Kultur

«Man muss den Ton zuerst denken, bevor man ihn singen kann»

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 15.12.2010 1 Kommentar

Der Star-Bariton Thomas Hampson gibt gerne den Bösewicht. Derzeit in Verdis «I masnadieri» im Zürcher Opernhaus.

«Das Böse ist in Schönheit und Strahlkraft eingebunden»: Thomas Hampson als Francesco in der aktuellen Zürcher Inszenierung von «I masnadieri».

«Das Böse ist in Schönheit und Strahlkraft eingebunden»: Thomas Hampson als Francesco in der aktuellen Zürcher Inszenierung von «I masnadieri».
Bild: Tom Kawara

Thomas Hampson

Amerikanischer Bariton

Thomas Hampson, 1955 geboren und in Spokane (Washington) aufgewachsen, hat neben dem Jus- auch ein Gesangsstudium absolviert. Der vielseitige, 1,95 m grosse Bariton gehört zu den wichtigsten Interpreten des deutschen romantischen Liedes. Er ist Ehrenmitglied der Royal Academy of Music und wurde unter anderem mit dem Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres ausgezeichnet. 2003 rief er die Hampson Foundation ins Leben, die Forschungsprojekte, Symposien und Meisterkurse im Zusammenhang mit dem amerikanischen Kunstlied, dem Song of America, unterstützt und veranstaltet. Im Januar 2011 erscheint seine Interpretation von Mahlers «Des Knaben Wunderhorn» auf CD. Hampson ist Initiant und Künstlerischer Leiter der 1. Heidelberg Lied Academy (16.–27. März 2011). Er ist verheiratet und lebt in New York und in Zürich.(mks)

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«I masnadieri»

Nächste Aufführungen von Verdis «I masnadieri» im Zürcher Opernhaus: 15., 19., 22., 26. 12. Am 28. 12. singt Hampson in der Zürcher Tonhalle spätromantische Arien.

Stichworte

Verdis Oper «I masnadieri» am Opernhaus ist kein Weihnachtsspiel. Da wird gemordet, betrogen, intrigiert. Macht der kleine Anachronismus zur Adventszeit Spass?
Theater ist Theater, unabhängig von der Jahreszeit. Ich werde öfter gefragt, ob es Spass mache, den Bösewicht zu spielen, etwa wenn ich den Don Giovanni singe. Nein, mit Spass hat das nichts zu tun. Ich würde eher sagen mit Erfüllung. Es erfüllt mich, eine Rolle zu verkörpern, und wenn sie viele Facetten hat, interessiert sie mich besonders. Verdi versteht es, das Dunkle und Verdorbene in vielen Nuancen in der Musik abzubilden.

In einigen Kritiken hiess es, Sie seien als Francesco zu wenig böse.
Verdi erfindet eine schöne Melodie nach der anderen. Das Böse ist in Schönheit und Strahlkraft eingebunden. Das mag irritieren. So hat eine Figur, auch wenn sie abgrundtief schlecht ist, immer auch diese helle, leuchtende Seite. Aber ich will mich nicht rechtfertigen. Das Stück hat dramaturgische Schwächen, die bereits in Schillers «Die Räuber» vorkommen. Die Geschichte springt vor und zurück, von einer Person zur andern. So wird es schwierig, die Entwicklung einer Person zu verfolgen. Man hat bei Francesco zuweilen das Gefühl, dass es sich am Anfang und am Schluss um zwei verschiedene Personen handelt. Bei der Premierenfeier kam ein Schauspieler zu mir, der den Franz auf der Theaterbühne gespielt hatte. Er empfand das so wie ich.

Denken Sie an die Kritiker,wenn Sie singen?
Beim Singen denke ich nur an die Person, die ich darstelle. Auch nicht an das Publikum und sehr wenig an die Partner, mit denen ich auf der Bühne stehe.

Macht es keinen Unterschied, ob Sie mit Anna Netrebko oder Renée Fleming singen?
Und wie! Nehmen wir die Violetta aus der «Traviata». Auch wenn die Noten gleich sind, die Anna oder Renée singen, so haben sie trotzdem einen eigenen Zugang zu der Rolle. Das wirkt sich auf das Timing aus. Darauf muss ich mich einstellen können. Deshalb sind Proben so wichtig. Im Konzert ist es nicht anders. Auf ein Publikum einzusingen mit dem Ziel, Zustimmung zu erhalten, macht nur nervös. Und es lenkt ab von der eigentlichen Aufgabe: Als Sänger bin ich ein Diener an der Musik, nicht ihr Schöpfer.

Ist ein Opernabend anstrengender als ein Konzertabend?
Anstrengend? Das ist ein seltsames Wort. Wir Sänger wachen leider nicht auf in der Früh und beginnen zu zwitschern! Alles ist anstrengend. Konzert, Oper, Liederabend. Singen ist eine Aufgabe, eine Disziplin.

Aber im Konzert gibt es keine Rolle zu entwickeln. Da können Sie ein Lied ans andere reihen.
Das stimmt, es ist eine andere Herausforderung, eine Rolle über drei, vier Stunden zu entwickeln, als an einem Arienabend eine Reihe von «Snapshots» abzuliefern. Ich liebe beides. Alle diese vollblütigen Gipfelstücke, die ich im Konzertsaal singe, habe ich ja auch auf der Opernbühne schon gespielt. Das Publikum spürt das. Auch wenn es lediglich eine einzelne Arie ist, sind der Kontext und die Atmosphäre einer Oper wieder da.

Sie haben als Bariton bei der Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf studiert. Wie funktioniert das?
Man muss zwischen Gesangstyp und Gesangstechnik unterscheiden. Ich habe von ihr sehr viel gelernt, was technische und praktische Fragen betrifft. Von einer Sängerin mit ihrer Bühnenerfahrung kann man viel profitieren.

Zum Beispiel?
Wie man sein Repertoire pflegt, wie man im Gesang mit der Wortformulierung umgeht. Solche Analysen und Erfahrungen gehören uns allen, auch wenn jeder Sänger für sich entscheiden muss, was er damit anfängt. Von meinem Hauptlehrer, dem Gesangspädagogen Horst Günter, habe ich das innere Hören und die Vorstellungskraft beim Singen gelernt. Man muss einen Ton zuerst denken, bevor man ihn singen kann.

In welche Geheimnisse werden Sie Ihre Studenten an der Heidelberg Lied Academy einweihen, die Sie im März 2011 ins Leben rufen?
In den letzten Jahren habe ich dort immer wieder Meisterkurse gegeben. Mittlerweile gehöre ich zur Festivalplanung. Meine Idee war es, einen Festivalcampus aufzubauen. Einen Wettbewerb möchte ich nicht betreuen. Im Liedfach steht für mich der Dialog zwischen der Sprache des Dichters und jener des Komponisten im Zentrum. Wir werden herausfinden, wie man als Liedsänger psychologische Entwicklung darstellt. Und ich werde zeigen, dass man als Sänger Gefühle zuerst selber erleben muss, bevor man sie auf das Publikum übertragen kann.

Sie sind Amerikaner. Woher kommt Ihre Affinität zum deutschen Lied, zum europäischen Kulturraum?
Der Wunsch, meine Lehr- und Wanderjahre in Europa zu machen, kam daher, dass ich die Wurzeln der Lieder und Opern, die ich singe, kennen lernen wollte. In den 80er-Jahren bekam ich ein erstes Engagement in Düsseldorf. Seither pendle ich zwischen Amerika, Europa und dem Rest der Welt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2010, 08:16 Uhr

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1 Kommentar

andreas furrer

16.12.2010, 21:54 Uhr
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eumerika und "der rest der welt". folklore pur (oder was meinen sie thomas hampson?) Antworten



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