Kultur

«Strawinsky lächelte wie ein Alligator»

Diese Woche dirigiert er drei Konzerte in der Tonhalle, 2011 kommt Sir Roger Norrington als Principal Conductor zum Zürcher Kammerorchester.

Ein Dirigent mit Mission: Roger Norrington.

Doris Fanconi

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Zur Person

Geboren 1934 in Oxford, gehört Roger Norrington spätestens seit der Gründung der London Classical Players 1978 zu den Leitfiguren der historischen Aufführungspraxis. Heute reicht sein Repertoire von der Renaissance bis ins 21. Jahrhundert, und er dirigiert vor allem Orchester mit modernen Instrumenten. Bis 2007 leitete er die Camerata Salzburg, seit 1998 (und noch bis Ende Saison 2010/11) ist er Chefdirigent beim Sinfonieorchester des Südwestdeutschen Rundfunks in Stuttgart. Ab Sommer 2011 ist Norrington für drei Jahre als Principal Conductor beim Zürcher Kammerorchester unter Vertrag.

Sie segeln gerne – wechseln Sie deshalb nach Zürich?
Natürlich, nur deswegen! Ich suche Sponsoren mit einer Jacht auf dem Zürichsee, schreiben Sie das bitte . . .

Daneben werden Sie aber doch auch dirigieren. Warum gerade das Zürcher Kammerorchester?
Es ist ein gutes Orchester, und ich mag gute Orchester. Ich mag Zürich. Ich mag die Konzertmeister, die sie haben; mit Natalie Chee habe ich schon bei der Camerata Salzburg zusammengearbeitet. Ich denke, es könnte eine gute Sache werden. Und ausserdem brauche ich das Geld!

Und es stört Sie nicht, dass Sie sehr viel berühmter sind als das Orchester?
Ich arbeite gern immer wieder mit neuen Orchestern, und meist habe ich sowohl ein Kammerorchester als auch ein Sinfonieorchester. Wenn ich mit einem Ensemble das Repertoire gemacht habe, das mich interessiert, wechsle ich. Ich wiederhole mich nicht gern.

Was ist denn die Herausforderung beim Kammerorchester für Sie?
Das ist nicht mehr wirklich eine Herausforderung. Natürlich ist es interessant, einen guten Stil zu entwickeln, vor allem einen guten Mozart-Stil, der ist zentral für Kammerorchester. Aber es ist eine viel grössere Herausforderung für mich, Mahlers 9. Sinfonie zu dirigieren als Mozarts Posthorn-Serenade.

Dann ist Ihr Wechsel nach Zürich vielleicht auch eine Bewerbung beim Tonhalle-Orchester? Wenn Sie nun Stuttgart verlassen, haben Sie ja kein Sinfonieorchester mehr.
Aber David Zinman bleibt ja hier! Und ich bin zwei Jahre älter als er, das passt nicht für eine Nachfolge . . . Aber natürlich werde ich das Tonhalle-Orchester weiterhin dirigieren, auch wenn ich fest beim Zürcher Kammerorchester bin.

Diese Woche spielen Sie mit dem Tonhalle-Orchester zwei Werke von Elgar – immerhin ein Zeitgenosse Mahlers.
Ja, und Mahler dirigierte sogar Musik von ihm in New York. Die beiden haben gewisse Gemeinsamkeiten; beide sind sehr sinnlich, sehr naturverbunden, und ihre Musik ist sowohl programmatisch als auch sinfonisch. Das wird man vor allem in Elgars 1. Sinfonie hören.

Diese Sinfonie war einer Ihrer grössten CD-Erfolge mit den Stuttgartern – sie erhielt den Echo-Preis.
Ja, die ist nicht schlecht . . .

Und wie schlägt sich das Tonhalle- Orchester mit dem Stück?
Das Tonhalle-Orchester ist wunderbar! Ich bin wirklich beeindruckt. Vielleicht war es für sie ein wenig überraschend, dass sie Elgar mit reinem Ton spielen müssen, also ohne Vibrato. Bei Bach, Händel oder Mozart ist das ja inzwischen normal, aber bei so später Musik bin ich der einzige Dirigent, der das verlangt.

Warum?
Es gab kein Vibrato im 19. Jahrhundert. Noch Mahler hat nie ein Orchester mit Vibrato gehört. Die Idee war damals, dass die Musik die Menschen erheben sollte – und dafür suchte man einen möglichst reinen Ton. Dann kam Mahler, der alle möglichen «niederen» Klänge einkomponierte, es kam der Erste Weltkrieg, später gab es dann all die Jazz-Einflüsse, etwa bei Strawinsky. Das alles hat das Klangbild grundlegend verändert, und seither ist das Vibrato normal.

Dann lassen Sie Strawinskys «Symphonies d'instruments à vent» in der Tonhalle mit Vibrato spielen?
Nein, das ist ein sehr gerades Stück. Wir haben in der Probe auch überhaupt nicht über Vibrato gesprochen, offenbar war es für die Musiker ganz selbstverständlich so.

Ärgert es Sie eigentlich, dass Sie immer auf das Thema Vibrato festgelegt werden?
Oh ja, und wir reden jetzt auch schon wieder darüber! Dabei ist es ganz einfach: Wenn man das Vibrato endlich einmal losgeworden ist, kann man sich auf die Musik konzentrieren.

Also Themawechsel. Ihr Repertoire ist sehr breit, wie viele Spezialisten für Alte Musik haben Sie längst auch neue und neueste Werke für sich entdeckt. Interessieren Sie sich für alles?
Ich mag das Gärtchendenken nicht. Ich habe zwar mit Schütz angefangen, und ich liebe Schütz immer noch. Aber heute ist es ganz normal für mich, Strawinsky zu spielen; das Stück, das wir nun in der Tonhalle machen, ist wirklich einfach für mich – a piece of cake. Ich behaupte nicht, dass ich alles gleich gut machen kann, aber ich versuche, ein Spezialist zu werden für alles, was ich mache. Es ist aufregend, ein Spezialist für Schütz und Mozart und Mahler zu sein.

Sie haben auch zahlreiche Uraufführungen dirigiert.
Ja, ich suche den Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten, das war schon immer so. Strawinsky etwa habe ich noch persönlich kennen gelernt, in den 1960ern; er war sehr, sehr seltsam und lächelte wie ein Alligator . . .

Hat es mit dieser Vielseitigkeit zu tun, dass Sie nicht mehr so häufig Ensembles mit historischen Instrumenten dirigieren?
Ich tue das schon noch, ich arbeite etwa mit dem Orchestra of the Age of Enlightenment. Aber es interessiert mich derzeit tatsächlich mehr, moderne Orchester dazu zu bringen, adäquat zu spielen. Die anderen können es ja schon . . .

Sind die Instrumente weniger wichtig geworden?
Ja. In den Anfängen der historischen Aufführungspraxis dachten wir, es hänge alles an den Instrumenten. Und wir haben durch die alten Instrumente ja auch sehr vieles gelernt. Aber heute geht es eher darum, wie man spielt. Und mich interessiert die Frage, wie weit man gehen kann mit modernen Orchestern.

Und wie weit kann man gehen?
Es kommt auf das Orchester an. Bei der Camerata Salzburg hat man in den besten Momenten nicht gehört, welche Instrumente sie spielten.

Das war Ihr Orchester. Wie ist es bei Klangkörpern, die Sie nur gelegentlich dirigieren?
Da geht es darum, Türen aufzustossen. Beim Tonhalle-Orchester waren diese Türen ja schon halb offen, es ist wirklich ein ausserordentlich flexibles Orchester. Aber in Philadelphia oder Detroit oder Oslo oder Leipzig, wo es eine sehr andere Tradition gibt: Da muss man sich schon gewaltig gegen die Tür stemmen, dann knarrt es, irgendwann kann man vielleicht einen Fuss dazwischenschieben und dann weiterdrücken . . . Da gibt es viel zu tun. Aber wenn man nicht beginnt, kommt nie etwas in Bewegung. So habe ich wirklich eine Mission!

Roger Norrington und das Tonhalle- Orchester spielen Werke von Elgar und Strawinsky: heute Mittwoch bis Freitag, jeweils 19.30 Uhr.

Am Freitag, 12. Februar, gibt es um 11.15 Uhr im kleinen Tonhalle-Saal ein Podium mit Roger Norrington zum Thema Orchesterklang.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2010, 04:00 Uhr

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1 Kommentar

Beat Häcki

17.02.2010, 12:57 Uhr
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Nachdem ich Roger Norrington letzten Freitag gehört habe, könnte ich Elgar sogar zu mögen beginnen.....ein bisschen ;-) Antworten



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