Sie singt Arien und hört zu Hause Rammstein
Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 03.02.2010 2 Kommentare
Soirée classique
Freitag, 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich. Im Anschluss an das Konzert führt TA-Redaktorin Susanne Kübler ein Gespräch mit der Sängerin.
Gut verkauft ist halb gesungen: Nach diesem Credo lebt ein beträchtlicher Teil der CD-Industrie, und die Verkäufer der Leipziger Sopranistin Simone Kermes gehören dazu: Was da alles an hoch gestylten, knallbunten, betont unkonventionellen Pressefotos produziert worden ist! Dazu brauchts dann nur noch ein paar Etiketten, die von den Medien gerne übernommen werden («Anti-Bartoli», «sopranistischer Vulkan»), und fertig ist das Sängerinnen-Produkt.
Fast fertig. Denn Simone Kermes wird derzeit nicht nur mit allen Mitteln des Geschäfts zum Superstar aufgebaut, sie singt auch: nicht halb, sondern ganz, oder auch ein bisschen mehr als das. Wer ihre neue CD «Lava» mit Arien des neapolitanischen 18. Jahrhunderts einstellt, fällt erst einmal fast vom Stuhl. Giovanni Battista Pergolesis «Tu me da me dividi» springt einen geradezu an, mit einer geballten Ladung von Hass und Enttäuschung – und einer Stimme, die diese Gefühle in ihrer ganzen Zügellosigkeit darzustellen weiss, ohne selber zügellos zu werden.
Abstürze in ein raues Brustregister
Simone Kermes, die noch zu DDR-Zeiten in Leipzig ausgebildet wurde, hat ihren Sopran im Griff. Mühelos stürmt sie durch die wildesten Koloraturen, hell und stark leuchten ihre hohen Töne, dann wieder lässt sie eine Melodie unendlich zart verklingen. Die gelegentlichen (und zweifellos gezielten) Abstürze in ein raues Brustregister mögen Geschmackssache sein – zu den extremen Emotionen in diesen Arien passen sie durchaus. Auch wenn Kermes ein ganz anderer Stimmtyp ist, so verbindet sie mit Cecilia Bartoli doch jene physische Präsenz, die selbst auf CD spürbar wird.
Diese Präsenz prägt auch die Konzerte der Simone Kermes. Ihre Mimik ist theatralisch, die Gestik erfrischend unschematisch (manche sagen: exaltiert), das Outfit oft exzentrisch. Es war nie ihr Ziel, eine stromlinienförmige Sängerin zu sein, und das zelebriert sie auch. Sie höre zu Hause lieber Rammstein als Mozart, sagt sie in Interviews, und stolz zählt sie Nina Hagen zu ihren Fans – ein «schrilles Weib» auch sie.
Verzierungen, Verzögerungen
Dennoch bleibt ihre Stimme weit mehr im Gedächtnis haften als alle Äusserlichkeiten (und ja: auch mehr als das ganze Werbebrimborium). Wie sie mit Verzierungen und Verzögerungen kleine Geschichten erzählt; wie sie ihre Töne herausspickt oder ihnen nachhorcht; wie sie ihre Virtuosität und die klanglichen Finessen geniesst und doch nie den musikalischen Faden verliert – da gibt es noch beim x-ten Hören von «Lava» vieles zu entdecken.
Gleiches gilt für die Zusammenarbeit mit dem klein, aber sehr fein besetzten italienischen Ensemble Le Musiche Nove. Geleitet wird es von Claudio Osele, einem der findigsten Köpfe, wenn es darum geht, musikalische Schätze aus den Archiven zu holen (und hier gibts doch noch einmal eine Verbindung zu Cecilia Bartoli, die bei mehreren Programmen mit Osele zusammengearbeitet hat). Dass diese Musiker sich nicht mit ein bisschen instrumentaler Dekoration begnügen, versteht sich; sie sind Teil der Dramen, die sich in diesen Arien von Nicola Porpora, Leonardo Vinci oder eben Pergolesi abspielen, und agieren je nach Bedarf als Sparringpartner, Sekundanten oder Ruhekissen für die Sängerin.
Lust auf anderes
So passt auf dieser CD musikalisch alles zusammen, die Komponisten und ihre Interpreten, eine weitgehend vergessene Musik und die Energie, mit der sie wieder belebt wird. Dafür, dass dieser Idealfall nicht zur Routine wird, wird Simone Kermes allerdings besorgt sein: So grandios und erfolgreich sie Barockes singt, so gross ist ihre Lust auf anderes. So hat sie einst in einem Zürcher Rezital auch Lieder von Mahler und Kurt Weill präsentiert, Gershwin singt sie mit Barocktrio und Continuo, Purcell dafür auch mal in elektronischem Set, und unter den Opernrollen würde sie die Lulu reizen oder «eine ganz andere Agathe». Hauptsache, sie kann aufs Ganze gehen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.02.2010, 06:10 Uhr
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2 Kommentare
Ich gebe Ihnen Recht, Herr Klingler. Phänomenal! Ich habe sie schon ein paar Mal singen hören, Frau Kermes - das erste Mal - ich glaube sie sang Händel - fiel ich fast vom Sofa zuhause. Ich habe sie leider noch nie live singen gehört. Aber ihre Präsenz ist so wunderschön, so stark. Enorm. Man wird süchtig nach ihrer Gesangspräsentation. Auch ich sage: eine tolle Frau und Sängerin. Antworten
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