Kultur

Er dirigiert alle Klischees weg

Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 04.06.2011

«Enfant terrible» Peter Konwitschny ist da: Der kühne Opernregisseur gibt heute Abend sein Debüt am Zürcher Opernhaus.

«Enfant terrible»: Peter Konwitschny.

«Enfant terrible»: Peter Konwitschny.
Bild: PD

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Es ist die Zeit der späten Debüts am Zürcher Opernhaus: Vor drei Wochen hat sich der 77-jährige Achim Freyer mit Schönbergs «Moses und Aron» erstmals präsentiert. Nun kommt die Premiere von Peter Konwitschny. Der ist zwar erst 66, aber den Titel einer Legende hat er längst verdient. Nicht nur wegen seiner legendären Wutausbrüche während der Proben. Und obwohl die Legende nicht recht passt, zu einem, der so gar nichts hält von historischer Ehrwürdigkeit.

Gegen Konventionen

Man weiss nie, was passiert, wenn Konwitschny inszeniert, aber irgendetwas passiert immer. Für ihn seien seine Darsteller wie Geschwister, hat er einmal gesagt, «wir hecken gemeinsam etwas gegen die Eltern aus, die alles besser wussten und uns mit Verboten terrorisierten».

Die Verbote, das wären in der Oper die Konventionen, die stillschweigenden Übereinkünfte, wie man eine «Lulu» oder einen «Lohengrin» zu sehen hat. Konwitschny geniesst es, gegen solche Klischees anzudirigieren. Skandale nimmt er dabei in Kauf, er provoziert nicht ungern. Letztlich geht es ihm darum, zum Kern der Werke vorzustossen: zur Musik.

«Enfant terrible»

Geboren wurde Konwitschny 1945 als Sohn des Dirigenten Franz Konwitschny und einer Sängerin in Frankfurt am Main, aufgewachsen ist er in Leipzig. Sein musikalisches Talent wurde früh erkannt, er spielte Klavier und wollte Dirigent werden wie sein Vater. Aber dann verliess dieser die Familie, und aus Wut darüber änderte der mittlerweile 13-Jährige seine Zukunftspläne. Er studierte Opernregie in Berlin, wurde Regieassistent am Berliner Ensemble bei der grossen Ruth Berghaus und machte ab den 1980er-Jahren – unter anderem in Basel – mit eigenen Inszenierungen auf sich aufmerksam.

Wenn seither von ihm die Rede ist, fällt schnell der Ausdruck «Enfant terrible», der ja durchaus zu seiner eigenen Vorstellung der Darsteller-Geschwister passt. Tatsächlich liegt etwas Kindliches in seiner Arbeit: in der Art, wie er mit Motiven und Figuren spielt, wie er sie, so unvoreingenommen wie intelligent, ernst nimmt.

Was daraus resultiert, ist nie naiv, oft explosiv, immer parteiisch. Konwitschny nimmt Partei für die Opfer der Opernliteratur, wütet gegen Tyrannen, Sadisten, Opportunisten. Und die Vorstellung, Oper könne ohne Bezug auf heutige gesellschaftliche und politische Vorgänge stattfinden, macht ihn rasend.

Musik hinterfragen

In Zürich zeigt er nun ab heute Janaceks letzte Oper «Aus einem Totenhaus» – ein relativ selten gespieltes Werk, das eigentlich in einem Gefängnis spielt. Konwitschny siedelt es im 44. Stockwerk eines Hochhauses an, weil er dem Publikum die «Sicherheitsdistanz», wie er es nennt, nicht gönnt. Es geht um uns, jetzt, hier, auch diesmal wieder. Und man darf damit rechnen, dass Konwitschny und der Dirigent Ingo Metzmacher, die in Hamburg viele fulminante Produktionen zusammen realisiert haben, auch die Musik nicht nur spielen, sondern hinterfragen. Schliesslich wurde die sparsame Instrumentation der Oper jahrzehntelang als so unvollständig empfunden, dass man sie nur in einer ergänzten Fassung aufführte. Und mit dem Einsatz von rasselnden Ketten hat der Komponist exakt jenen Realismus in die Musik gebracht, der Konwitschny seit jeher interessiert hat.

Premiere heute Samstag, 4. Juni, 19:30 Uhr. Weitere Aufführungen bis zum 1. Juli. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2011, 07:54 Uhr

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