Kultur

Der Senkrechtstarter in der Opernwelt

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 16.02.2011 3 Kommentare

Der Tenor Vittorio Grigolo tritt morgen in der Tonhalle auf. Trotz seines gesunden Selbstbewusstseins hat der Wahlzürcher auf der Bühne immer Lampenfieber.

«Hohe Eintrittspreise dürfen kein Hindernis sein»: Startenor Vittorio Grigolo liegt viel daran, dass ein neues, junges Publikum den Weg in die Oper findet.

«Hohe Eintrittspreise dürfen kein Hindernis sein»: Startenor Vittorio Grigolo liegt viel daran, dass ein neues, junges Publikum den Weg in die Oper findet.
Bild: WpN/Photoshot

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Die Aufführung

Tonhalle Zürich, 17. Februar, 19.30 Uhr. Mit der Neuen Philharmonie Westfalen und der Sopranistin Sonya Yoncheva.
CD «The Italian Tenor» (Sony 2010).

Stichworte

Haare schwarz wie Lava, helle Haut, melancholischer Blick, geschwungene Lippen. Die Natur hat es gut mit ihm gemeint. Der Mann regt zum Träumen an, noch bevor er überhaupt den Mund aufmacht. Doch dann erst recht: Mit dem samtenen Timbre seiner Stimme bringt Vittorio Grigolo die Opernfans zum Schmelzen. Ist dieser Mann der neue Pavarotti?

«Ich habe zugenommen.» Mit dieser Feststellung holt Grigolo einen in die Realität zurück. Gleich muss er zur Kostümprobe. «Drei Kilo seit der letzten Probe. Man wird das Kostüm neu anpassen müssen.» Bis Mitte April gibt der Sänger in Verdis «Rigoletto» am Zürcher Opernhaus den Herzog von Mantua. Seit seinem Zürcher Debüt in der Fernseh-«Traviata» aus dem Hauptbahnhof ist er hier ein gern gesehener Gast. Und nicht nur hier. Der Tenor, der in der Toskana geboren und in Rom aufgewachsen ist und am kommenden Samstag 34 Jahre alt wird, ist der neue Liebling auf den Opernbühnen. Ein Senkrechtstarter.

Mit sechs trällert er die Melodien aus den «Biene Maja»-Trickfilmen, schmettert auf langen Autofahrten die Arie des Turridu aus der «Cavalleria Rusticana» zu den Kassetten seiner Eltern. Mit neun wird er Solist im Chor der Sixtinischen Kapelle. Mit dreizehn singt er an der Oper in Rom den Hirtenjungen in Puccinis «Tosca». Neben ihm steht Luciano Pavarotti auf der Bühne. Er ist begeistert von dem jungen Talent mit der Sopranstimme. Die Kritik ihrerseits schwärmt von «Pavarottino».

Ein «italiano vero»

Schön, habe er gedacht, sagt Grigolo – und gespürt, dass sein Herz nicht nur für die Oper schlage. «Ich liebte Motoren, Geschwindigkeit, schnelle Autos. Ich wollte Pilot werden. Oder Rennfahrer.» Trotzdem beginnt er mit 17 ein ernsthaftes Gesangsstudium. Er erhält Engagements in Ravenna, Rom, Bologna, Barcelona. Als jüngster Tenor überhaupt debütiert er dann 23-jährig an der Mailänder Scala.

Mittlerweile ist sein Repertoire gewachsen, auch seine Stimme. Sie ist runder, voller geworden. Dass Grigolo über helle und dunkle Ausdrucksspektren verfügt, erlaubt ihm, die unterschiedlichsten Charaktere zu singen. Er träumt davon, in Zukunft vermehrt französische Rollen zu singen. «Das französische Fach liegt mir.»

Als gefragter Sänger mit Wahlheimat Zürich ist er viel auf Reisen. So komme es öfters vor, dass er aufwache und nicht wisse, in welcher Stadt er sich befinde. «Na und?», sagt er, «es genügt mir, den Text zu kennen, den ich singen muss.» Er kennt den Reiz des Gesangsbusiness, aber auch die Gefahren. «Ja, ich liebe das Risiko. Auf der Bühne und im Leben. Was mich herausfordert, inspiriert mich. Aus Vernunftgründen Nein zu sagen, fällt mir schwer.» Verheizen lassen möchte er sich aber nicht – wie etwa sein Kollege Rolando Villazón, der seine Stimme mit einer Turbokarriere überforderte und lange ausfiel. Für Grigolo war das ein Schock.

Gesundes Selbstbewusstsein

Er ist ein «italiano vero», ein temperamentvoller Draufgänger. Wenn er mit einem Dirigenten nicht gleicher Meinung ist, dann kann er auch mal andere Saiten aufziehen. «Ich verhandle. Aber ich bleibe meistens bei meiner Meinung.» Er hat seine Gründe: «Der Sänger ist wichtiger als der Dirigent! Im Gegensatz zu ihm stehe ich mit dem Gesicht zum Publikum. Wenn der Dirigent eine Bewegung vermasselt, merkt es keiner. Wenn ich die Noten nicht treffe, buht mich das Publikum aus.»

Erstaunlich, dass er trotz seines gesunden Selbstbewusstseins immer Lampenfieber hat, wenn er auf die Bühne geht. «Immer», sagt Grigolo. «Lampenfieber ist die Angst davor, dass man sich selber im Wege steht. Man möchte gut sein, das Maximum abliefern. Diese Spannung sorgt für Lampenfieber. Nicht das Publikum, nicht die Rolle.» Deshalb habe er nichts gegen Lampenfieber. «Auf der Bühne wird es in reine Energie transformiert. Das ist für mich das Geheimnis der Oper. Dieses Gefühl kann süchtig machen.»

Innige Küsse

Der Sänger steht mit den attraktivsten Kolleginnen auf der Bühne, liegt in ihren Armen, küsst sie heftig . . . Hat er schon einmal Feuer gefangen? «Nein», sagt Grigolo. «Verliebt habe ich mich auf der Bühne nie. Aber heftig geknistert hat es schon.» Zum Beispiel mit Anna Netrebko. Mit ihr trat er – unter anderem küssend – in «Manon Lescaut» in London auf. «In solchen Momenten möchte man für immer und ewig auf der Bühne bleiben», sagt der Tenor, der seit einiger Zeit mit einer Iranerin verheiratet ist.

Vittorio Grigolo liegt viel daran, dass ein junges, neues Publikum den Weg in die Oper findet. «Hohe Eintrittspreise dürfen kein Hindernis sein. Man muss jungen Leuten die Chance geben, die Oper kennen zu lernen.» Oper ist für ihn eine universelle Sprache. Eine Leidenschaft, die er mit anderen teilen möchte. Deshalb hat er 2006 ein Album aufgenommen, auf dem er Oper und Pop verbindet. Die CD landete in den britischen Top Ten. Mit seiner jüngsten CD «The Italian Tenor» ist er zu seinem eigentlichen Fach zurückgekehrt. Arien von Donizetti, Verdi und Puccini stehen auch im Zentrum des Rezitals in der Tonhalle. Ein Best-of-Grigolo-Programm.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.02.2011, 12:06 Uhr

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3 Kommentare

Ivan Hirt

16.02.2011, 15:46 Uhr
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Ich mag Vittorio Grigolo seinen Erfolg sehr gönnen, obschon dieser Tenor nicht mein Lieblingsänger ist. Meiner Meinung nach, zweifle ich ein bisschen an einer starken Karriere als Tenor. Ich erkenne in seiner Stimme nicht das gewisse etwas, den Zauber usw. Man ist nun verzweifelt auf der Suche nach einem "neuen" Opernstar. Ob er es werden wird? Ich wage es, ein Nein zu schreiben. Man wird's sehen! Antworten


Menel Odorina

16.02.2011, 20:39 Uhr
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Vittorio Grigolo ist ein talentierter Sänger. Er ist sicher noch 'ausbaufähig' und wird heute verfrüht zu den grossen gezählt. Er hat die grosse Gabe auch schauspielerisch sehr, sehr gut zu sein und ist sonst ein gefälliger Mensch, der die Leute für sich gewinnen kann. Sein Aussehen,seine Art machen ihn zum Liebling der Frauen. Es gibt noch viele, junge ausgezeichnete Sänger mit weniger Publicity. Antworten



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