Kultur

Hummeln auf Speed

Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 26.04.2012 5 Kommentare

Es ist Frühling, die Hummeln fliegen. In Konzertsälen und auf Youtube tun sie es das ganze Jahr: Im «Hummelflug», im grössten Hit von Nikolai Rimski-Korsakow.

Bild: Felix Schaad, Tages-Anzeiger

Ben Lees Weltrekord (Videos: Youtube)

Lang Langs Version auf dem iPad

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Wenn ein Insekt hinter Donald Duck her ist, dann hört man den «Hummelflug». Als der psychisch angeschlagene Pianist David Helfgott beweisen wollte, dass er noch Klavier spielen konnte, tat er das mit dem «Hummelflug». Und wenn drei Trompeter (oder vier Cellisten, oder fünf E-Gitarristen) ihre zirkustaugliche Synchronvirtuosität vorführen wollen, dann spielen sie, selbstverständlich, den «Hummelflug»: jenes Stück, das rekordverdächtige 101 Takte lang praktisch nur aus Sechzehntelnoten besteht und das zu den allerberühmtesten der Musikgeschichte gehört.

Manchmal, ganz selten, ist es auch in einem Opernhaus zu hören. Denn aus einer Oper stammt es ursprünglich: aus Nikolai Rimski-Korsakows «Das Märchen des Zaren Saltan», 1899 entstanden nach einer Verserzählung von Puschkin. Es geht darin um einen Zaren, der nach einer bösen Intrige seine Frau und seinen neugeborenen Sohn in einer Tonne ins Meer werfen lässt. Aber die beiden sterben nicht, sondern landen auf der Insel Bujan. Und Prinz Gwidon, der auf der Fahrt in wundersamem Tempo vom Baby zum Jüngling herangewachsen ist, befreit die Insel von einem bösen Zauberer, der in Gestalt eines Geiers hinter einem Schwan her ist, der sich dann als Prinzessin entpuppt, die natürlich mit Gwidon glücklich wird.

Vom Komponisten unterschätzt

Man sieht: Auch neben der Hummel sind Tiere gut vertreten in dieser Märchenoper (Eichhörnchen kommen auch noch vor). Wobei die Hummel selbst eigentlich gar kein Tier ist, sondern der verzauberte Prinz Gwidon, der zurück ins Zarenreich fliegt, um die bösen Intrigantinnen zu stechen. Er tut es im dritten von vier Akten, und der «Hummelflug» ist eine jener instrumentalen Ein- und Überleitungen, mit denen Rimski-Korsakow sein Flair für fantasievoll orchestrierte Klangmalereien unter Beweis stellte.

Rimski-Korsakow war stolz auf diese Stücke. In seiner «Chronik meines musikalischen Lebens» lobte er sich selbst für die Idee, die Akte mit Fanfaren zu eröffnen – das sei «für ein Märchen ein neuer und gut angebrachter Handgriff», meinte er. Allerdings scheint er ausgerechnet den «Hummelflug» unterschätzt zu haben – jedenfalls nahm er ihn nicht in jene Orchestersuite auf, die schon vor der ganzen Oper «sehr gefiel».

Auch Nichtspezialisten erkennen hier: Dafür brauchts beängstigend flinke Finger

Auch die Oper selbst war in der Uraufführung am Moskauer Solodownikow-Theater «so gut, wie man es von einem Privattheater verlangen konnte», wie der Komponist schrieb. «Der Erfolg war gross. Mir wurden mehrere Ehrengaben überreicht.»

Inzwischen dürften die Ehrengaben verstaubt sein – aber der «Hummelflug» (be-)sticht nach wie vor, in allen möglichen Versionen. Was macht den Reiz dieses Stücks aus? Vielleicht, dass es sich wie ein musikalisches Abziehbildchen überall dorthin kleben lässt, wo es um Tempo oder Hektik oder Aggressivität oder Insekten geht. Oder die Tatsache, dass es auf eine Weise virtuos ist, dass auch Nichtspezialisten sofort erkennen: Doch, dafür brauchts beängstigend flinke Finger.

Und jetzt das Ganze rückwärts

«He once fingered a girl . . . she died», heisst es denn auch als Kommentar zum Youtube-«Hummelflug» eines Pianisten. Es gibt viele solche Youtube-Filmchen, und die Bemerkungen dazu sind auffallend geistreich (etwa auch diese: «Asian Dad: Good, now play it backwards»). Das passt, denn auch das Stück selbst ist geistreich – und auf jeden Fall weit mehr als eine Fingerübung.

Es braucht schon einiges an kompositorischer Raffinesse, um aus einer fast endlos langen Reihe von schnellen Noten ein Stück zu schaffen, das einerseits das Summen einer Hummel evoziert – und gleichzeitig aus der Geräuschimitation eine sinnvoll strukturierte Musik macht. Der Komponist Rimski-Korsakow schaffte das unter anderem dank seiner Orchestrierungskünste: Die Sechzehntelketten laufen im Original durch verschiedene Instrumente, was auch für eine insektengemässe räumliche Wirkung sorgt.

Wohl der einzige Opernhit in der digitalen Welt

Dass das Stück auch als Solonummer nicht formlos wirkt, hat mit dem Wechsel von chromatischen und akkordischen Passagen zu tun. Ob auf dem Klavier oder auf der Panflöte, ob in einer mit kräftigen Schlägen untermalten Metalversion, als Untermalung einer filmischen «Kill Bill»-Szene oder als Handyklingelton: Es verliert seinen Charakter nicht (oder höchstens ein bisschen). Es verliert ihn selbst dann nicht wirklich, wenn man das Tempo verdreifacht. Auch deshalb ist es 113 Jahre nach seiner Entstehung immer noch aktuell: Es passt perfekt zum heutigen Zeitgeist des Je-schneller-desto-besser. Während etwa das Scherzo aus Schumanns 2. Sinfonie, das ebenfalls über weite Strecken aus Sechzehnteln besteht, bei einem Temporekordversuch jeglichen Reiz verliert, liegt der Charme des «Hummelflugs» eben nicht zuletzt darin, dass er solche Rekordversuche zulässt. Hummeln auf Speed sind immer noch Hummeln.

Seit Jahren sind vor allem Geiger daran, das Tempo immer weiter zu steigern. Der aktuelle Rekord von Ben Lee, eingetragen im «Guinnessbuch der Rekorde» 2011, liegt bei 58,515 Sekunden (eine traditionelle Orchesterversion dauert gut 3 Minuten). Lee spielt auf einer E-Geige, denn seine Musik ist eigentlich der Elektrorock, aber das macht nichts. Wenn es ausschliesslich ums Tempo geht, dann braucht es keine Erfahrung mit dem klassischen Geigenrepertoire. Der Rekord ist eine Angelegenheit der Stoppuhr, nicht der Ästhetik. Märchenhaft klingt der «Hummelflug» so zwar nicht mehr; aber das tat er ja schon in der Klavierbearbeitung von Rachmaninow kaum noch (auch sie eignet sich gut für Rekorde). Dafür hat das Stück wohl als einziger Opernhit den Sprung nicht nur in die Populärkultur, sondern auch in die digitale Welt geschafft.

Chuck Norris kanns mit dem Bart

Natürlich war es der technikbegeisterte Pianist Lang Lang, der es als Erster auf einem iPad aufführte (als Zugabe, in San Francisco). Und die Webgemeinde ehrt es sogar mit einem jener Chuck-Norris-Witze, mit denen sie die geradezu übermenschlichen Fähigkeiten des Action-Schauspielers persifliert. Er geht so: «Chuck Norris kann den ‹Hummelflug› auf einem klassischen Triangel spielen. Mit seinem Bart.» Da bleibt nur noch abzuwarten, wie lange es dauert, bis irgendeiner das tatsächlich schafft. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2012, 13:13 Uhr

5

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

5 Kommentare

Thomas Läubli

26.04.2012, 20:18 Uhr
Melden 4 Empfehlung 0

Was soll dieser Artikel? Dass Youtube Beschäftigungstherapie für Langeweiler ist, ist hinreichend bekannt. Aus langweiligen Beobachtungen noch einen ganzseitigen Artikel zu machen, ist dagegen peinlich. Klassik hat mehr zu bieten als irgendwelche belanglosen Belustigungen. Antworten


Rolf Müller

27.04.2012, 04:22 Uhr
Melden 3 Empfehlung 0

Doch, ganz witzig, warum auch nicht, Klassik mal so. Andererseits findet sich offenbar nicht genügend Platz für eine Kritik der Fürst Igor - Premiere vor kurzem am Opernhaus. Dafür sind dann irgendwelche von irgendwelchen Agenturen stammende nicht besonders interessante Infos wochenlang aufgelistet.
@Lukas Huwiler - von solchen Vergleichen darf man nicht mal träumen, leider.
Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre