Als die Wagners Teekränzchen mit Hitler abhielten
Wolfgang Wagner mit seinen Töchtern Katharina und Eva Wagner-Pasquier. (Bild: Keystone)
Die neue Ära Wagner beginnt
Am Samstag hebt sich um 16 Uhr der Vorhang zu «Tristan und Isolde». Prominenz aus Kultur und Politik wird dazu erwartet – und von Zaungästen beim «Einzug der Gäste» traditionsgemäss begafft werden. DRS 2 sendet die Aufführung am 9. August von 20 bis 24 Uhr.
Neuinszenierungen gibt es dieses Jahr nicht. Aber die ersten Festspiele, die vom Duo der Urenkelinnen Eva Wagner-Pasquier und Katharina Wagner verantwortet werden, bieten einige Neuerungen. So wird der «Fliegende Holländer» in einer auf eine Stunde gekürzten Fassung für Kinder geboten – gratis, auch für begleitende Erwachsene (erste Aufführung am Samstag 12.30 Uhr). Ausserdem gibt es erstmals Einführungsvorträge von Theaterwissenschaftlern, die sich den einzelnen Inszenierungen widmen. Die Festspiele dauern bis 28. 8., die Karten sind wie immer seit Jahren ausverkauft.
Die Festspiele «fangen bekanntlich bei uns nachmittags um vier Uhr an, und kurz nach halb vier oder vielleicht noch später, dreiviertel vier, setzte sich Hitler in seinen Wagen und fuhr dann durch die Stadt zum Festspielhaus. Sämtliche Strassen – also von der Richard-Wagner-Strasse bis zum Festspielhaus – waren dicht mit Menschenmassen besetzt.» Winifred Wagner spricht, Richard Wagners britische Schwiegertochter, Mutter der Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang. Sie war nach Cosimas Tod und dem ihres Mannes Siegfried 1930 zur Herrin auf dem Grünen Hügel aufgestiegen. Ihre Verbindung zu den Nationalsozialisten, besonders eng zu «Freund» Adolf Hitler, hat Winifred selbst 1975 in einem offenherzigen, damals allgemein als Skandal empfundenen Filminterview mit Hans Jürgen Syberberg öffentlich bekundet.
Kunst und Politik – getrennte Welten?
«Man hat mir auch vorgeworfen, dass ich die Festspiele in den Dienst des Nationalsozialismus gestellt hätte. Das ist natürlich ein barer Unsinn. Wir haben Bayreuth bzw. unsere Aufführungen vom rein künstlerischen Gesichtspunkt aus durchgeführt.» Kunst und Politik also getrennte Welten? Winifred Wagner ist nicht nur die Zeugin von Hitlers Wagnersucht, seiner Besuche bei den Festspielen vor und während des Dritten Reichs, sie taugt auch als Gewährsfrau für das Bewusstsein, welches das «rein Künstlerische» vom Politischen abtrennt – Anliegen jedes «unpolitischen» Künstlers. Wie die Beziehung Winifreds zum Führer und der NS-Partei wirklich aussah, diese Verstrickung wurde von der Familie verdrängt, blieb im Schatten der Festspiele.
Winifreds Enkelin Katharina Wagner, die mit Halbschwester Eva Wagner-Pasquier jetzt erstmalig die Festspiele leitet, hat kürzlich angekündigt, man wolle die Nazi-Vergangenheit der Wagners nunmehr definitiv untersuchen lassen, ein unabhängiges Institut sei mit der Aufklärung beauftragt, man werde «Einblick in vielleicht noch unbekannte Dokumente bekommen». Selbst wenn die Resultate, wie zu vermuten, in der Substanz vage bleiben, allein die Ankündigung hat Aufsehen hervorgerufen, ein Aufatmen. Gespannt erwartet man Antwort auf die Frage, ob es in der Villa Wahnfried oder bei Mitgliedern der Wagner-Familie – oder in den Grals-verliesen des Festspielhauses – Dokumente gibt, die bisher unzugänglich waren.
«In der Familie sprach man nicht darüber»
Immerhin soll, kündigte Katharina Wagner schon an, 2013 der Öffentlichkeit ein Zwischenergebnis der Untersuchungen vorgelegt werden – zu Richard Wagners 200. Geburtstag. «In der Familie sprach man nicht darüber», hat die Urenkelin neulich betreten bekannt. Also dann: «Wenn sich meine Schwester und ich dem nicht stellen, wer dann?» Der Vorwurf, die Wagner-Sippe und die Festspiele hätten zu wenig für die Aufarbeitung ihrer Geschichte während der NS-Zeit getan, ist nie verstummt, was zu massiven Verwerfungen innerhalb der Familie geführt hat.
So ist Wolfgang Wagners Sohn Gottfried, 1947 geboren, heute in der Nähe von Mailand ansässig, auch deshalb in Bayreuth Persona non grata geworden, weil er in Sachen Nazi-Vergangenheit und Antisemitismus nicht locker liess, weil er, beschämt und zornig, früh auf der Öffnung der Archive bestand, darauf, dass die Wagners endlich ihre Verstrickungen in den Nationalsozialismus eingestehen und aufarbeiten. 1997 hat er ein Buch veröffentlicht («Wer nicht mit dem Wolf heult»), mit dem er eine radikale Aufdeckung forderte. Ähnlichen Impulsen folgte Winifred-Tochter Friedelind, die im Dritten Reich die Emigration vorzog, weil sie den Nazi-Kult Bayreuths entsetzt zurückwies. Ihr Buch «Nacht über Bayreuth» (1945) dient heute der Familie als Entlastung.
Reif für Hitler
Bayreuth und der Grüne Hügel, das war lange vor dem Dritten Reich ein Hort deutschvölkischen und antisemitischen Ressentiments, in der Gefolgschaft Richard Wagners und seiner verhängnisvollen Schrift über «Das Judentum in der Musik». Cosimas Lieblingstochter Eva heiratete den Rassentheoretiker der Nazis, den Wagner-Fanatiker Houston Stewart Chamberlain, der gemeinsam mit Cosima die Ideologie von Wahnfried bestimmte. Antisemitismus prägte auch ihren Sohn Siegfried, der bis zum Tod 1930 die Festspiele leitete. Bayreuth war Bastion der zerstörerischen Weimarer Rechtsopposition, liess sich eingliedern in die Kulturpolitik der Nationalsozialisten gegen «Kulturbolschewismus» und «innere Zersetzung». So war man reif für Hitler, der am 1. Oktober 1923 zum ersten Mal die Villa Wahnfried betrat.
Das Thema Hitler und das NS-Regime in Bayreuth ist, auch wenn Katharina Wagner jetzt Aufklärung ankündigt, von der Wissenschaft längst erforscht worden. Vor zehn Jahren wurde «Richard Wagner im Dritten Reich» auf einem Symposion auf Schloss Elmau detailliert untersucht. Unter achtzehn Referaten (veröffentlicht als Beck-Taschenbuch) befindet sich der Beitrag Nike Wagners über Grossmutter Winifred, die schon 1926 der NSDAP beigetreten war und später bei Hitler persönlich dafür sorgte, dass den Festspielen aus einem Spezialfonds Subventionen zuflossen. Hitler seinerseits suchte in Bayreuth Ablenkung von der Politik, lustvolle Bestätigung seiner Wagnermanie. Er interessierte sich sogar für künstlerische Fragen, Probleme der Aufführungen, er hofierte die Wagner-Familie, an der Spitze Winifred, und diese lag ihm zu Füssen.
Druckverbot
Die Hoffnung, noch wesentlichen Zeugnissen der NS-Verstrickung heute zu begegnen, darf man nicht allzu hoch hängen. In ihrem Buch über «Die Familie Wagner» bezeugt Brigitte Hamann, dass Winifred im hohen Alter ihr umfangreiches Privatarchiv, um es vor dem aufklärerischen Furor von Enkel Gottfried zu sichern, nach München transportieren liess, ins Haus ihrer Lieblingsenkelin Améli Lafferentz. Dieselbe Winifred, die einst eine Richard-Wagner-Forschungsstelle begründet hatte, um das Familienarchiv vor Zerstreuung zu bewahren. Und die, wie Michael Karbaum in seinem fundamentalen Buch über «100 Jahre Bayreuther Festspiele» schreibt, noch 1943 beim Reichsführer-SS Heinrich Himmler intervenierte, um ein «Druckverbot für alle Veröffentlichungen über Richard Wagner zu erwirken, die nicht von der Bayreuther Forschungsstelle autorisiert waren».
Bis heute liegt Winifreds Privatarchiv bei Améli Lafferentz in München, niemand erhält Einblick in die Konvolute, die den Nachlass Winifreds und ihres Mannes einschliessen, darunter Briefe der Familienmitglieder – vielleicht auch Adolf Hitlers? Auch ihr Tagebuch gehört dazu, von dem Nike Wagner vermutet, dass es womöglich nur ein Haushaltsbuch sei. Winifreds Sohn Wolfgang soll manche historischen Dokumente später selbst verbrannt haben.
Nike Wagner erinnert sich lebhaft, dass ihr Vater, Wolfgangs 1966 gestorbener Bruder Wieland, den Hitler besonders schätzte und als Künstlernatur begünstigte, immer vor allem das Gefühl der Scham über die Bayreuther NS-Vergangenheit bei sich spürte: Aber «er starb zu früh, wir haben ihn nie richtig befragt». Sie und ihr Cousin Gottfried berichten von privaten Schmalfilmen der Familie, welche Teestunden und Spaziergänge mit Hitler zeigen und nur teilweise an die Öffentlichkeit gelangten. Nike Wagner glaubt nicht an kommende, sensationelle NS-Funde in Bayreuth. Was auftauchen könnte, seien vielleicht individuelle Geschenkstücke Hitlers an Winifred und deren Söhne.
Zu viele Hofschranzenberichte
Gottfried Wagner, der 1992 eine «Post-Holocaust-Gruppe» mitbegründet hat, kann seine innere Erregung über die skandalöse Familienvergangenheit nicht verbergen. Er glaubt sogar, dass die Wagner-Enkel Wolfgang und Wieland nur dadurch nach dem Krieg an die Macht in Bayreuth gelangt sind, weil sie «Geschichtsfälschung» bezüglich ihrer Rolle im Dritten Reich betrieben hätten. Ungehalten wird er über die Bemerkung Katharina Wagners, die Finanzierung der angekündigten NS-Erforschung sei noch nicht gesichert. «Seit 57 Jahren muss das aufgearbeitet werden, das Thema Geld ist für mich überhaupt nicht akzeptabel.» Und er will wissen, ob das damit betraute Institut wirklich unabhängig, also seriös ist, denn damit stehe und falle das ganze Unternehmen, «Hofschranzenberichte gab es zur Genüge».
Gottfried glaubt, anders als Nike, dass dabei noch «umfangreiches Material» zu sichten sei. «Es wird unangenehme Diskussionen für die Familie und für Bayreuth geben.» Gottfried war derjenige, der das Verharmlosen und Sichreinwaschen seiner Grossmutter Winifred durchkreuzen wollte. Ihre Verdrängungskünste: «Also betonen möchte ich», hatte Winifred in Syberbergs Film bekannt, «dass es ein Wunsch Adolf Hitlers war, nach Wahnfried kommen zu dürfen, und er in tiefer Ehrfurcht und Liebe, möchte ich beinahe sagen, zu Richard Wagner erfüllt war.»
© Süddeutsche Zeitung (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.07.2009, 19:16 Uhr
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