Matthias Gawriloff verlässt Bern
Von Brigitta Niederhauser. Aktualisiert am 26.01.2011 1 Kommentar
Kommentar: Klärungsbedarf
Nun wird BSO-Direktor Matthias Gawriloff noch vor Stadttheater-Intendant Marc Adam Bern verlassen. Sein Weggang wird dazu beitragen, dass sich das Verhältnis zwischen den beiden Institutionen, die fusioniert werden, weiter entspannt. Was die Nachfolge von Gawriloff und Adam betrifft, sind allerdings viele Fragen offen. Damit es nicht zu neuen Verunsicherungen kommt, muss der Stiftungsrat der neuen Organisation Musik Theater Bern möglichst schnell die Führungsstruktur der künftigen
Organisation und das Pflichtenheft der Leitungsmitglieder klar definieren. Was bis heute nämlich über Rolle und Befugnisse des Musikdirektors bekannt ist, der wie die übrigen Spartenleiter einem Geschäftsleiter unterstellt ist, hat im Musiktheater und beim Orchester bereits zu heftigen Diskussionen geführt. Denn auf der gleichen Stufe wie der Musikdirektor steht der Chefdirigent des BSO, und wer von den beiden bei der Disposition künftig das Sagen haben wird, ist einer der Knackpunkte des neuen Modells.
Und es ist nicht der einzige, auch beim Stellenprofil des CEO mehren sich die kritischen Stimmen. Ein deutliches Indiz, dass hier noch Klärungsbedarf besteht, ist das Echo auf das Stelleninserat: Bis heute sollen sich noch keine valablen Kandidaten beworben haben.
Stichworte
Das Gastspiel von Matthias Gawriloff in Bern ist von kurzer Dauer: Nach weniger als drei Jahren verlässt er das Berner Symphonieorchester (BSO), dem er seit Herbst 2008 als Direktor vorsteht. Das Anstellungsverhältnis werde aufgelöst, teilte gestern der Stiftungsrat des BSO mit.
Ob Gawriloff der Abgang nahegelegt wurde, ist ebenso wenig klar wie der Zeitpunkt des Rücktritts. «Herr Gawriloff ist weder vom Stiftungsrat noch von der Leitung der Steuerungsgruppe Konzert Theater Bern unter Druck gesetzt worden», betont BSO-Stiftungsratspräsident Guy Jaquet. Man sei schon lange miteinander im Gespräch gewesen. Dabei habe Gawriloff klargemacht, dass er auch in Zukunft die Gesamtverantwortung für die Leitung eines Symphonieorchesters innehaben wolle. Ob der 56-Jährige bereits konkrete Angebote oder gar eine neue Stelle habe, wisse er nicht: «Wichtig ist, dass Herr Gawriloff jetzt genug Zeit hat, um eine passende neue Stelle zu suchen.»
Der BSO-Direktor selber war gestern für eine Stellungsnahme nicht erreichbar. Ein weiteres Indiz, dass die Vertragsauflösung nicht einvernehmlich zustande gekommen ist, ist die Formulierung der Medienmitteilung – wurde doch auf die übliche Floskel «in gegenseitigem Einverständnis» verzichtet.
Als Fusionsgegner unter Druck
Tatsache ist, dass der Direktor des BSO in den letzten Monaten immer mehr unter Druck geraten ist. Es ist ein offenes Geheimnis, dass allen offiziellen Bekenntnissen der Orchestervertreter zum Trotz der Widerstand gegen die Fusion immer noch gross ist. Gawriloff trat seit seinem Amtsantritt als Sprachrohr jener breiten Orchesterfraktion auf, die einer Fusion nichts Positives abgewinnen konnte. Sie befürchtete, dass sich so das Stadttheater auf Kosten des BSO sanieren wolle – oder es mit in den Abgrund reisse. Als überaus eloquenter Fusionsgegner hatte Gawriloff lange Zeit auch Rückhalt beim BSO-Stiftungsrat. In seinem Kampf gegen die Befürworter der Fusion schreckte er auch vor persönlichen Verunglimpfungen der Projektleiter und Vertreter des Stadttheaters nicht zurück. Als sich im Sommer 2010 aber abzeichnete, dass die Subventionsgeber trotz des hartnäckigen Widerstands die Fusion durchziehen würden, musste Gawriloff realisieren, dass es in Bern wohl kein Platz mehr für ihn geben wird. Dazu kam, dass er auch nicht mehr auf den Rückhalt des BSO-Stiftungsrats zählen konnte.
Grosses Engagement
In der kurzen Zeit, die er hier wirkte, hat Matthias Gawriloff einiges in Bewegung gesetzt. Für Bern habe er das «musikalische Paradies» verlassen, sagte Gawriloff bei seinem Amtsantritt. Seine Stelle als Intendant der Kammerphilharmonie Neuss hatte Gawriloff für das BSO aufgegeben: Die Sehnsucht nach dem grossen symphonischen Klang habe ihn nach Bern gezogen, verriet er. Um diesem Klang noch mehr Gehör zu verleihen, entstaubte er das Image des BSO, betrieb eine offensive Öffentlichkeitsarbeit und suchte mit neuen Angeboten ein jüngeres Publikum für die BSO-Konzerte zu gewinnen. Auf seine Initiative geht auch der Konzertbus zurück, mit dem das Publikum aus der Region abgeholt wird. Weiter verfügt Gawriloff, der vor seiner Karriere als Musikmanager Soloklarinettist war, über ein grosses Beziehungsnetz – mit Mario Venzago wurde denn auch sein Wunschkandidat Nachfolger von Chefdirigent Andrej Boreyko.
Gemischte Gefühle beim Orchester
Seine künstlerische Handschrift wird aber erst seit dieser Saison sichtbar: Die Programme seiner ersten beiden Saisons wurden noch von seiner Vorgängerin Marianne Käch gestaltet. «Bis jetzt ist es eine ziemlich erfolgreiche Spielzeit», sagt Daniel Schädeli, Vertreter des Orchesters. «Viele Konzerte waren ausverkauft.» Auch die Stimmung im Orchester sei unter Gawriloff gut. «Das Verhältnis ist harmonisch, und das ist nicht bei jedem BSO-Direktor so gewesen.» So habe das Orchester mit «gemischten Gefühlen» auf den Abgang reagiert, der Entscheid sei aber nachvollziehbar. «Nun sind wir aber sehr gespannt, wie es weitergeht.»
Wann genau Gawriloff seine Funktion als Direktor abgeben wird – dazu kann auch Jaquet keine Angaben machen. Unklar sind weiter auch die Modalitäten des Abgangs. Der Direktor hat einen Vertrag mit sechs Monaten Kündigungsfrist. Man sei derzeit in Verhandlungen über die Bedingungen der Vertragsauflösung, sagte Jaquet. Ob der Direktor möglicherweise noch eine Abfindung bekomme, könne er zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Klar sei aber, dass die Stelle ausgeschrieben werde.
Die Tatsache, dass sowohl Marc Adam als Intendant des Stadttheaters als auch Matthias Gawriloff als Direktor des BSO ihre Leitungsfunktionen abgäben, «vereinfacht die Situation im Hinblick auf die Zusammenführung der beiden Institutionen schon», räumte Guy Jaquet ein. «Man kann sich vorstellen, dass in der neuen Institution ein Direktor Marc Adam beim Symphonieorchester nicht auf Gegenliebe gestossen und umgekehrt ein Direktor Matthias Gawriloff beim Stadttheater skeptisch beurteilt worden wäre.» (Der Bund)
Erstellt: 26.01.2011, 10:32 Uhr
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1 Kommentar
Mit Herrn Gawriloff verliert Bern eine grossartige Persönlichkeit, welche es fertig gebracht hätte, in Kürze den Konzertsaal wieder zu füllen. Und dass man ihn einfach so ziehen lässt, ist eine reine Katastrophe für das Berner Kulturleben. Wurde Herr Gawriloff bei Stellenantritt hinreichend über die Fusionspläne informiert? Oder hat man ihn diesbezüglich im Unklaren gelassen? Antworten
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