Jetzt spielt sie halt die zweite Geige
Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 28.04.2010
Eine Frau mit Nerven: Patricia Kopatchinskaja.
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Patricia Kopatchinskaja ist bereits wieder auf Reisen. Heute Abend spielt sie in Dornbirn, dann folgen Konzerte in Stuttgart und im Amsterdamer Concertgebouw. Die wertvolle Guarneri del Gesù, die ihr die österreichische Nationalbank als Leihgabe überlassen hat, hat sie nicht dabei: Das Instrument wird verwahrt, seit die Geigerin am vergangenen Samstag bei der Einreise in die Schweiz festgehalten worden ist.
Reisen mit Instrumenten ist nicht einfach. In den USA etwa sind die Einfuhrbestimmungen so kompliziert, dass manche Orchester auf Tourneen verzichten. Patricia Kopatchinskaja kennt die Regeln, und sie nimmt die Reiserei so leicht es geht. Es gibt ein Foto von ihr, wie sie im Flughafen von Istanbul übt (nicht auf der Guarneri!). Es kann dann vorkommen, dass jemand den Geigenkasten sucht, um dort eine Münze zu deponieren, und sie amüsiert sich darüber.
Die Österreicher wundern sich
Dass man mit einer Guarneri anders umgehen muss als mit einem anderen Instrument, war ihr klar. Bei der feierlichen Übergabe der Geige in Wien am 8. April bekam sie einen ganzen Packen Dokumente mit der Empfehlung, diese immer bei sich zu haben. Die österreichische Nationalbank verleiht seit zwanzig Jahren Meisterinstrumente an Musiker; man weiss dort, wie es läuft. Nur hat niemand damit gerechnet, dass die Situation eine andere ist, wenn die österreichische Musikerin in einem anderen Land lebt. Patricia Kopatchinskaja ist in Bern gemeldet - und deshalb wäre in der Schweiz ein Einfuhrzoll fällig geworden. Das hat sie nicht gewusst, die Bank hat es nicht gewusst, und die Zöllner haben sie nicht eben sanft auf den Fehler aufmerksam gemacht. Inzwischen läuft ein Strafantrag gegen die Geigerin; die österreichische Presse wundert sich über die helvetischen Behörden; und die Botschaft in Bern, das Konsulat in Zürich und das österreichische Aussenministerium befassen sich mit dem Fall.
Patricia Kopatchinskaja hat schon manche Schwierigkeiten durchgestanden. Aufgewachsen ist sie in einem moldawischen Dorf. Ihr Vater spielte Cymbalom, eine Art Hackbrett; die Mutter, eine Geigerin, hatte «aus Liebe» (Kopatchinskaja) ebenfalls zur Folklore gewechselt. 1989 emigrierte die Familie nach Wien, «mit drei Koffern und einem Hund». Sie war damals 12 Jahre alt, und die erste Zeit in der neuen Stadt war nicht lustig. Der Vater übernahm Gelegenheitsjobs, man lebte in einem Keller und deponierte die Fingerabdrücke auf allen möglichen Ämtern.
Später, mit 21 Jahren, bekam Patricia Kopatchinskaja ein Stipendium, um in Bern zu studieren. Und schon bald machte sie auf sich aufmerksam: als aussergewöhnlich temperamentvolle, eigenwillige, zuweilen geradezu kratzbürstige, aber gleichzeitig enorm sensible Musikerin. 2002 wurde sie mit dem Credit Suisse Young Artists Award ausgezeichnet - das war der grosse Durchbruch. Inzwischen spielt sie mit vielen bedeutenden Orchestern und Dirigenten (ihre Aufnahme von Beethovens Violinkonzert unter Philippe Herreweghe hat soeben den BBC-Music-Magazine-Award erhalten). Sie ist aber auch eine ebenso grandiose wie begeisterte Kammermusikerin; in Zürich war das im vergangenen Jahr unter anderem in einem Gesprächskonzert im Kaufleuten zu erleben. Was von ihr in Zukunft zu erwarten sei, wurde sie damals von einem Zuschauer gefragt. «Alles!» war die Antwort. Mit Schlagzeilen wie denen, die jetzt über sie zu lesen sind, hat sie aber zweifellos nicht gerechnet. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.04.2010, 07:21 Uhr
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