Poesie auf Pizzaschachteln

Was passiert auf der China-Reise des Berner Symphonieorchesters eigentlich zwischen den Konzerten?

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So eine Tournee wie die China-Reise des Berner Symphonieorchesters ist keine Ferienreise. Auch wenn sich das viele so vorstellen, weil die Musikerinnen und Musiker ja nicht dauernd konzertieren – und wenn, dann nur am Abend. Doch was machen sie eigentlich tagsüber, in der restlichen Zeit? Vieles, was für die Musikerinnen und Musiker zu Hause den Charakter des Selbstverständlichen hat, ist es hier nicht. Deshalb bedeutet Freizeit auch Reisezeit.

Die Anfahrten sind enorm aufwendig, auch anstrengend. Aufstehen um vier Uhr in der Früh nach einem Konzert am Vorabend: Das ist nicht jedermanns Sache. Doch das wird nötig, wenn der Bustransfer zum Flughafen wie hier um 5.10 Uhr ansteht, damit der Flug zum nächsten Konzertort überhaupt möglich wird. Disziplin, Pünktlichkeit und Flexibilität sind in einem Orchester nicht nur beim Musizieren selbstverständlich, auch wenn sie nie eingefordert werden. In den Details liegen aber einige Tücken. Was ein Musiker, eine Musikerin in die Handtasche einpackt oder eben nicht, wenn er oder sie am Mittag aus dem Hotel geht, ist entscheidend. In Peking war es bis zu 36 Grad heiss, in Shanghai dagegen ist es feuchtwarm und regnet.

In eleganten High Heels loszuziehen, wenn der Fussweg vom Bus zum Konzertsaal eine halbe Stunde beträgt, ist also ebenso wenig angepasst wie mit bequemen Flipflops oder Turnschuhen unterwegs zu sein, wenn nach dem Konzert noch ein Empfang mit VIPs, lokalen Politikern oder Sponsoren ansteht. Doch wenn die siebzig Musiker und Musikerinnen am Mittag das Hotel verlassen haben, gibt es keine Möglichkeit mehr, zwischen Probe und Konzert noch einmal zurückzukehren, um zu duschen, die Haare zu waschen oder sich umzuziehen.

Sowieso sind private Einzelgänge in einem so grossen Kollektiv kaum möglich. Nur der Chefdirigent und der Solist können sich diese Freiheit nehmen. Sie sind auch nicht ständig mit dem Orchester zusammen, sondern stossen erst bei der Einspielprobe wieder aufeinander. Der ständig mitreisende Logistik-Manager sorgt dafür, dass die Konzertkleidung und die Instrumente in den dafür vorgesehenen Kisten jeden Abend am richtigen Ort sind.

Drei Tage ohne Instrument

In China ist es wichtig, den Pass dabeizuhaben, wenn man unterwegs ist. Kontrollen sind möglich; und um Geld zu wechseln, braucht man den Ausweis auch. Beim Einchecken im Hotel werden aber die Pässe abgegeben. Was tun, wenn nur einer ihn vergisst und nicht durch den Check kommt? Brahms ohne den Hornisten oder Beethoven ohne die Paukistin oder einen Flötisten? Unvorstellbar. Und erklären nützt nicht viel.

Ohne chinesischen Übersetzer an der Seite sind die Verständigungsprobleme grösser als erwartet. Im Alltag trifft man selbst an exponierten Positionen des öffentlichen Lebens Leute, die kein Englisch sprechen. Und wenn jemand etwas Englisch kann, heisst das noch nicht, dass man ihn auch versteht. Ein rollendes R auszusprechen, scheint für viele Chinesen die grössere Herausforderung zu sein als einen Wolkenkratzer zu bauen. Im Tourneealltag auch ein Problem: Wo gibt es zwischen einer Anspielprobe und einem Konzert für achtzig Menschen auf die Schnelle etwas zu essen? Lunchpakete reichen nicht immer. In Peking hat man das zum Beispiel so gelöst, dass Backstage gegessen werden konnte. Die Tourneeleitung hat eine warme Mahlzeit organisiert. Und was für eine: In liebevoll mit chinesischer Poesie beschrifteten Pizzaschachteln lag in Aluschälchen ein frisch zubereitetes vollständiges Menu, das übrigens hervorragend schmeckte.

Dass die Musiker zwischen zwei Konzerten ihre Instrumente nicht bei sich haben dürfen, ist für einen Musiker, der täglich üben sollte, eine enorme Belastung. Zwischen dem Konzert am Dienstag in Peking und dem nächsten Konzert am Freitag in Shanghai sind das lange drei Tage Musizierpause.

Mit der Gondel zur grossen Mauer

Trotzdem: Die Stimmung ist im Hoch. Statt auf der faulen Haut zu liegen und sich auszuruhen, haben viele an ihrem freien Tag die Chance gepackt, einen gemeinsamen Ausflug zur Chinesischen Mauer zu unternehmen – samt Gondelbahnfahrt, Fussmarsch und mehrstündiger Busfahrt. Und das BSO wurde belohnt. Das Wetter zeigte sich strahlend wie nie, und auf den Strassen herrschte weniger Chaos als sonst.

Die Anwesenheit des BSO in China ist aber nicht der Grund für das geringere Verkehrsaufkommen. Vielmehr hat die chinesische Regierung wegen eines mehrtägigen Gipfeltreffens in Peking – an dem über eine Bahnverbindung zwischen China und Europa diskutiert wird – temporär Fabriken geschlossen und Autobahnabschnitte gesperrt.

Gestern konzertierte das BSO im Shanghai Oriental Art Center. Eine Frage bewegte im Vorfeld: Wird der grossartige Pianist Gerhard Oppitz, der mit seinem weissen Bart ein wenig wie Brahms aussieht, eine Zugabe spielen? In Peking hat er es nicht getan. Obwohl ihn das Publikum fünfmal auf die Bühne geklatscht hat. Wir werden es erfahren. (Der Bund)

Erstellt: 12.05.2017, 19:19 Uhr

Das Berner Symphonieorchester ist auf China-Tournee. «Bund»-Redaktorin Marianne Mühlemann ist dabei und bloggt von der Reise: www.chinatournee.derbund.ch

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