Luxuriöse Bedingungen für zeitgenössische Klänge
Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 30.08.2010 1 Kommentar
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Ein Weltklasse-Orchester bindet neue, von einer Pharma-Firma finanzierte Musik ganz selbstverständlich in seine Programme ein. Oder: Junge, motivierte Musiker und Musikerinnen haben genügend Probenzeit, um mit einem jung gebliebenen, motivierten Altmeister eine Uraufführung einzustudieren.
Das ist Luxus, wie er beim Lucerne Festival im Zusammenhang mit Neuer Musik gern und geschickt betrieben wird, wie ihn auch die Sponsoren und ein beachtliches Publikum mögen.
Debussy-Hosokawa-Strauss lautete also die Programmfolge des Cleveland Orchestra am Samstag, und sie erwies sich als überaus stimmig. Schon im «Prélude à l’après-midi d’un faune» spielte der Klang die Hauptrolle, in Toshio Hosokawas im Rahmen der Roche Commissions entstandenen «Woven Dreams» erst recht. Und wenn Franz Welser-Möst bereits bei Debussy jede Schwüle vermied, so liess er auch bei Hosokawa keinen Kitschverdacht aufkommen.
Wie schwirrende Insekten
Dass dem Werk ein Traum von der Geborgenheit im Mutterleib zugrunde liegt, vergass man rasch, ebenso wie die Tatsache, dass die Form (von der Stille in die Stille) nicht eben neu ist.
Es gab genug Spannendes zu hören in dieser Musik, die aus einem leisen Ton herauswächst, der sich verfärbt, verschiebt, von imaginären Insekten umschwirrt wird. Westliche und östliche Traditionen verbinden sich dabei zu einem Stil, der mit Crossover nichts zu tun hat, aber umso mehr mit einer stupenden Klangfantasie und der Fähigkeit, selbst in den bewegtesten Momenten eine tiefe Ruhe zu vermitteln.
Damit wurde Hosokawas Werk zum Gegenpol zu einer anderen Uraufführung: jener von Dieter Ammans «Turn», das selbst in den ruhigen Passagen untergründig vibriert.
Das Stück vervollständigt ein Tryptichon, das den diesjährigen Composer in Residence (TA vom 17. 8.) seit zehn Jahren beschäftigt; am vergangenen Mittwoch wurde es von der Lucerne Festival Academy unter Pierre Boulez aus der Taufe gehoben.
Schnaufende Flöten
Es ist eine sehr physische Musik, die einen bei aller Komplexität sofort anspringt, mitzieht, überrollt (dass auch die Geigen zuweilen überrollt werden vom Schlagwerk, gehört dazu). So schlüssig der Formverlauf ist, so wenig folgt er einem voraussehbaren Schema.
Dass Ammann etwas anzufangen weiss mit einem grossen Orchester, wird rasch klar – darin trifft er sich dann wieder mit Hosokawa. Immer wieder verblüffen Klänge und Gesten, die man so noch nicht gehört hat: ein orientalisierendes Schnaufen der Flöten im ersten Triptychon-Teil «Core» etwa, oder das geradezu industrielle Pulsieren im abschliessenden «Boost», oder die lauernde Stimmung zu Beginn von «Turn». Man mochte an einen surrealen Film denken bei dieser Musik, oder man konnte ihre Wurzeln im übrigen Programm verfolgen: bei der Konsequenz von Weberns op. 30 ebenso wie in Skrjabins «Poème de l’extase». Die Academy gestaltete das alles klar, unverschwitzt, ohne aufgesetzte Emphase. Denn Boulez vertraut (wie auch Welser-Möst) den Werken: dass sie, wenn man sie präzis spielt, ihre Wirkung entfalten. Auch das ist Luxus.
Übrigens beschränkt sich das Lucerne Festival bei seinen Bemühungen um die Moderne auch dieses Jahr nicht auf die glamourösen Uraufführungen im grossen KKL-Saal. Die vielerorts nach wie vor gefürchteten Werke des Schönberg-Kreises sind in den Sinfoniekonzerten angekommen.
Und am 11./12. September gibt es erstmals ein prallvolles Schweizer-Uraufführungs-Wochenende, das gleichzeitig das Tonkünstlerfest ist. Dieter Ammann wird man dort erneut begegnen – wenn er im Luzerner Südpol auf Trompete, E-Bass und Synthesizer improvisiert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.08.2010, 08:10 Uhr
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