Die Klatschpolizei hört alles
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 10.03.2010 25 Kommentare
Umfrage
Ein striktes Applausregime regelt in klassischen Konzerten, wann applaudiert werden darf und wann nicht. Finden Sie das angemessen?
Ja, diese Konvention ist sinnvoll
Nein, ich würde lieber dann applaudieren, wann ich will
Ist mir egal, ich gehe ohnehin nie an klassische Konzerte
934 Stimmen
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Bei Laien sorgt die Situation immer wieder für ungläubiges Staunen: Das Orchester schwingt sich zu einem vermeintlichen Finale empor – plötzlich ist Stille. Kein Mensch applaudiert. Nur das Rascheln umgeblätterter Noten ist hörbar. Irgendwie unangenehm. Klatscht jemand aus Unwissenheit oder aus unkontrollierbarer Begeisterung doch in die Hände, wird er mit abschätzigen Blicken bestraft.
Das starre Applausregime, das Beifall zwischen den Sätzen verbietet, sorgt immer wieder für Diskussionen. Der Musikkritiker der renommierten US-Zeitschrift «New Yorker» widmete dem Thema einen längeren Beitrag und zitiert US-Präsident Barack Obama, der vor einem Konzert im Weissen Haus gesagt hat: «Falls einige von Ihnen mit der klassischen Musik nicht so vertraut sind und nicht wissen, wann zu applaudieren, ist dies kein Grund zur Beunruhigung. Präsident Kennedy hatte dasselbe Problem: Er und Jackie luden in diesem Saal mehrmals zu Konzerten, und mehr als einmal applaudierte er an der falschen Stelle. Eine Zugetraute signalisierte ihm dann jeweils, wann er klatschen durfte. Ich habe zum Glück Michelle, die mir jeweils sagt, wann der richtige Zeitpunkt ist.»
Für Alex Ross ist klar: Das Applausregime gehört abgeschafft. Es sei absurd, dass gerade nach Sätzen, die richtiggehend nach Applaus riefen, das Publikum ruhig bleiben soll. Zudem werde damit der Enthusiasmus für die Musik künstlich unterdrückt und neue Konzertbesucher würden abgeschreckt. Ross ist nicht der erste, der das fordert. Schon in den 1930er-Jahren empörte sich der Chefkritker der «New York Times» über jene Klassikpolizisten, die Falschklatscher scholten: «Wie antimusikalisch das nur ist! Snobismus pur.»
«Wer keine Ahnung hat, kommt ohnehin nicht an Konzerte»
Im 18. und 19. Jahrhundert sahen klassische Konzerte noch ganz anders aus. Es durfte immer applaudiert werden, zum Teil auch nach Soli, so wie heute beim Jazz. Wäre dies nicht auch heute wieder angebracht? «Nein», findet Elmar Weingarten, der Intendant des Zürcher Tonhalle-Orchesters, dem wichtigsten Klassik-Klangkörper der Schweiz. «Dass nach einzelnen Musiksätzen nicht applaudiert wird, ist eine sinnvolle und gut eingespielte Konvention», sagt er. Wer keine Ahnung von Musik habe, komme ohnehin nicht an die Konzerte, nur drei Prozent der Bevölkerung gehörten zu den regelmässigen Konzertbesuchern.
Weingarten kann die Argumentation von Alex Ross nicht nachvollziehen. «Nach einem langsamen Satz in einer Symphonie, warum soll man da klatschen? Die nicht informierten Besucher applaudieren sowieso nur, wenns laut wird, dann sind sie begeistert.» Es gebe aber auch Ausnahmen: «Wenn ein Star wie der Pianist Lang Lang in der Tonhalle spielt, dann ist ein Publikum ohne Konzerterfahrung da, und das applaudiert nach jedem Beethoven-Satz. Das ist dann auch kein Problem, denn mit ernsthafter klassischer Musik haben diese Konzerte sowieso nichts zu tun.»
Die Applausregel sieht Weingarten nicht als Hindernis für Neueinsteiger: «Wenn jemand mal falsch klatscht, so ist das nicht schlimm.» Er glaubt, dass eher andere Konventionen wie die Kleidung Leute abschreckten. Er erhalte immer wieder Beschwerden von Besuchern, die sich über andere Gäste beschweren, die nicht angemessen gekleidet seien. Ihn selber stört eine zu legère Kleidung allerdings nicht: «Lieber jemand in Jeans, der ruhig ist, als jemand im Anzug, der dauernd hustet».
Finden Sie die strengen Konventionen an Klassik-Konzerten sinnvoll? Oder sind sie für Sie ein Grund, Konzerte zu meiden? Geben Sie in der Umfrage oben Ihre Stimme ab, und teilen Sie Ihre Meinung oder Erfahrungen im nachfolgenden Kommentarfeld mit! (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.03.2010, 14:29 Uhr
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25 Kommentare
Applaus nach einzelnen Sätzen ist keine Tragödie - das hat man zu Beethovens Zeiten so praktiziert. Störender sind die Selbstinszenierer, welche sogar während der Musik in ihrer Handtasche herumknistern oder das Handy läuten lassen. Solches ist nicht nur respektlos gegenüber den Künstlern , sondern auch gegenüber dem zahlenden Publikum, das sich ernsthaft auf die Musik konzentrieren möchte. Antworten
@Herr Schneider: Und wenn ich jetzt Ihr Klatschen zwischen den Sätzen als Störung und somit als Beeinträchtigung des Einsatzes MEINER Steuergelder empfinde? Mit dieser Totschlagkeule zeigen Sie gar nichts. Ich höre da nur ein trotziges "Ich will klatschen dürfen" heraus. Das hingegen klingt wieder nach Selbstinszenierung der selbsternannten Claqueure... Antworten
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