Gesungene Leidenschaft in Ruinenromantik

Von Arne Stollberg. Aktualisiert am 05.07.2010

Für Belcanto-Fans und solche, die es werden wollen, lässt Donizettis «Lucia di Lammermoor» am Opernfestival Avenches musikalisch nichts zu wünschen übrig: Gesungen wird hervorragend. Die Inszenierung bleibt konventionell.

Elena Mosuc als Lucia (links).

Elena Mosuc als Lucia (links).

Stichworte

Avenches

Weitere Aufführungen am 7., 9., 10., 14. und 16. Juli. Tickets unter www.avenches.ch oder Tel. 026 676 99 22 oder E-Mail: info@avenches.ch

«Welch schreckliche Nacht»: So singt Edgardo di Ravenswood am Beginn des dritten Aktes, während sich um ihn herum ein heftiger Gewittersturm entlädt. Doch Gott sei Dank finden Blitz und Donner nur in der Musik statt – und in den Projektionen, die Alfredo Troisi auf die Aussenwand des Turmes im Hintergrund der Bühne fallen lässt. Ansonsten zeigt sich das Wetter am Premierenabend von seiner besten hochsommerlichen Seite, sodass die zauberhafte Atmosphäre des Amphitheaters in Avenches voll zur Geltung kommen kann.

Kein ganz passendes Ambiente, so möchte man zunächst meinen, für eine schauerlich-schicksalsschwere Geschichte aus dem nebelverhangenen Schottland des 16. Jahrhunderts, das bei Regisseur Pier Francesco Maestrini freilich – in Übereinstimmung mit der literarischen Vorlage, Walter Scotts Roman «The Bride of Lammermoor» (1819) – zu einem Schottland des frühen 18. Jahrhunderts geworden ist: Lucia und Edgardo, Angehörige der verfeindeten Adelsfamilien Ashton und Ravenswood, sind einander in leidenschaftlicher Liebe zugetan. Doch der Bruder Lucias, Enrico Ashton, möchte, dass seine Schwester den reichen Lord Bucklaw heiratet, da nur auf diese Weise der gefährdete Familienbesitz gerettet werden kann.

Mit den obligatorischen Intrigen, bei denen abgefangene und gefälschte Briefe nicht fehlen dürfen, gelingt es Enrico, Lucia von der vermeintlichen Untreue Edgardos zu überzeugen und sie in die Ehe mit Lord Bucklaw einwilligen zu lassen. Dies wiederum bringt den in das Hochzeitsfest hineinplatzenden Edgardo dazu, Lucia das Zeichen ihrer gegenseitigen Liebe, den Verlobungsring, zornig vor die Füsse zu werfen. Lucias Geist ist der Anspannung nicht länger gewachsen: Sie tötet Lord Bucklaw, den ungeliebten Ehemann, verfällt in Wahnsinn – was Anlass gibt zu einer der berühmtesten Opernszenen des 19. Jahrhunderts – und stirbt. Als Edgardo davon erfährt, tötet er sich selbst. Zurück bleibt der Schurke Enrico, allein mit seiner bitteren Reue.

Schottisches Kolorit

In der 1835 geschriebenen Musik Gaetano Donizettis findet sich kein schottisches Kolorit – wohl aber auf der Bühne, die Carlo Savi ganz im Sinne pittoresker Ruinenromantik gestaltet hat, mit Relikten einer gotischen Kirche, knorrigen Baumstämmen, Mauerresten und jenem verfallenen Brunnen, an dem sich, wie Lucia erzählt, immer wieder der Geist einer ermordeten Frau zeigt (in diesen Brunnen wird sich die Titelheldin am Ende mit einem waghalsig anmutenden Sprung hineinstürzen). Die Kostüme, ebenfalls von Carlo Savi, sind schottisch wie aus dem Bilderbuch, selbst an echten Falken mangelt es nicht.

Ab dem zweiten Akt kommen Projektionen auf die Wand des ehemaligen bischöflichen Wohnturmes im Hintergrund der Bühne hinzu, anfangs noch als ein dekoratives Element, das sich dann aber erzählerisch zu verselbstständigen beginnt – mit seiner an die Optik von Computerspielen erinnernden Ästhetik ist dies nicht immer glücklich. Regisseur Pier Francesco Maestrini nutzt die «Spielwiese» des Bühnenbildes für das Gruppieren hübsch anzuschauender Tableaux, besonders in den grossen Chorszenen, und begnügt sich ansonsten mit dem Arrangement von Gängen, Posen und Positionen.

Das Publikum war mit der szenischen Gestaltung zweifellos einverstanden. Doch vernehmliches Gekicher an manchen besonders «ergreifend» inszenierten Stellen liess darauf schliessen, dass diese Art von gänzlich ungebrochener Opernkonvention, die immer Gefahr läuft, zum Klischee ihrer selbst zu werden, für heutige Sehgewohnheiten nicht unproblematisch ist.

Belcanto als Drama

Musikalisch bietet die Produktion höchstes Niveau, besonders was die Besetzung der drei Hauptpartien anbelangt. Elena Mosuc bekam ihre Stimme nach flackernd-nervösem Beginn immer besser in den Griff und blieb der Titelrolle nichts an Virtuosität und Nuancierungskunst schuldig. Gewiss mag man hier vor allem an die Spitzentöne in sphärischen Sopranhöhen denken, ohne die keine Gesangsnummer der Lucia auskommt. Aber auch die zuerst – im Liebesduett mit Edgardo – höchst beseelten, am Ende – in der Wahnsinnsszene – gewissermassen «entseelten» Piani und Pianissimi konnten einem Schauer über den Rücken jagen: Belcanto als Seismograf für die Qualen einer zu Tode gehetzten Psyche.

Nicht weniger intensiv die Charakterisierung des leidenschaftlichen, jedoch ebenso aufbrausenden wie jähzornigen Edgardo durch Gianluca Terranova – ein Tenor mit schöner, hervorragend fokussierter und in der Höhe zunehmend frei werdender Stimme, der die melodischen Bögen auf überzeugende Weise von der Deklamation her gestaltet: Belcanto als dramatischer Ausdruck. Dass der mit kraftvollem Organ ausgestattete Giovanni Meoni als Enrico vergleichsweise eindimensional blieb, ist auch der Rolle zuzuschreiben. Dem Schurken gönnen Donizetti und sein Librettist Salvatore Cammarano nur wenige Zwischentöne, ausser in manchen Passagen des Duetts mit Lucia, bei denen Meoni seine Stimme entsprechend geschmeidig zu führen wusste, während er sich sonst auf ein solides Forte kaprizierte. Zuverlässig, wenn auch nicht ganz auf der Höhe der drei Hauptdarsteller, erledigten die übrigen Mitwirkenden des Ensembles ihre kleineren Aufgaben.

Virtuosität, die berührt

Ein Sonderlob verdient der von Pascal Mayer exzellent vorbereitete und ebenso homogen wie klangschön singende Festivalchor. Pavel Baleff hielt das Geschehen am Pult des präzise agierenden Festivalorchesters mit straffer Hand zusammen und gab den Sängerinnen und Sängern durch elastische Tempogestaltung die nötigen Freiräume, um zu entfalten, was Donizettis Oper ausmacht: einen Gesang, der mit seiner Virtuosität nicht nur zum Staunen bringen, sondern auch berühren und bewegen soll. (Der Bund)

Erstellt: 05.07.2010, 10:41 Uhr

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