«Ich schäme, schäme, schäme mich!»

Aktualisiert am 18.08.2010

Ein international bekannter Pianist hat in der Türkei mit einem Facebook-Eintrag über angeblich kulturlose Schnulzenmusik eine gehässige Debatte mit hochpolitischen Untertönen losgetreten.

«Sieben von zehn Tönen nicht getroffen»: Say über Kollegin Aksu.

«Sieben von zehn Tönen nicht getroffen»: Say über Kollegin Aksu.

Die Arabesk-Musik mit ihren oft sentimentalen und orientalisch angehauchten Liedern über Herz, Schmerz, Trennung und Heimweh sei eine «Last für Intellektualität, Modernität, Führungskraft und Kunst», schrieb Fazil Say auf seiner Facebook-Seite.

Das Genre verbindet er mit Begriffen wie «Nahost», «Faulheit», «unethisch» und «Unfähigkeit». «Ich schäme, schäme, schäme mich für das Arabesk-Proletentum beim türkischen Volk», erklärte Say. In einem Zeitungsinterview legte der 40-Jährige wenig später nach.

Arabesk stehe für einen «Geist des Niedergangs», sagte er. Zu der populären Sängerin Sezen Aksu merkte er an, sie habe bei einem gemeinsamen Auftritt sieben von zehn Tönen nicht getroffen.

Es gehe ihm nicht um eine spezielle Sentimentalität der Musik, sondern um schlicht schlechten Gesang: «Wir machen Musik, wir kochen hier keine Auberginen.» Die gesellschaftspolitische Dimension des Streits ist dem Pianisten jedoch sehr wohl bewusst.

Zeitungen greifen Kontroverse auf

Es sei eine Lüge, wenn behauptet werde, Arabesk verbinde Ost und West, sagte er: «Ich kenne keinen Westler, der Arabesk hört.» Mit «Westler» sind die Angehörigen der alten, säkulär-kemalistischen Elite der Türkei gemeint, der die aufstrebende anatolische Mittelschicht ihre angestammte Führungsposition streitig macht.

Millionen von Landflüchtlingen, die in den vergangenen Jahrzehnten aus dem Osten in die Westtürkei wanderten, lieben die sentimentale Arabesk-Musik. Deren Vertreter wehren sich gegen die Vorwürfe Says. «Der muss in Behandlung», giftete die Sängerin Hülya Avsar.

«Schade, ich dachte Sie seien ein Musiker», erklärte Isin Karaca, die ein Album mit dem Titel «Arabesque» auf den Markt gebracht hat. Auch Zeitungskommentatoren schossen scharf. Der Pianist setze die ganze Arabesk-Kultur sowie die Macher und Hörer dieser Musik herab, schrieb die Kolumnistin Rengin Soysal in der Zeitung «Taraf».

Andere Kommentatoren nannten Say gleich einen Faschisten. Dagegen schrieb der Kolumnist Hincal Uluc in «Sabah», die Kritiker von Say regten sich nur deshalb so auf, weil der Pianist ein überzeugter Anhänger von Mustafa Kemal Atatürk sei und sie über Say den säkulären Staatsgründer attackieren könnten.

Alter Zwist: Kemalisten vs. AKP

Die Kemalisten sehen sich selbst als Hüter des Atatürk'schen Lebenswerks und haben die Anatolier im Verdacht, Atatürks Republik islamischer oder orientalischer machen zu wollen.

Ihr Problem ist, dass sie den immer selbstbewusster werdenden Anatoliern zahlenmässig weit unterlegen sind; die religiös- konservative Regierungspartei AKP von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als Anführerin der neuen fromm-konservativen Mittelschicht war an der Wahlurne bisher nicht zu besiegen.

Am Führungsanspruch der Kemalisten ändert das nichts. Als Arroganz will Say, der sich bereits mehrmals öffentlich mit der AKP- Regierung angelegt hat, seine Arabesk-Kritik dennoch nicht verstanden wissen. Er selbst stamme aus kleinen Verhältnissen, sagte er der Zeitung «Habertürk».

Zu Hause höre er nicht nur Klassik, sondern auch Sting und Björk. Auf einige seiner Kritiker angesprochen, setzte Say dann aber hinzu, solche Leute könnten mit ihm nicht über Musik reden: «Man sollte schon Respekt vor den Fachleuten haben.» (phz/sda)

Erstellt: 18.08.2010, 10:43 Uhr

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