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Den Untergang der Titanic locker überlebt
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Der Aufprall, der das Schiff erzittern und Captain Edward J. Smith erschaudern lässt, ist hart. Doch die noch ahnungslosen Passagiere auf der Titanic-Jungfernfahrt kokettieren vorerst noch fast ein bisschen mit dem plötzlichen Katastrophenszenario, bleiben trotz herumfliegender Eisbrocken cool. Auf dem Bootsdeck spielen Matrosen damit Fussball. Im Erstklass-Salon lässt ein distinguierter Herr ein eben über das Parkett herbeigeschlittertes Eismöckchen lässig ins Glas plumpsen - Whisky on the Rocks. Und hinten spielt das Bordorchester weiter Schubert oder Offenbach, Chopin oder Mendelsson, Walzer oder Ragtime oder sonstige fröhliche Melodien - so, als wolle man die drohende Gefahr nicht wahrhaben, so, als wäre nichts geschehen.
Die Musik war «unsterblich»
Das Bordorchester: Das war, in James Camerons gigantischem Filmspektakel «Titanic», das Berner Quintett I Salonisti. Die fünf Musiker Thomas Füri und Lorenz Hasler (Violine), Ferenc Szedlák (Violoncello), Béla Szedlák (Kontrabass) und Werner Giger (Klavier) spielten zusammen mit dem Londoner Geiger Jonathan Evans-Jones - im Film als Bandleader Wallace Hartley - eine tragende Rolle bis zum bitteren Ende: dem Untergang der Titanic.
Auch in dieser dramatischen Phase der unabwendbar gewordenen Titanic-Katastrophe blieben sie standhaft. Während um sie herum Balken krachten, Eisbergstücke zersplitterten, Salontische und Stühle barsten und Hunderte von Statisten von den Wassermassen durcheinandergewirbelt wurden, taten sie so, als könnten sie auf dem Bootsdeck dem Tod noch spielerisch trotzen. Ganz am Schluss, vom eisigen Wasser selber schon beinahe überflutet, spielten sie symbolträchtig den Choral «Näher mein Gott zu Dir» («Nearer my God to Thee»). Und nachdem Hartley sich heldenhaft-gefasst von seinen Mitmusikern verabschiedet hatte («Gentlemen, it has been a privilege playin’ with you tonight»), verschwanden sie von der Bildfläche. «Die Musik sollte unsterblich sein», schreibt Gisela Trost im Salonisti-Jubiläumsbuch: «Sie ist die einzig vermögende Sprache im Moment der Sprachlosigkeit.»
Das Telefon aus Hollywood
Sprachlos war auch Lorenz Hasler - damals, als bei ihm zu Hause in Köniz das Telefon klingelte und ihn eine Englisch sprechende Frauenstimme fragte, ob die Salonisti allenfalls Interesse hätten, in einer «major Hollywood-Production» mitzuwirken. Die fünf Berner waren überrumpelt - und sagten schliesslich zu. Vorerst waren sie von der 20th Century Fox für die Tonaufzeichnung von 24 Musikstücken aus dem Titanic-Musikprogramm angefragt worden. Doch dann wurde es für das mit seinen schnauzbärtigen Charaktergesichtern auch optisch wirkungsvolle Berner Quintett ein schauspielerisches Engagement - in einem Film, der später allein in den USA 130 Millionen Kinobesucher verzeichnete, gesamthaft fast zwei Milliarden Dollar einspielte und 1998 mit elf Oscars ausgezeichnet wurde.
Zwar mussten die Salonisti nicht, wie ursprünglich vorgesehen, acht Monate lang jederzeit für die Dreharbeiten abrufbereit sein. Doch fünfmal jetteten sie an den Drehort in Baja California in Mexiko. Immer wieder musste mit Konzertdaten jongliert werden, und auch das Entgegenkommen des Berner Sinfonieorchesters war nötig, um das «Titanic»-Abenteuer möglich zu machen.
«Integraler Teil des Films»
Die 20th Century Fox hatte in Bern auch freundlichst darum ersucht - in einem Brief von Koproduzent Jon Landau, in dem er die Wichtigkeit («tremendous importance») der Salonisti für den Film unterstrich. Er sei «thrilled» über die Verpflichtung der Salonisti als Teil dieses historischen Filmereignisses, schrieb er. Die schöne Musik und das Erscheinen der Salonisti («their beautiful music and appearing») seien ein «integraler Teil» des Films.
Umgekehrt wurde die Filmarbeit in Mexiko für die Berner Musiker zum «verrückten Erlebnis». «Unglaublich», sagt Szedlák, «wie professionell da gearbeitet wurde - auch wenn wir oft tagelang im Hotel auf unsere Einsätze warten mussten oder auch mal eine Woche zu früh wieder nach Mexiko beordert wurden.» Für Lorenz Hasler war es «schon toll, als Film-Greenhörner plötzlich in diesen hoch qualifizierten Filmproduktionsbetrieb hineinkatapultiert zu werden». Ein einmaliges Erlebnis war dann auch die Filmpremiere in London, wo die mit der Titanic «untergegangenen» Salonisti die Ehre hatten, vor königlichem Publikum wieder aufzuspielen.
Dass die Salonisti als Titanic-Bordorchester plötzlich weltweite Berühmtheit erlangten, hat für Ferenc und Béla Szedlák zwei Seiten. Einerseits habe man über Nacht internationale Bekanntheit erlangt. Andererseits habe der Filmauftritt zur Folge gehabt, dass viele Konzertveranstalter sie nun explizit als Titanic-Salonorchester hätten verpflichten wollen. «Doch wir wollten nicht einfach auf der Titanic-Welle schwimmen», sagen sie, «und wir waren auch nicht in der Lage, uns für mehrmonatige Titanic-Tourneen zu verpflichten. Der Film war für uns aber eine grosse Sache. Ein Super-Erlebnis.»
«Nach dem Film hätten wir zum Beispiel an einer Modeschau in New York, an einem Diner in Tokio oder bei einem Stapellauf eines Schiffs in Südafrika spielen können», erinnert sich Lorenz Hasler. «Doch das reizte uns nicht, weil es dabei nicht um unsere Musik, sondern nur um den Showeffekt gegangen wäre. Wir nahmen also nur wenige eigentliche Titanic-Engagements an, profitieren aber noch heute vom Renommee als Titanic-Orchester.»
«Wir sind noch nicht müde»
Die Salonisti brachen also auch nach dem Untergang der Titanic zu neuen musikalischen Ufern auf. Und das soll so bleiben. Lorenz Hasler ist jedenfalls überzeugt, dass die Zeit für die Salonisti noch längst nicht abgelaufen ist: «Wir sind noch nicht müde. Wir haben weiterhin Lust, unser Profil immer wieder zu erneuern. Im Musikmarkt hat sich zwar einiges geändert. Doch wenn wir Neues anbieten, wird ein gewisses Interesse an uns bleiben.» Ein Glück sei auch, dass man die Abgänge im Laufe der Jahre - vor allem jene von Thomas Füri und von Werner Giger, der 2000 starb - mit hervorragenden Musikern habe auffangen können: «Piotr Plawner und André Thomet sind exzellente Musiker und vor allem auch grossartige Kollegen.»
Die Lust, weiterzuspielen, verspüren auch Ferenc und Béla Szedlák. «Obschon ich ja nicht mehr der Jüngste bin», sagt Ferenc, «und sich meine Kollegen irgendwann nach einem neuen Cellisten umsehen müssen.» Der fast zwei Jahrzehnte jüngere Pianist André Thomet winkt aber ab: «Ferenc und Béla sind die Urgesteine der Salonisti. Ich liebe den besonderen Charme des Spiels von Ferenc. Und Béla ist das emotionale Zentrum der Salonisti. Er sorgt für Stimmung und für den Ausgleich. Bringt Impulse. Und ist auch als Strahlemann auf der Bühne unverzichtbar.»
«Natürlich, leicht, geschmeidig»
Den Erfolg der Salonisti führt Lorenz Hasler vor allem auf die Ausstrahlung des Ensembles zurück: «Es ist unsere natürliche, leichte, geschmeidige und unprätentiöse Art aufzutreten. Auf der Bühne sind wir nahe bei den Leuten, da ergibt sich ein schöner Fluss zwischen uns und dem Publikum.» Die Salonisti hätten stets als «extrem demokratische Gruppe funktioniert». Man schätze und respektiere sich gegenseitig. Und man ergänze sich. Keiner habe je seine Autonomie aufgeben müssen. Jeder könne sich auf seine Stärken konzentrieren und mithelfen, allfällige Schwächen der anderen zu überspielen. «Das war und ist bei den Salonisti extrem befriedigend», sagt er, «vor allem in den Konzerten. Da sind wir immer besser als in den Proben.» Thomas Füri, der das Spiel der Salonisti während fünfzehn Jahren, von 1985 bis 2000, als Geiger mitgeprägt hatte, dann aber «aus Zeitgründen und eigentlich wider Willen» aus dem Quintett ausscheiden musste, spricht von einer grossartigen Zeit: «Ich habe das kollegiale, unforcierte und vergnügliche gemeinsame Musizieren sehr geschätzt.» Vor allem deshalb, weil man sich im Laufe der Jahre gesteigert und die Stücke immer raffiniert arrangiert habe. Und weil er sich mit den Musikerkollegen in all den Jahren und in jeder Beziehung gut verstanden habe - «geschmacklich, stilistisch, und vor allem auch menschlich».
So sei es gelungen, «einen eigenständigen Stil zu finden, der weder akademisch noch kitschig war». Und so habe man musikalische Niveauunterschiede im Ensemble ausgleichen und die Salonisti - eben vor allem auch dank guten Arrangements - zu einem qualitativ hochstehenden und faszinierenden harmonischen Ganzen zusammenfügen können: «Als Gruppe waren wir stark, kamen bei den Leuten gut an. Und das ist auch heute noch so.»
«Sie sprühen vor Ideen»
«Die Salonisti sind so jung wie vor dreissig Jahren, sprühen noch immer vor Ideen»: Das sagt der Geiger Daniel Zisman, der als Gründungsmitglied von 1981 bis 1985 und in den 90er-Jahren mitgespielt hat: «Sie haben zwar Salonmusik-Wurzeln, sind aber auf kreative und vielfältige Weise aus diesen Wurzeln herausgewachsen - haben sich stets weiterentwickelt, Neues ausprobiert, ihr Repertoire klug ausgebaut.»
Als wichtigen Erfolgsfaktor nennt Zisman auch die Kontinuität im Ensemble: «Mit den Szedlák-Brüdern und mit Lorenz Hasler ist der harte Kern von damals noch immer dabei. Und dazu kamen stets gute neue Musiker.» Ein Grund für den Erfolg sei auch «die Begeisterung, die die Musiker ausstrahlen, wenn sie auf der Bühne sind». (Der Bund)
Erstellt: 15.11.2011, 08:33 Uhr
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