Kultur
«Das Orchester fällt tot um»
Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 26.04.2012
Bettina Keller
Bettina Keller ist Lehrerin für Kontrabass.Zusammen mit Kontrabassklassen aus den Musikschulen Bern, Köniz, Aaretal, Worblental/Kiesental und Zollikofen-Bremgarten hat sie das Projekt «Die Odyssee», eine Irrfahrt mit 40 Kontrabässen ums Mittelmeer, erarbeitet.
Aufführungen
Yehudi Menuhin Forum Bern: Sa, 28. April, 19.30 Uhr. Pfrundschüür Köniz: Sa, 5. Mai, 17.30 Uhr. Aula Schulhaus Schlossmatt Münsingen: Di, 8. Mai, 19.30 Uhr.
Sie haben 40 Kinder im Orchester, die alle Kontrabass spielen. Eine ungewöhnliche Besetzung. Es gibt böse Zungen, die sagen, wer Kontrabass spielt, ist faul oder an Cello oder Geige gescheitert.
Bei uns ist das nicht der Fall! Der Kontrabass ist für die Kinder keine Verlegenheitslösung. Die haben sich bewusst für das Instrument entschieden. Die 20-Jährigen im Orchester spielen grosse Instrumente, die 5-, 6-Jährigen ganz kleine, die aber auch ganz toll und tief klingen. Die Kinder lieben Kontrabasstöne. Am Anfang arbeiten wir stark übers Gehör, spielen Lieder, die die Kinder kennen. Wenn ein Kind weiss, wie es tönt, was es spielen will, lernt es sehr schnell. Das Notenlesen kommt später.
Die Literatur für Kontrabassorchester ist nicht gerade üppig. Was spielen Sie denn?
Alles! Viel Volksmusik, neue Kompositionen, Klassik, Pop, Hitparade. Es kommt auf das Arrangement an. Noten dafür kann man nicht kaufen. Deshalb sammeln und arrangieren wir alles selber. Beim aktuellen Projekt haben Simone Rigmi, Christian Schmid und ich rund ein Dutzend Stücke geschrieben. Neun sind übrig geblieben.
Ihre musikalische «Odyssee» durch den Mittelmeerraum basiert auf Homers umfangreichem Buch. Da nimmt es schon wunder, welche Tricks Sie anwenden, um einzig mit Kontrabässen und in nur 50 Minuten diese komplexe Geschichte zu erzählen?
Den roten Faden bilden ausgewählte Begegnungen auf Odysseus’ Reise. Wie bei Homer, gibt es bei uns den einäugigen Zyklopen, die Seeungeheuer, die Nymphe Kalypso oder die Zauberin Kirke, die Odysseus rät, in die Unterwelt zu steigen. Diese Stationen werden allerdings nicht nur musikalisch, sondern auch bildlich dargestellt. Das Kontrabassorchester bekommt Unterstützung: Das Roosaroos Puppentheater, eine renommierte Wanderbühne aus dem Aargau, spielt die jeweiligen Szenen auf einer Mini-Puppenbühne. Das Bühnchen steht mitten im Meer aus Kontrabässen. Zusätzlich wird das Spiel mit einer Handkamera gefilmt und die Bilder auf ein grosses Schiffssegel hinter dem Orchester projiziert. So erhält das musikalische Erlebnis eine zusätzliche Dimension. Vielleicht könnte man das Resultat am ehesten mit den alten Stummfilmen mit Livemusik vergleichen. Mit dem Unterschied, dass bei uns die Kontrabass spielenden Kinder und Jugendlichen auch mal schauspielerische Aufgaben übernehmen.
Inwiefern?
Zum Beispiel erschrickt das vierzigköpfige Kontrabassorchester, wenn aus dem Dunkel die schreckliche Gestalt des Zyklopen auftaucht. Oder: Das Orchester fällt zum Schluss tot um, wenn es bei Odysseus’ Heimkehr in Ithaka ein mörderisches Gemetzel gibt. Keine Angst: Das Stück endet trotzdem mit Happy End.
Sie haben für das «Odysseus»- Projekt 2011 den Musikvermittlungspreis des Kantons Bern gewonnen. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Neben dem Preis – 20 000 Franken – eine grosse Motivation, weiterzumachen. Wir kreieren schon seit Jahren Projekte, mit denen wir Kontrabassschülern das gemeinsame Musizieren vermitteln – und einem breiten Publikum ein künstlerisches Produkt. Die «Odyssee» werden wir in Schulvorstellungen zeigen: Bis jetzt sind 750 Kinder angemeldet. In den öffentlichen Aufführungen sprechen wir auch Familien und Erwachsene an. (Der Bund)
Erstellt: 26.04.2012, 08:53 Uhr








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