gigantischen Konzerthalle ankommen? Wird man ihn überhaupt hören, oder wird er sich in der gigantesken Räumlichkeit verflüchtigen? Wir werden es sehen.

Geburtstagswünsche auf Chinesisch

Nach dem Frankfurter Check-in wird es plötzlich feierlich. Ein Musiker hat Geburtstag und bekommt ein Ständchen. Nicht irgendeines: Die Tourleitung singt ein chinesisches Lied. Zweistimmig, a cappella. Und mit dem richtigen China-Sound. Er erzählt irgendwas von Mond und Herz, das tönt nach Ni-wen-wo mit viel Nasallaut, Pathos und schönem Schmalz. Warum das aus dem Mund der zwei Mitglieder von Konzert Theater Bern so authentisch klingt? Weil die Tourleitung seit November einen Chinesischkurs besucht hat. Es habe Spass gemacht, sagen alle. Auch wenn schon früh klar gewesen sein muss, dass die erworbene Sprachkenntnis in der Praxis nicht viel nützen wird.

Der zehnstündige Flug fühlt sich länger an. Aber er verläuft ruhig. Diesmal sind die Musiker zwischen normalen Fluggästen verteilt. Bei einer früheren Tournee nach England reiste das Orchester mit einem eigenen Flugzeug. Wie unten auf der Erde die Wüste Gobi auftaucht, ist draussen plötzlich schon wieder Tag. Sechs Stunden ist die Zeitverschiebung. Die Kulturunterschiede aber sind grösser. China ist nicht ein anderes Land, es ist eine andere Welt.

Den Schirm braucht man jetzt, um sich vor der Sonne zu schützen. Das Mineralwasser, um die Zähne zu putzen. Die Währung heisst Renminbi. Und man tut gut daran, die Schutzmaske gegen die Luftverschmutzung bereitzuhalten. Dass viele hier aussehen wie Operationsschwestern oder Anästhesieärzte, wenn sie zur Arbeit, in die Karaoke-Bar oder zum Markt gehen, gehört zum Stadtbild. Doch es geht an diesem Tag auch ganz gut ohne diese Gesichtsverkleidung.

Blumenbanden und höllischer Verkehr

Erstaunlich ist auch, dass etwas ausserhalb des Hotels viele kein Englisch können. Wenn man im Taxi oder in einem Restaurant nicht mit einer Karte mit chinesischen Schriftzeichen ausgestattet ist, auf der steht, was man möchte oder wohin, dann hat man Pech gehabt und muss mit Händen und Zeichnungen operieren.

Peking wirkt herausgeputzt; an den Strassen gibt es riesige Blumenbanden, die wohl während der Olympischen Spiele 2008 angelegt wurden. Sie bilden einen geradezu idyllischen Kontrast zum höllischen Verkehr. In Anbetracht dessen kann man schon von Glück reden, wenn am Abend alle Musiker an ihren Plätzen sitzen.

Zuvor gibt es aber noch eine dreistündige Probe in der Forbidden City Concert Hall, sie liegt westlich des berühmten Tian‘anmen Square. Es wird auch das allererste Treffen mit Gerhard Oppitz, dem Solisten in Beethovens Klavierkonzert Nr. 5, sein – also unmittelbar vor dem Konzert. Diese Zeilen werden übrigens in einem Hotelzimmer geschrieben, im achten Stock über der Stadt.

Strassen wie ein Drachenschwanz

Es ist 6 Uhr morgens. Vor dem Fenster weit unten am Fuss des Hotelgebäudes hat bereits eine ganz andere Musik begonnen: Ein Moloch aus Hupen, Verkehr, Baumaschinen und Motorengebrumm windet sich schwerfällig durch die Strassen, die hier – kaum zufällig – wie ein gebogener, gezackter Drachenschwanz aussehen. Ein irres Menschengedröhn, chaotisch und kakofonisch.

An den gegenüberliegenden Wolkenkratzern spiegelt sich die Morgensonne durch den milchigen Dunst. Die gleiche, die man auch über Bern sehen wird – in sechs Stunden. Ni hao Beijing! (So viel Chinesisch muss jetzt sein: Guten Morgen, Peking.) (Der Bund)

Erstellt: 09.05.2017, 09:09 Uhr

Das Berner Symphonieorchester ist auf China-Tournee. «Bund»-Redaktorin Marianne Mühlemann ist dabei und bloggt von der Reise: www.chinatournee.derbund.ch

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