«Ein ganz tüchtiger ausgezeichneter Kerl»

Eine Biografie würdigt den vergessenen Schweizer Komponisten Joachim Raff. Liszt schätzte ihn ebenso wie Mendelssohn – trotz seiner undiplomatischen Art.

Die Biografie lässt Joachim Raff lebendig werden. Das steigert die Neugierde auf seine Musik. Foto: Wikimedia

Die Biografie lässt Joachim Raff lebendig werden. Das steigert die Neugierde auf seine Musik. Foto: Wikimedia

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«Ihr werdet noch von mir lesen, Mutter»: Das hatte Joachim Raff (1822–1882) schon als Knabe prophezeit, und er sollte recht behalten. Er machte eine der glanzvollsten Karrieren, die je einem Schweizer Komponisten gelungen ist. Und wenn er auch schon zu Lebzeiten heftig kritisiert worden ist – für seine Vielschreiberei, seine Besserwisserei, seine schroffe Art –, so war er doch als gewichtige Persönlichkeit an­erkannt.

Aufgewachsen ist Joachim Raff in Lachen am Zürichsee als Sohn eines Lehrers, und schon früh fielen seine Talente auf: die musikalischen, die er weitgehend autodidaktisch entwickelte, wie auch die sprachlichen. Schon als Siebenjähriger hat er lateinische Texte übersetzt, später verdiente er sein erstes Geld als Lateinlehrer in Rappers­wil. Auffallend war auch seine Selbstsicherheit. Als er einmal fast ertrunken wäre im ­Zürichsee, quittierte er seine Rettung mit der Bemerkung, er müsse wohl «zu etwas Tüchtigem aufgehoben sein, sonst hätte Gott mich ja sterben lassen ­können».

«Ziemlich brillante Piècen»

Was dieses «Tüchtige» war: Das ist nun nachzulesen in der reich illustrierten, mit vielen Briefzitaten angereicherten Raff-Biografie von Res Marty. Als Präsident der Raff-Gesellschaft Lachen befasst sich Marty seit langem mit Leben und Werk des Komponisten, ohne dass er dabei seinen kritischen Blick verloren hätte. Warum der Schweizer seinen Zeitgenossen teilweise gehörig auf die Nerven ging, warum er nach seinem Tod bald vergessen wurde: Auch solche ­Fragen beantwortet diese Biografie.

Aber zunächst erzählt sie vom steilen Aufstieg des selbstbewussten Joachim Raff. 1840 schrieb er an den Mainzer Schott-Verlag, er habe «mehrere ziemlich brillante Piècen für das Pianoforte componiert», die er gerne veröffentlichen würde. Und 1843 wandte er sich an Felix Mendelssohn mit der Bitte um ein Gutachten über seine Musik – das positiv ausfiel. Auch andere gewichtige Komponisten setzten sich für Raff ein: Robert Schumann fand in seiner Musik «ein Etwas, was auf eine Zukunft hindeutet», wie er in seiner «Neuen Zeitschrift für Musik» schrieb. Und Franz Liszt verschaffte ihm nicht nur einen Job bei einem Kölner Klavierhersteller, sondern holte ihn 1849 als Assistenten und Sekretär zu sich nach Weimar.

Schon die Liste dieser Förderer weist auf eines der Probleme von Raffs Musik hin: Er hatte sehr unterschiedliche Vorbilder, denen er nacheiferte. Entsprechend zählten ihn weder die «Neudeutschen» noch die «Traditionalisten» zu den Ihren. Raff habe nie eine «Lobby» für sich aufgebaut, schreibt Marty. Und wenn er einen Förderer hatte, machte er es diesem alles andere als leicht, wie das Beispiel Franz Liszt zeigt. 600 Taler Jahresgehalt bezahlte dieser dem von Finanznöten geplagten Raff dafür, dass er ihm seine Werke ins Reine schrieb, beim Orchestrieren half und seine Korrespondenz erledigte. Er schätzte den Schweizer als Komponisten und als «einen ganz tüchtigen ausgezeichneten Kerl», wie er ihm einmal schrieb. Raff empfand die Förderung aber zumindest zeitweise als Bevormundung – und revanchierte sich mit oft schulmeisterlicher Kritik: «Liszt nimmt meinen Tadel mit aller Geduld auf und zeigt, dass er noch etwas lernen will», schrieb er an eine Bekannte. 1856 zog er nach Wiesbaden, auf der Suche nach neuen Perspektiven.

Wagner? Wassersuppe!

Auch mit Richard Wagner legte sich Raff an. Zwar hatte ihn der «Lohengrin» so tief beeindruckt, dass er sich sofort daran machte, seine eigene Oper «König Alfred» umzuarbeiten. Aber das hinderte ihn nicht daran, Wagners Stil in seiner Schrift «Die Wagnerfrage» (1853/54) so kritisch zu analysieren, dass der deutsche Musikbetrieb entsetzt den Atem anhielt. Umso mehr, als Raff, der auch als Musikkritiker gewirkt hatte, überaus anschaulich zu schreiben verstand. Die «Tannhäuser»-Ouvertüre, so befand er zum Beispiel, sei zu vergleichen «mit einer Wassersuppe, auf der ein paar Fettaugen schwimmen». Wagner taxierte Raff umgekehrt als «ungemein trockenen, nüchternen, auf seinen Verstand eingebildeten ­Menschen».

Spröde, derb, nicht sehr einnehmend: So beschrieben Zeitgenossen Joachim Raff. Auf der anderen Seite rühmten sie seine Hilfsbereitschaft, seine Zuverlässigkeit, seinen Humor, seine Korrektheit. Als er 1877 die Leitung des Frankfurter Konservatoriums übernahm, verbot er die Aufführung eigener Werke an der Schule – weil er sich keine Vorteile verschaffen wollte. Und er erwies sich als Vordenker in Sachen Gleichberechtigung: Nicht nur holte er Clara Schumann als Lehrerin nach Frankfurt, er liess auch Frauen zum Kompositionsunterricht zu. Auch bei seiner Tochter Helene legte er Wert auf eine gute Ausbildung; das übliche Programm für «höhere Töchter» hielt er für ungenügend.

Nach Joachim Raffs Tod 1882 fragte die «Schweizerische Musikzeitung» bange: «Wie wird die Nachwelt mit Raff’s Compositionen verfahren? Wir fürchten, nicht gut.» Auch diese Prophe­zeiung traf ein. Zwar setzte insbesondere der renommierte Dirigent und Pianist Hans von Bülow noch regelmässig Werke seines Freundes auf seine Programme, aber danach wurde es still um Joachim Raff.

Erst in letzter Zeit gab es vermehrt Versuche, zumindest einige der Werke wieder in die Konzertsäle zu bringen, und die Bamberger Symphoniker haben Raffs Sinfonien auf CD eingespielt. Verkopftes, Leichtgewichtiges, aber auch echt Inspiriertes ist da zu entdecken. Und Res Martys Biografie hat nicht zuletzt dieses Verdienst: dass sie die Figur Joachim Raff in all ihren Widersprüchen so lebendig werden lässt, dass man tatsächlich neugierig wird auf diese Musik.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.01.2015, 19:55 Uhr

Res Marty
Joachim Raff – Leben und Werk
Verlag MP Bildung, Altendorf 2014. 440 S., ca. 69 Fr.

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