Kultur

Die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Komponieren

In aller Langsamkeit entwickelt er seine hoch konzentrierten Werke: Jetzt ist der Aargauer Dieter Ammann als Composer in Residence in Luzern.

Verdichten und nochmals verdichten ist das Credo von Dieter Ammann.

Verdichten und nochmals verdichten ist das Credo von Dieter Ammann.
Bild: pd

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Ein Gongschlag wischt alles weg. Ganz leise fängt das Solo-Cello wieder an zu singen, spielt rhapsodische Kaskaden, fällt in sanften Gesang. Mit einem Knall fällt das Ensemble ein. Peng! Mit leisem Trotz trällert das Cello eine hüpfende Melodie. Doch schon spielt wieder das Ensemble und erstickt sie regelrecht. Als Letztes bleibt dem Solisten nur noch ein leiser Atemzug, bevor er verstummt.

So endet «Violation», eine Komposition für Solo-Cello und Ensemble. Geschrieben hat sie Dieter Ammann, der diesen Sommer am Lucerne Festival als Composer in Residence zu Gast ist. Ammann reiht sich damit nach Komponistengrössen wie Helmut Lachenmann ein, György Kurtág oder Heinz Holliger. Die Wahl fiel heuer also auf einen Komponisten, dessen Name noch keine ähnlich weiten Kreise gezogen hat. Das mag erstaunen, wie auch, dass Ammann zum ersten Konzert am Festival nicht eine Uraufführung spielen lässt, sondern das 12-jährige «Violation» sowie «pRESTO sOSTINATO» (2005/06).

Auf kleiner Bühne zu Hause

Der Aargauer mag ihn nicht, den Kult um Uraufführungen, um Personen und um wichtige Konzertsäle. Er sei nie in Donaueschingen oder Darmstadt gewesen, den beiden grossen Festivals für Neue Musik. «Ich war in Zofingen», erklärt er selbstironisch. Unter dem Schirm der Aargauer Kleinstadt hat sich Dieter Ammann einen aufrichtigen und sozusagen medien-unwirksamen Auftritt bewahrt: Zum Interview kommt er im T-Shirt ins Bahnhofsbuffet Olten.

Ob es um sein kompositorisches Vorgehen oder sein ästhetisches Credo geht, seinen verstauchten Fuss oder seine Frau – alles kann bei ihm zum Thema werden. Sobald das Gespräch aber ums Komponieren kreist, lässt Ammann auch die Begriffe kreisen. Aber nicht auf der Stelle. Dann bohrt er in die Tiefe, hakt nach, korrigiert; bis er genau auf den Punkt gebracht hat, was er sagen will.

Nur ein Werk pro Jahr

Was für den Gesprächspartner gilt, gilt auch für den Musiker: Die direkte Freude an der Musik, am «Groove», ist eine seiner Seiten. Er lebt sie in seiner FreeFunk-Band aus. Das Grüblerische, das tausendfache Drehen und Wenden, Abwägen und Verwerfen, bis etwas wirklich so ist, wie es sein soll: Das ist seine Arbeitshaltung als Komponist. In der Abgeschiedenheit von Zofingen, fern vom Uraufführungshype, hat sich Ammann für seine Kompositionen «so lange Zeit genommen, wie es halt braucht». Und das ist lang. Jahr für Jahr ist es in etwa ein Werk, das er fertigstellt.

Blitzkarrieren sehen anders aus. 1962 geboren, musizierte Dieter Ammann schon als Kind. Nach der Matura entschied er sich für ein Studium der Schulmusik in Luzern und besuchte gleichzeitig einige Semester die Swiss Jazz School. Das Improvisieren, das Spiel nach Gehör fiel ihm leicht, und nach dem Diplom war er mit mehreren Bands unterwegs. Erst später, Anfang dreissig, begann er in Basel auch Komposition und Theorie zu studieren. Und die Entdeckung des Komponierens war gleichzeitig auch die Entdeckung der Langsamkeit.

Bis heute schreibt Dieter Ammann von Hand und auf Papier. Komponieren am Computer? Dem stehe er skeptisch gegenüber, sagt er. Wer mit Copy-Paste arbeite und sich jeden neu komponierten Teil gleich anhören könne, laufe Gefahr, im Trial-and-Error-System zu komponieren. Wer aber jede Note einzeln in die Partitur kritzle, überlege sich alles gründlich. Mit Akribie arbeitet Ammann auch am Klang. So finden sich im Ensemblestück «Presto sostinato» detaillierte Spielanweisungen wie «vertikale, enge Glissandobewegung mit etwas Druck» oder «wenig Tonhöhe mit behauchtem, ‹holzigem› Rauschen».

Die Kleinarbeit zahlt sich aus, wie am Lucerne Festival zu hören ist. Da geht in «Presto sostinato» ein gläserner Anfangsakkord über in ein Flirren des Ensembles – und mittendrin ist ein repetitives, sich verlangsamendes Pochen zu hören. Das Ensemble intercontemporain unter Susanna Mälkki hält das Klanggebilde elegant in der Schwebe. Das Pochen taucht bei anderen Instrumenten auf. Und es bilden sich – messerscharf umrissen – gruppierte Klangtexturen, schliesslich ganze Ballungen. Die Energie bündelt sich, schwillt an, bis plötzlich, mit einem Schlag, das Klanggebäude in sich zusammenfällt.

Aus Respekt für das Publikum

Dieter Ammanns Musik zaubert verschiedenste Farbtöne und spannt sie zugleich zu einem stringenten dramaturgischen Bogen. «Meine Musik soll beides in sich tragen», sagt er, «eine gestaltete Oberfläche, die sich beim Zuhören, also ohne Partituranalyse erschliesst. Darunter versuche ich, Räume zu schaffen, die beim zweiten und dritten Mal Hören immer neu aufscheinen.»

Verdichten, und nochmals verdichten, so das Credo. Ammann begreift dies auch als Geste des Respekts gegenüber seinen Interpreten und Hörern und der neuen Musik. «Das ist die grosse Freiheit, dass man die ureigenste Vorstellung verwirklichen kann. Und es gibt Leute, die das adäquat umsetzen, und ein Publikum, das sich damit auseinandersetzt.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2010, 10:34 Uhr

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7 Kommentare

andreas furrer

11.09.2010, 19:38 Uhr
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mir scheint im moment so eine gewisse wiederherstellung des viktorianismus im schwang (ammann hält auf der foto die notenblätter so, wie die gründerväter die rechte in die weste steckten) und das finde ich plagiativ (es gäbe in diesem zusammenhang - lucerne - eine ganze lawine des plagiatismus; dass nike wagner firmiert ist ja auch schon fast eher ein heiratsgag). Antworten


Thomas Läubli

25.08.2010, 23:20 Uhr
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1. Plagiate haben nichts mit der Art, wie das Musikstück komponiert wurde zu tun. Copy & Paste macht man aber am ehesten am Computer. 2. Mein Handy macht keine Musik, es vibriert bloss: es ist dazu da, um SMS und Anrufe auszutauschen. 3. Der Vergleich von Handy und Bleistift trägt dadaistische Züge wie Ihre Quintenente. Ich nehme Ihre Worte daher nicht mehr ganz ernst. Antworten


andreas furrer

20.08.2010, 23:06 Uhr
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der zweck scheint mir die musik. der bleistift ist ein hilfsmittel (wie jedes andere auch) mit vor - aber auch nachteilen (vieles, was auf dem papier vielversprechend aussieht, entpuppt sich als fades plagiat). das handy bietet einen anderen (direkteren) zugang zur musik (eben den heutigen). ob das besser oder schlechter ist, ist damit nicht gesagt, ja auch völlig irrelevant. Antworten


Thomas Läubli

19.08.2010, 17:35 Uhr
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Die Frage ist nicht, ob jeder ein Handy haben soll, sondern, ob es etwas nützt als Mittel für den Zweck, den man erreichen möchte. Und hier ist der gute, alte Bleistift eben in vielem immer noch überlegen... Antworten


andreas furrer

18.08.2010, 12:45 Uhr
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lieber thomas läubli: beim graphit stach mir der geruch verbrannter elektromotoren in die nase. das "trial&error- system" stammt aus der zeit der quintentenparallelen (also riemann, rieter, reinhart - bzw. des winterthurer stadthauses). unterdessen ist mechanik ein relikt (noch hinterste und letzte bantu hat heute ein handy) doch "composers in residence" schreiben weiterhin mit bleistift. Antworten


Thomas Läubli

17.08.2010, 20:57 Uhr
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@andreas furrer: Ich kann Ihren Kommentar nicht ganz nachvollziehen. zum einen kommt Herr Ammann von der Improvisation her, zum anderen lehnt er Computer-Verfahren ab. Das sind doch zwei Punkte, die nicht gerade für eine "Tonmechanik" sprechen. Antworten


andreas furrer

17.08.2010, 14:32 Uhr
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also nach allem was aus foto und text zu schliessen ist, handelt es sich bei ammann um einen tonmechaniker alter schule (man riecht quasi noch den graphit). Antworten



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